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Medienkolumne zu Talkshows: Gesprächsschauspiel mit Fernsehnasen

Wie funktioniert eine TV-Talkshow? Wieso sieht man immer die gleichen Gäste? Unser Kolumnist Bernd Gäbler hat dazu eine Studie verfasst. Auf stern.de stellt er die wichtigsten Erkenntnisse vor.

Das wichtigste Resultat der Studie
Wenige lesen 147 Seiten. Selbst wenn man das Kapitel zur Talkshow-Geschichte weglässt, ist solch eine Broschüre viel Holz. Also lautet die wichtigste Anforderung an einen Autor nicht, so ein Stück zu schreiben, sondern es hinterher zügig zu interpretieren. Das wichtigste ist: Das Fernsehen schafft die Illusion, eine Talkshow sei ein abgefilmtes Gespräch, das in unsere Wohnzimmer übertragen wird. Ein normales menschliches Gespräch dient dem geistigen Austausch, der wechselseitigen Information und Bereicherung, dem Austausch von Argumenten. Man überzeugt und lässt sich überzeugen, wägt ab, übernimmt eventuelle Teile einer anderen Meinung. Das Ziel ist, durch Interaktion gemeinsam klüger zu werden als jeder Gesprächsteilnehmer alleine schon ist.

Die Talkshow sieht aus wie ein Gespräch, ist aber etwas anderes. Es ist ein nur zum Zwecke des Übertragenwerdens im Fernsehen zustande kommende Runde. Jedes Wort, jede Geste zielt gar nicht primär auf den anderen Gesprächsteilnehmer, sondern immer auf die Zuschauer. Die nicht anwesenden Dritten sind immer der Bezugspunkt. Statt Dialog herrscht eine trialogische Struktur. Die Talkshow ist eine Bühne, auf der ein Gespräch vorgeführt wird. Die Debatte zur Selbstverständigung, der gesellschaftliche Diskurs wird ein fernsehgerechtes Rollenspiel.

Nicht die Individualität der Gäste, schillernde, in sich widersprüchliche Menschen stehen im Zentrum, sondern Rollenmuster. Besetzt werden die Runden nach "Segmenten" (der grantelnde Konservative, der Alt-Liberale, die junge Wilde, der etablierte Grüne) mit solchen Individuen, die die zugewiesene Rolle erwartungsgemäß und pointiert erfüllen. Darum kommen immer wieder dieselben Leute ins Studio, darum sind durch die Bank Gäste aus der Kategorie "Journalisten und Fernsehnasen" in den Talkshows am stärksten vertreten.

Haben die Polit-Talkshows also gar nichts mit Politik zu tun?
Dieser Meinung ist der Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU), der in den Talkshows vor allem eine Simulation von Politik zum Zwecke der Unterhaltung sieht. Im Anhang der Studie steht ein Interview mit ihm. Entweder Show oder Politik, so lautet seine strenge Alternative. Ich bin etwas anderer Meinung. Ich glaube, es ist kein Zufall, dass Themen der Politik so oft Gegenstand der Talkshows sind.

Obwohl sie das auch machen, ist es ja doch nicht so, dass Günther Jauch, Frank Plasberg oder Reinhold Beckmann an gleicher Stelle genauso gut ein unterhaltsames Quiz senden könnten. Fast alle Talkshows haben nicht nur den Anspruch, politisch zu sein, sondern wollen zudem die Politik mit der Lebensrealität der Zuschauer abgleichen. Das endlose Bereden politischer Themen führt bei vielen Zuschauern zu dem guten Gefühl, einigermaßen informiert zu sein und die wesentlichen Seiten eines Problems zu kennen. Das beruhigt. Erst wenn man die Sendungen en detail transkribiert, fällt auf, wie gering der Informationswert ist.

Die Argumente jedes Diskutanten füllen oft kaum eine Viertelseite. Meist wird ein Grund-Statement in mehreren Variationen wiederholt. Weil vieles so schwer zu durchschauen und so komplex ist, erleichtern die Talkshows das Leben: Sie reduzieren Komplexität. Anstelle der Sachkunde setzen sie in der Regel darauf, dass sich die Zuschauer ein Bild vom politischen Personal machen, ihm vertrauen oder misstrauen, Sympathie bekunden oder sich ärgern, also emotional reagieren. Auch das ist ein Aspekt von Politik.

Bedenkt man, dass Karl-Theodor zu Guttenberg nie in einer Talkshow zur Bundeswehrreform befragt wurde und Guido Westerwelle auch auf dem Höhepunkt der FDP-Krise kurz vor seinem Rücktritt als Partei-Vorsitzender in keiner Talkshow dazu Stellung nahm, erkennt man schon den begrenzten politischen Wert des TV-Formats "Talkshow". Es hat viel mit Symbol- und Darstellungspolitik zu tun, nur sehr, sehr vermittelt mit den realen Entscheidungen.

Warum gucken denn so viele Menschen so gerne Talkshows?
Weil sie genau dazu taugen: sich ein Bild zu machen. So sehr sie oft die Logik von Argumenten verstellen, Fakten als beliebige Meinungen darstellen oder Meinungen als Belege für Fakten ausgeben, können sie doch eins wunderbar veranschaulichen: wie Menschen aufeinander reagieren. Für das politische Personal ist die Talkshow eine hervorragende Möglichkeit der Selbstdarstellung. Durch häufige Präsenz oder die immer gleichen Attribute wollen sie sich selbst zu einer "Marke" machen, die sich dem Zuschauer, der ja auch Wähler ist, einprägt.

