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David Kross: Der Shootingstar des deutschen Films

Seinen 18. Geburtstag hat er mit Kate Winslet gefeiert. Da stand David Kross gerade mit der Hollywood-Schauspielerin für den "Vorleser" vor der Kamera. Nun läuft "Krabat" an. Darin spielt er einen Zauberlehrling. Ein weiterer großer Schritt in einer magischen Karriere.

Von Johannes Gernert

Ganz am Anfang hat Detlev Bucks Tochter ihm eine geknallt. Ohne Vorwarnung. Seine Wange war danach ziemlich rot. David Kross hat sie kurz angesehen und gesagt: "Hat nicht weh getan". Da hat sie ihm noch eine gescheuert. So richtig diesmal. Buck castete gerade für seinen Film "Knallhart". Und wie dieser Junge auf die Ohrfeigen reagierte, das hat ihn fasziniert. Cooles Gesicht, trotzdem verletzlich. Kross war einer von 500 Jugendlichen, die für die Hauptrolle in dem Großstadt-Drama in Frage kamen.

Der Film handelt von einem Teenager, der aus einer behüteten Berliner Vorstadtsiedlung in die Gang-Welten im schmutzig-ruppigen Neukölln gerät. Fast drei Monate lang ließ er Kross immer wieder antreten, hat Buck einmal erzählt. Bis er die Rolle hatte. Der Film gewann schließlich den Deutschen Filmpreis in Silber. Da war Kross noch keine 18. Als er im Juli volljährig wurde, drehte er gerade "Der Vorleser" mit Kate Winslet. Eine Hollywood-Produktion. Nun läuft die Verfilmung von Otfried Preußlers Märchenklassiker "Krabat" an - mit David Kross in der Hauptrolle. Was für eine Karriere.

"Das ist ein Traumstart"

Es gibt wenige deutsche Schauspieler, die in diesem Alter schon so weit gekommen sind. Daniel Brühl war 23, als er mit "Das weiße Rauschen" bekannt wurde. Auch er spielt in "Krabat" mit. Kross' Karriere hält er für einmalig: "Er hat nur Kino gemacht, gleich am Anfang. Und dann auch noch diesen internationalen Film 'Der Vorleser', der natürlich die Megawucht ist. Das ist ein Traumstart. Das hat es so, glaube ich, noch nicht gegeben."

Einige Wochen nach dem Dreh mit Kate Winslet sitzt David Kross auf dem schwarzen Ledersofa eines Berliner Hotels und lässt einen moosgrünen Filzuntersetzer auf den Tisch fallen. Kross trägt Cowboystiefel, enge Jeans und einen grauen Pullover mit V-Ausschnitt. Es ist schwül draußen, es ist der zweite Interviewtag, das soundsovielte Gespräch. Der Untersetzer klackt auf die Tischoberfläche, immer wieder. Kross schaut ihm dabei zu. Er wirkt hyperaktiv und doch zugewandt.

"Der Vorleser", sagt er, habe sich von den beiden vorherigen Filmen nicht allzu sehr unterschieden: "Da ist am Anfang immer eine wahnsinnige Nervosität, eine Anspannung und ein Druck, den man spürt." Bei Kate Winslet sei er zunächst etwas gehemmt gewesen. Er habe aber bald gemerkt, dass sie auch nur ein Mensch sei und dann eben versucht, seine Arbeit anständig zu machen. Als "Knallhart" entstand, hatte er zwei Wochen Stress-Nasenbluten. "Man darf diesen Druck nicht verlieren", sagt Kross, und der Untersetzer fällt wieder auf den Tisch.

Demut und Respekt

Die Gefahr besteht bei ihm derzeit nicht. Dafür wird er nach "Krabat" und "Der Vorleser" zu sehr beobachtet werden. Eigentlich, sagt Kross, sei er in seinen Beruf eher so reingerutscht. Er wollte früher immer Fußballer werden, nicht Schauspieler. Fürs Fußballspielen sei er aber irgendwann zu schlaksig geworden. Die Schauspielerei habe aber ganz gut funktioniert. "Ich habe gemerkt: Das ist eine Möglichkeit, das kann ich machen." Auch wegen solcher Antworten findet nicht nur Brühl in so sympathisch: "Der geht total mit Demut und Respekt an diesen Beruf heran."

