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Die Medienkolumne zu neuen TV-Formaten: Das fröhliche Praktikantenfernsehen

Roche und Böhmermann, Joko und Klaas, Kuttner oder Bauerfeind - ungefähr alle Talente aus der Generation Viva sind nun in Spartenkanälen von 3Sat bis ZDF.Kultur mit eigenen Sendungen versorgt. Was sie da veranstalten, soll schrill, experimentell und authentisch sein. Aber muss man deswegen auch alles gut finden?

Von Bernd Gäbler

Natürlich, das Fernsehen ist in seinen hauptsächlichen Programmen so öde durchformatiert und erwartbar unterhaltsam, dass alles bejubelt werden muss, was irgendwie schräg sein möchte, originell, spontan oder gegen den Strich gebürstet. Von dieser Begeisterung leben einige der schon fast zu Starruhm gelangten Protagonisten der mit den Hufen scharrenden "jungen Wilden" in der TV-Unterhaltung.

Für sie kann das bei der Firma Endemol unter Vertrag stehende Moderatoren-Duo Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf, die von "Ahnungslos" bis "neoParadise" schon reichlich Erfahrungen gesammelt haben, als stilprägend gelten. Sie kombinieren pubertäre Unartigkeit mit nerdiger Akkuratesse. So entsteht eine Jungmänner-Attitüde von einigem Charme. Noch fallen sie immer wieder sehr leicht zurück in etwas simple rüde Frechheit, der Weg zu mehr erwachsener Stilsicherheit beim Blödeln und Stalken ist aber möglich. Immerhin sind sie nicht nur bei MTV Home für ein Spezialpublikum im Einsatz gewesen, das sie nun ebenso auf Zdfneo bespielen, sondern gehören auch zur Unterhaltungsmannschaft von Pro Sieben. Sogar als Nachfolge-Kandidaten für Thomas Gottschalk bei "Wetten dass..?" wurden sie ab und an genannt. Auf jeden Fall stehen sie dicht davor, vom Fernsehen "just for fans" ins "große" Fernsehen zu wechseln.

Mal was ganz anderes, aber was?

Auch ihnen ist aber eigen, was für fast alle der genannten jungen TV-Unterhalter gilt: Das Äußere scheint eine enorme Rolle zu spielen. Das Selbstbewusstsein wirkt gelegentlich dröhnend und immer scheint ein spontaner Einfall mehr zu gelten als klug Durchdachtes, das ein Produkt fleißiger Vorarbeit ist.

Roche & Böhmermann, eine Sendung, die nun immer sonntags ab 22 Uhr auf ZDF.Kultur zu genießen ist, soll - ja was denn eigentlich? - sein: eine Talkshow? Gerade keine Talkshow? Eine Talkshow, wie sie früher einmal war? Oder die Parodie einer Talkshow? Jan Böhmermann spielt als Reporter auch bei Harald Schmidt mit und zeigt da, dass er - etwa im Vergleich zu Oliver Pocher - geradezu ein Intellektueller ist. Charlotte Roche war eine sehr originelle Musikmoderatorin, hat sich bei "3nach9" schon im großen Talk erprobt, was sie dann schnell wieder sein ließ, wurde reich mit Büchern, die sie für ihre Generation schrieb und macht im Fernsehen nun, was ihr selbst Spaß macht. Mit großer Resonanz bei der Kritik - und so gut wie keiner beim Publikum. Was ja noch nichts heißen müsste, wenn es denn toll wäre.

"Was cool ist, bestimmen wir"

Was aber auffällt an dieser eigenartigen Talkshow, die nicht genau weiß, was sie sein will, ist die Sorgfalt, die auf das Äußere gelegt wird. Alles ist dunkel, ein heller Leuchtring schwebt über dem Tisch, vor jedem Gast ragt ein Retro-Stabmikrofon auf. Dann gibt es noch einen Gag: alle können ihre eigenen Worte mit einem Piepser übertönen. So weit, so schön. Besonders stolz sind die Moderatoren offenkundig auf die einigermaßen ironischen Einspielfilme, mit denen die Gäste vorgestellt werden. Jedenfalls machen sie darum viel Brimborium. Aber leider gab es auch in der zweiten einstündigen Sendung kein einziges Thema, über das einigermaßen witzig, schlagfertig oder gar vertiefend debattiert wurde. Einen leeren Stuhl gab es und viele schale Witze, weil Collien Ulmen-Fernandez kurzfristig abgesagt hatte. Thilo Bode erzählte etwas zu Foodwatch und Charlotte Roche, dass sie dafür spendet. Bei einem Schönheitschirurgen stimmte etwas mit dem Doktortitel nicht, was aber nicht weiter erklärt wurde.

Ein wenig Hin und Her gab es zu Musicals, die Charlotte Roche "scheiße" findet. Dafür verehrt sie Harald Martenstein und wir erfahren, dass Lucy (Ex-No-Angels) zwei Kilo zugenommen hat, seit sie in einer glücklichen Beziehung lebt. "Sie wollen ja modern sein und anders", vermutete Thilo Bode, dem Jan Böhmermann daraufhin in die Parade fuhr: "Was cool ist, bestimmen wir".

