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Hochzeit von William und Kate: Das Königshaus verweigert eine Revolution

An den Hochzeiten und Trauerfeiern des britischen Königshauses lässt sich der Aufstieg des Fernsehens zum Leitmedium ablesen. Kate und William haben die Chance verpasst, Neuland zu betreten.

Eine Medienkolumne von Bernd Gäbler

Am 29. April auf die Minute um 14.25 Uhr wird sich das Hochzeitspaar auf dem Balkon öffentlich küssen. Das ist so festgelegt. Nicht festgelegt, aber geschätzt wird, dass dann weltweit mehr als zwei Milliarden Menschen zusehen werden. Von der schwedischen Professorin bis zur südafrikanischen Analphabetin, vom mexikanischen Landarbeiter bis zum chinesischen Wissenschaftler wollen alle den einen Moment erhaschen: den Augenblick des authentischen Glücks. Daraufhin werden sie die stundenlange Liveübertragung scannen. Darauf läuft die Inszenierung hinaus - das intime Bekenntnis zweier Menschen füreinander soll weltweit erlebt werden wie eine sinnliche Unmittelbarkeit.

Zu diesem simplen Zweck, der nebenbei noch die Monarchie, die Windsors, Großbritannien und die Institution Ehe werblich stützen soll, überträgt das frei empfangbare Fernsehen auch in Deutschland mit gigantischem Aufwand von 9 bis 15 Uhr parallel und zeitgleich aus London. Für sechs Stunden verwandelt sich unsere TV-Landschaft in einen anti-pluralistischen Einheitsbrei, für den das nordkoreanische Staatsfernsehen Pate gestanden haben könnte. Und alle, die man ohnehin viel zu häufig auf dem Bildschirm sieht, sind mit von der Partie: Barbara Schöneberger und Karen Webb; Andrea Kiewel und Ulla Kock am Brink; Frauke Ludowig und Sybille Weischenberger werden allzeit plappernd ihr Werk der Affirmation vollbringen, während Bruce Darnell vermutlich vertraglich verpflichtet ist, gerührt zu weinen.

Die Mediengeschichte ist an den Royals ablesbar

Ob Kate und William tatsächlich Mediengeschichte schreiben werden, ist noch nicht absehbar. Tatsächlich ist die mediengeschichtliche Entwicklung sehr gut an den Royals ablesbar.

Zur Hochzeit von Queen Mum entsprach es noch der Stilistik eines Königshauses, den Live-Medien zu entsagen. Im Jahr 1923 gab es bereits die BBC, und selbstverständlich wollte sie die Zeremonie auch im neuen Medium, dem Hörfunk, übertragen. Als Elisabeth Bowes-Lyon den damaligen Duke of York am 26. April 1923 ehelichte, bewegte das auch die Untertanen sehr. Groß war das Bedürfnis, radiophon direkt "dabei" zu sein. Die Bitte der BBC aber wurde vom Königshaus abgelehnt, mit der Begründung: Niemand könne kontrollieren, ob die dann medial Versammelten sich auch adäquat benehmen, etwa zum rechten Zeitpunkt Hut oder Mütze abnehmen würden.

Die Krönung als erstes internationales TV-Ereignis

Völlig anders war es nur 30 Jahre später. In Deutschland wurde die Fußball-Weltmeisterschaft 1954 privat vor allem als Hörfunkreportage miterlebt. Das Fernsehen spielte hauptsächlich in öffentlichen Räumen, in Kneipen und Lokalen eine Rolle. In vielen europäischen Ländern war das anders. Das erste internationale TV-Ereignis war da die Krönung von Queen Elisabeth II. am 2. Juni 1953. Jetzt durfte die BBC übertragen, auch wenn jede Kameraposition streng festgelegt war und die Kommentierung ebenso. Mit ihrem Amtsantritt hat die noch amtierende Königin bereits Mediengeschichte geschrieben und das Fernsehen als führendes Live-Medium international etabliert.