Während der "Krabat"-Dreharbeiten in den rumänischen Karpaten ist die Schauspieler-Truppe jeden Morgen in aller Frühe eineinhalb Stunden mit dem Bus zur Mühle gefahren, dem Filmdomizil des düsteren Meisters und seiner Zauberlehrlinge. Manchmal mussten sie anhalten, weil ein Bär über die Fahrbahn lief. Sie haben Wölfe heulen gehört. "Unberührt und magisch", erschien Kross das alles. Und ein bisschen wie eine Klassenfahrt. Am Abend sahen sie zu, wie der "Drehdreck" von der Mühle den Ausguss der Hoteldusche hinuntergurgelte. Im Gegensatz zu Brühl, der Preußlers Bestseller noch aus Teenagertagen kannte, hat Kross das Buch erst vor dem Projekt gelesen.

"Eine zarte, ehrliche Liebesgeschichte"

Das Märchen aus der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg erzählt vom obdachlosen Jungen Krabat, der in einer verwunschene Mühle aufgenommen wird, die Gemeinschaft mit anderen Müllersgesellen erlebt, in Schwarzer Magie unterrichtet wird und nach seiner anfänglichen Naivität die Merkwürdigkeiten des Menschenknochenmahlens zu hinterfragen beginnt. "Diese Entwicklung fand ich als Schauspieler wahnsinnig spannend, diese Bandbreite und Komplexität spielen zu dürfen", sagt Kross. Der Erzählzeitraum beträgt sechs Jahre. Kross altert darin schnell, und er tut es glaubwürdig.

Im Film ist Daniel Brühl Tonda, ein Altgeselle und der Mentor Krabats. Es hat sich zwischen den Beiden am Set eine ganz ähnliche Beziehung entwickelt. Auch wenn der Ältere immer wert darauf gelegt hat, nicht wie ein Lehrer aufzutreten. Brühl hat Kross trotzdem Tipps gegeben, wie man die Kamera im Hinterkopf behält etwa.

Brühl hat es immer abgelehnt, sich an einer Schauspielschule zu bewerben. Kross denkt zumindest darüber nach. Er hat nach der elften Klasse gerade das Gymnasium mit der Mittleren Reife verlassen, um sich aufs Spielen zu konzentrieren. "Es ist wichtig, den Mittelpunkt zwischen Instinktschauspielerei und Technik zu lernen", sagt er. Für den Technikteil hält er eine Schule ganz sinnvoll. "Das sollte man nicht unterbewerten."

Eher schüchtern

Er klingt manchmal ziemlich abgeklärt, zum Beispiel wenn man ihn nach Vorbildern fragt: "Als Schauspieler musst du immer noch ein Stück du selbst sein, deinen eigenen Weg finden, deine eigene Arbeit machen." Und auch, wenn er über eines der großen "Krabat"-Themen spricht, die naive, bedingungslose Liebe, gegen die es keinen Zauber gibt: "Ich glaube, dass man Liebe nicht begreifen kann. Ich glaube, wenn man anfängt über Liebe zu sprechen, zerstört man es schon. Entweder passt es oder es passt nicht. Für den Film ist es eine zarte, ehrliche Liebesgeschichte. Das war mir wichtig, das zu erzählen."

Krabat verliebt sich in die bezaubernde Kantorka, die mit ihrer bedingungslosen Zuneigung den Fluch von der Mühle und den Gesellen nehmen kann. Es wäre eine schöne Boulevardgeschichte geworden, wenn sich auch der junge Kross in die schöne Darstellerin verliebt hätte, so wie es mit Alexandra Maria Lara und Sam Riley in dem Joy-Division-Film "Control" geschah. Mit solchen romantischen Sperenzchen kann Kross aber nicht dienen. "Nein, das ist nicht passiert", sagt er, und es klingt sehr geschäftlich.

Der ganze Medienrummel scheint ihm suspekt. Als er wegen "Knallhart" während der Berlinale vor den Journalisten stand, war er so aufgeregt, dass er kaum etwas sagen konnte: "Ich stehe vom Typ her nicht so gerne im Mittelpunkt. Man muss versuchen, das so gut als möglich zu erledigen."

Die Scheiß-Filme der Großen

Er weiß, dass es nach diesem unglaublichen Start nicht leichter werden wird. Und dass er auch Filme drehen wird, die nicht so gut ankommen, aber die Miete bezahlen. "Jeder große Schauspieler hat auch Scheiß-Filme gedreht - oder jeder, den ich groß fand. Das wird auch mir noch passieren. Wer weiß. Mein Gott. Man versucht sein Bestes zu geben", sagt er. Zunächst allerdings macht er erst einmal Urlaub.