Ja, es stimmt, diese Talkshow ist irgendwie ganz anders, aber nichts ist sie richtig - weder ist sie Ironie, noch nimmt sie einfach kein Thema ernst, noch schlägt sie aus irgendetwas Funken. Sie ist beliebig. Vermutlich können Charlotte Roche und Jan Böhmermann, die das andernorts ja schon gezeigt haben, sogar vielen Leuten auf ungewöhnliche Art Überraschendes entlocken, aber dazu müsste es vor der Sendung einen Plan geben, eine kluge Komposition und Dramaturgie. Zu spüren ist davon leider nichts.

Katrin Bauerfeind – mehr Rauch als Inhalt

Immer wieder wirkt es als genüge es den Protagonisten, sich selbst ganz toll zu finden. Ein abschreckendes Beispiel dieser Art boten zuletzt Katrin Bauerfeind und Benjamin von Stuckrad-Barre. Die eine "interviewte" den anderen. Was natürlich nicht stimmt, denn bei einem Interview stellt man ja Fragen, will womöglich gar etwas vom Gegenüber erfahren. In "Bauerfeind 28:30" auf ZDF.Kultur sah man aber vor allem sehr viel Zigarettenrauch und abwechselnd beide Gesichter ganz nah und ganz groß. Das sieht nach Bedeutung aus. Ab und an warf Katrin Bauerfeind ein paar Wortfetzen herüber. Es ging um frühen Ruhm, Aufstieg, Abstürze - ganz cool, fast gelangweilt, auf jeden Fall hermetisch abgegrenzt gegen die da draußen, die vor der Glotze sitzen und so was Spießiges machen wie fernsehen.

Weil Katrin Bauerfeind früher einmal mit witzigen Texten und darstellerischer Begabung das winzige Online-Magazin "Ehrensenf" moderierte, wurde sie rasch ins richtige Fernsehen katapultiert. Sie hat Kultursendungen moderiert, bei Harald Schmidt stets etwas linkisch einen Side-Kick gegeben und macht nun neben einem Magazin auch "Bauerfeind 28:30", ein Gespräch von exakt 28 Minuten und 30 Sekunden, angeblich ungeschnitten. Denn Schnitt, das ist ja Formgebung, Rhythmus, Konzentration - wie uncool. Viel wichtiger ist doch, dass man sich mit wichtigen Menschen trifft: Nora Tschirner, Helmut Dietl, der "Queen of Talk" Sandra Maischberger oder eben über irgendetwas mit dem "verkopften" von Stuckrad-Barre redet. Gerne lacht sie heftig, immer wieder verstellt sie ihre Stimme. Sie macht viel, aber wirkt nicht als hätte sie sich schon gefunden.

Sarah Kuttner achtet auf die Form

Überraschend anders ist das bei Sarah Kuttner, die auch schon einiges im Fernsehen hinter sich. In der Rolle des "frechen Mädchen" und auch als Buchautorin ist sie eher eine Nachläuferin von Charlotte Roche. Aber in ihrem Magazin "Bambule", ausgestrahlt auch auf ZDF-Neo, beweist sie etwas, was man bei fast allen anderen vermisst: Form. Sie ist in Form, weil sie zuhört und ein Thema konsequent verfolgt – in der ersten Ausgabe am 1. März waren es die "neuen Männer". Die Desorientierung des neuen "anderen Geschlechts" zwischen Weichei und Neo-Machismo ist zwar nichts Taufrisches, aber Sarah Kuttner ist doch - etwa im Interview mit dem Schauspieler Lars Eidinger - ein guter zweiter Blick darauf gelungen. Es sind sehr subjektive, sehr dichte 30 Minuten geworden. Länger dauert die kompakte Sendung zum Glück nicht. Sie ist durchgestaltet und könnte auch als TV-Magazin der munteren Zeitschrift Neon durchgehen.

Hier heißt "subjektiv" zum Glück nicht, vor allem über sich selbst zu reden. Hier heißt "spontan" zum Glück nicht: Alles muss raus, was einem gerade so durch die Birne geht.

Talent hat sie gewiss, diese junge Garde des TV-Nachwuchses, die insbesondere in den Beibooten des ZDF jetzt fröhlich drauflos senden darf. Allein an Sorgfalt scheint es zu fehlen, am Timing, an arbeitsintensiver Vorbereitung. Das alte Gesetz des Showgeschäfts, dass man sich die Asse, die man lässig aus dem Ärmel ziehen will, vorher hinein gesteckt haben muss, beherzigen nur wenige der Lässigen. Sie lesen zu wenig. Sie sind zu genügsam, meist schon zufrieden, wenn eine Parodie wenigstens in etwa gelingt oder ein Gespräch irgendwie flüssig bleibt. Was das ZDF da fördert, wirkt oft nicht gekonnt unfertig, sondern wie Praktikantenfernsehen. "Es war ganz toll. Ich durfte alles machen. Niemand hat mir hineingeredet." Das aber ist das Problem.