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Kinostart "Easy A - Einfach zu haben": Die Highschool-Hölle in Zeiten von Twitter

Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin. Schülerin Olive spielt mit Gerüchten, anstatt sich von ihnen verletzt zu fühlen. "Einfach zu haben" macht da weiter, wo "Clueless" aufgehört hat.

Von Sophie Albers

Es begab sich zu einer Zeit, als es in der Schule noch Zensuren für die Handschrift gab, aber keine iPods, da schrieb und drehte ein Mann Filme, der die Jugend besser zu verstehen schien, als die Jugend sich selbst. John Hughes war sein Name, und der stand bald für ein eigenes Genre: die John-Hughes-Filme: Das existenzielle Drama der Erwartungen an Heranwachsende in "Der Frühstücksclub" (1985), Geld oder Liebe in "Pretty in Pink" (1986), die ultimative Coolness in "Ferris macht blau" (1986) oder der feine Grat zwischen Freundschaft und Liebe in "Ist sie nicht wunderbar?" (1987). All diese Werke vereint ein wichtiger Ort des Geschehens: die amerikanische Highschool, die dem deutschen Teenager nach diesen Filmen vorkommen musste wie ein ewigwährendes Disneyland der pubertären Träume.

Aber jedem Traum folgt das Aufwachen: John Hughes verlagerte sich bald aufs noch jüngere Publikum ("Kevin - Allein zu Haus"), und der Highschool-Film verkam bis auf wenige Ausnahmen zum Sex-Furz-Kotz-Liebeskomödien-Musical-Kaspertheater: "American Pie" (1999), "Party Animals" (2002) oder auch "Sex nach Alphabet" (2008). Der Highschoolfilm à la Hughes, der die ganze Sache mit dem Erwachsenwerden verdammt ernst nimmt, ohne dabei langweilig oder lächerlich zu sein, schien passé. Eine große Ausnahme war Amy Heckerlings Meisterwerk "Clueless", und das ist 15 Jahre her.

Sexlose Sexkomödie

Wozu diese historische Rückschau? Um einen wirklich grandiosen Highschoolfilm zu feiern, mit dem kaum noch jemand gerechnet hat: "Einfach zu haben" ist aktuell, schnell, schlau, bitter wie süß und wird getragen von einer Riege schlicht und ergreifend brillanter Schauspieler. Angefangen bei Emma Stone, 22-jährige Hollywoodhoffnung ("The House Bunny", "Zombieland"), die der Coming-of-Age-Geschichte sehr entspannt Biss verleiht; über den umwerfenden Stanley Tucci ("Der Teufel trägt Prada", "Julie&Julia") als Stalinorgel der Dialogkunst; bis zu "Friends"-Star Lisa Kudrow, die sich bereits mit "Romy und Michele" einen Platz in der Hall of Fame des Highschoolfilms verdient hat.

Auftritt William Gluck, Regisseur von "Einfach zu haben". Alt genug, um John-Hughes-Filme zu kennen, jung genug für drei iPods. Und er ist bereit, das Geheimnis seines genialen Films zu verraten: "Es ist eine sexlose Sexkomödie", sagt er und grinst. Da denkt man sofort an "Twilight", das sexlose Sex-Drama, aber Gluck ist viel schlauer als das. Mit "Einfach zu haben" nimmt er die ganze Sex-Bigotterie, die Hollywood immer wieder zu Kopfknoten zwingt, mit aller Eleganz auf den Arm: "In Amerika kann man Leute töten, ihnen die Köpfe abschlagen. Aber Highschool-Kids, die Sex haben, jagen den Amerikanern eine Höllenangst ein. Ja, das ist verrückt." Gluck beugt sich vor: "Und jetzt verrate ich Ihnen, warum: Alle Amerikaner, die einen Sohn oder eine Tochter haben, kennen jemanden, dessen Sohn oder Tochter Sex hat. Niemand in Amerika kennt jemanden, der Menschen tötet. Wenn sie also Gewalt im Kino sehen, denken Amerikaner: Ach, das ist ja nichts. Wenn sie aber ein Mädchen sehen, das Sex hat, denken sie: 'Ich will nicht, dass meine Tochter Sex hat.' Das ist der Unterschied."

Gossip, Freundschaft, Liebe

Die Heldin seines Films hat zwar keinen Sex, aber ihre Mitschüler glauben, dass es so ist, was offensichtlich noch viel schlimmer ist. Olive Penderghast (Emma Stone) ist eine smarte Schülerin, der es an nichts fehlt, außer der viel besungenen Popularität. Sie wird auf dem Schulkorridor schon mal über den Haufen gerannt, oder die Oberblondine kennt ihren Namen nicht. Bis zu dem Tag, an dem das Gerücht aufkommt, Olive habe ihre Unschuld an einen Studenten verloren. Plötzlich wispern, tweeten, simsen tausend Schüler Olives Namen. Und damit nicht genug: Nach anfänglicher Abwehr arrangiert sich Olive mit ihrem neuen Ruf, genießt ihn geradezu. Als sie einem homosexuellen Mitschüler, der täglich gemobbt wird, rät, es doch genauso zu machen, bittet er sie um Hilfe. Also verschwinden die beiden auf einer Party ganz offensichtlich in einem Zimmer und liefern hinter geschlossener Tür ein Hörspiel ab, das aus der homosexuellen Zielscheibe einen Hetero-Macho macht. Gerüchte machen Leute.

Olive, die auch anderen "Benachteiligten" hilft, gilt mittlerweile als Schlampe, die von Christen gerettet oder deren Lust ausgenutzt werden muss. Statt gegen den Gerüchte-Wahnsinn anzugehen, spielt sie damit - bis jemand weint: Denn neben dem Sex-Wahn und der so aktuellen Gossip-Kultur verhandelt "Einfach zu haben" auch Freundschaft, Verantwortung, Reife und natürlich ein bisschen die Liebe. Es ist ein verdammt schlauer, detailverliebter, jede Sekunde betörender Highschoolfilm geworden, der ein Dialogfeuerwerke abbrennt und in zig Anspielungen den großen Meister John Hughes ehrt. Denn eine Sache hat sich in all den Jahren auf der Highschool seit damals nicht geändert: Die Hölle, das sind die anderen.