Die Hochzeit von Lady Diana Spencer und Prinz Charles war dem gegenüber nichts qualitativ Neues. Es schauten 1981 nur mehr Leute zu als 1953 - geschätzte 800 Millionen Menschen. Es war ein internationales, aber immer noch weitgehend Europa-zentriertes Medienereignis. Wie sich die nicht nur medial, sondern auch direkt vor Ort Versammelten benahmen, war dem Hause Windsor längst egal. Es war eine schöne Geschichte für die Regenbogenpresse und das Fernsehen. Beide bauschten sie etwas märchenhaft auf. Die ausgesuchte Ehefrau wirkte sehr jung, schüchtern, aber sympathisch. Untertanen und Beobachter wünschten eifrig und aufrichtig Glück.

Dianas Tod berührte die Pop-Welt

Von völlig anderer Dimension und Format war dann die Beerdigung von Lady Di am 6. September 1997. Ohne weiteres kann hier von dem ersten nicht nur internationalen, sondern tatsächlich globalen Medienereignis gesprochen werden. Der Tod von Lady Di berührte die Pop-Welt und Klein-Mädchen-Träume, Hausfrauensehnsüchte und alle Fragen der weiblichen Selbstbestimmung. Die "Königin der Herzen" war ein Idol. Mehr Identifikation gab es selten. Da war eine junge Frau, die Glück in der Ehe erhoffte und scheiterte. Von Jahr zu Jahr war ihr Auftreten selbstbewusster geworden. Sie kämpfte, wollte eine gute Mutter sein, ging gern shoppen, engagierte sich, litt, wurde krank, verliebte sich, wurde gejagt, machte gerne Urlaub am Mittelmeer und hatte zum Schluss einen südländisch wirkenden Geliebten. Mit der Schwiegermutter hatte sie immer Ärger. Sie war recht konventionell und sprengte doch die Konventionen.

Diese Frau starb nun durch einen tragischen Unfall. Die Queen musste erst zu einem offiziellen Begräbnis und amtlich bekundeter Trauer überredet werden. Es dauerte Tage bis der Union Jack auf Halbmast wehte. Aber in London lag da schon ein Blumenmeer. Überall auf der Welt überraschten Menschen sich selbst mit ihrer Traurigkeit. Sie schalteten den Fernseher ein und sahen zu. Sie sahen Sting und Steven Spielberg, Tony Blair und Luciano Pavarotti. Hinter dem Sarg schritten die Kinder her. Elton John dichtete eine Hymne. Die Medien mussten nicht auf die Tube drücken. Nicht feierliche Distanz, sondern Emotionen - das war längst ihr Können. Die Beerdigung von Lady Di - das war das bisher meist gesehene Ereignis aller Zeiten. 2,5 Milliarden Menschen weltweit schauten zu.

Kein "Royal Wedding 2.0" und keine dritte Dimension

Diese Marke werden auch Kate und William nicht übertreffen. Sie werden die Welt nicht emotional aufwühlen. Natürlich wird getwittert werden und gefacebooked; SMS und MMS werden um die Welt gejagt werden, aber eine "Royal Wedding 2.0" wird es nicht werden. Und die Chance, wenigstens technologisch Neuland zu betreten, nutzen Kate und William auch nicht.

Der britische Sender BskyB und damit der deutsche Bezahl-Sender Sky wollten einen Mehrwert bieten: Kate Middleton und Prinz William sollten in dritter Dimension aus dem Bildschirm herauswinken. Dazu hätten allerdings wuchtige Spezialkameras installiert werden müssen. Strenge Sicherheitsauflagen und fehlender Platz waren die Begründung zur Ablehnung dieser Bitte. Fast wie 1923 fremdeln die Medienstrategen des Königshauses mit dem Neuen. So bleibt es vorerst bei "Robin HD". So laufen Kate und William zwar auf allen Kanälen parallel in den Ehehafen ein, aber die Bilder bleiben flach. Zuschauen werden viele, aber ein mediengeschichtliches Ereignis wird diese Hochzeit nicht werden.