Aber diese Selbstinszenierung ist nicht ohne Risiko. Denn die Kamera zeigt wie ein Lupe, wenn jemand unsicher ist, sich in die Enge getrieben fühlt, nur so tut als sei er gut gelaunt oder unvermittelt aggressiv wird. Das macht den Reiz der Talkshows aus. Darum wollen die Talkmaster das Rad immer in Schwung halten, die Diskutanten unter Spannung setzen. Als noch Ronald Pofalla, Dirk Niebel und Hubertus Heil Generalsekretäre ihrer Parteien CDU, SPD und FDP waren, konnten sich manche nicht daran satt sehen, wie wenig imposant doch das Spitzenpersonal der Politik zu sein schien. In das Schema dessen, was durch Talkshows klar wird, passen selten besonders nachdenkliche Typen, Zweifler, präzise arbeitende Wissenschaftler. Behandelt wird ein Thema meist dann, wenn es ohnehin schon in aller Munde ist und die Meinungsfronten hinreichend vorgeprägt sind oder auf der Hand liegen. Die Form prägt den Inhalt.

Aber die Lebensrealität spielt doch in allen Talkshows eine größere Rolle als früher.
Das stimmt. Die Macher reden von "Berliner Themen." Die lieben sie gar nicht. Alles, was als Politik der Parteien daherkommt, ist weniger populär als Fragen nach der Rente, dem Pflegenotstand, Hartz IV oder der "Zwei-Klassen-Medizin". Solche Themen wiederholen sich ständig. Sie gelten als besonders lebensnah. Die Einschaltquote, nicht die sachgerechte Behandlung eines Themas ist das oberste Erfolgskriterium der miteinander konkurrierenden Shows. Auch in den öffentlich-rechtlichen Sendern. Tatsächlich bieten die Talkshows nicht mehr als einen Sehschlitz auf die Wirklichkeit. Wirtschaftsbosse, Banker, Leute aus den Vorstandetagen der Dax-Konzerne kommen so gut wie nie in die Talkshows. Mit den realen gesellschaftlichen Machtstrukturen hat das nichts zu tun.

Von den Politikern gibt es eine kleine Zahl von vierzig bis sechzig Leuten, die immer wieder auftreten. Das gilt nicht für die Kanzlerin oder den Finanzminister. Wissenschaftler gelten in der Regel als zu kompliziert. Kultur spielt keine Rolle. Kulturschaffende kommen nur zu Wort, wenn sie ein explizites politisches oder gesellschaftliches Anliegen vertreten. Auf so genannte "Talkshow-Möbel" (Arnulf Baring, Hans-Olaf Henkel) wird immer wieder zurückgegriffen. Sehr beliebt sind "Betroffene", die am persönlichen Beispiel ein Problem zu illustrieren haben. Als Bürger gleichberechtigt mitreden, dürfen sie selten. Nach Medienleuten und "zivilgesellschaftlichen Akteuren" sind Politiker nur noch die drittstärkste in Talkshows vertretene Gruppe. Das liegt nicht daran, dass sie unwichtiger geworden sind, sondern daran, dass sie weniger populär sind. Ob Stuttgart 21, Hamburger Schul-Volksbegehren, den arabischen Frühling oder den Aufschwung der Grünen - nie hat irgendeine Talkshow eine gesellschaftliche Entwicklung frühzeitig kommen sehen oder vorhergesagt. Talkshows reagieren nur.

Jauch, Plasberg, Maischberger, Will, Illner. Beckmann - das kann man doch nicht alles über einen Kamm scheren.
Natürlich nicht. Selbstverständlich sind die Charaktere der Gastgeber unterschiedlich und die Sendeplätze auch. Gleich fünf Talkshows anzubieten - das ist in meinen Augen ein Hierarchieversagen der ARD. Das gilt auch dann, wenn alle zunächst gute Quoten holen sollten. Weniger wäre mehr gewesen. Aber es traute sich wohl keiner, mindestens einem der berühmten und in ihrer Position gegenüber den Sendern sehr starken TV-Gesichtern die rote Karte zu zeigen. Stattdessen wird nun im Nachhinein versucht, die Talks unterscheidbar zu machen.

Dabei gibt es schon jetzt - auch empirisch feststellbar - große Differenzen. Frank Plasberg redet von allen Talkern am meisten. Im Vierteljahr der Untersuchung gab es keine Sendung, in der ein Gast mehr geredet hätte als er. Nur einer, Joachim Fuchsberger, der sein Buch zum Thema Altern vorstellte, sprach einmal fast genau so viel wie Plasberg. Oft spricht Plasberg viermal so lange wie seine schüchternster Gast. Bei Anne Will ist das ausgeglichener. Es gibt sogar Sendungen, in denen sie weniger spricht als die beredsameren Gäste. Als es am 15. Mai um den Euro ging, bestritten Edmund Stoiber und Jorgo Chatzimarkakis allein die Hälfte der Sendung.

Dafür gibt es in ihrer Runde aber auch fast spektakuläre Schweiger. In der einstündigen Sendung zum Thema "Dominique Strauss-Kahn" am 22. Mai sprach die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft exakt 961 Wörter in einer Gesamtredezeit von 4 Minuten und 12 Sekunden. Unterboten wurde sie noch von Sascha Lobo, der am 29. Mai in 3 Minuten und 29 Sekunden genau 785 Wörter zur ARD-Themenwoche "Mobilität" beitrug. Dafür hielt er sein Markenzeichen, den roten Irokesen, durchgehend in die Kamera. In gleichem Maße wollen auch Politiker durch Talkshows zur "Marke" werden.

Was kommt denn jetzt, wenn es so viele Talkshows geben wird?
Günther Jauch wird demnächst am Sonntag in der ARD Anne Will ersetzen. Bis dahin wird er den Ball flach halten, auch wenn die ARD den Start symbolisch aufbläht und deshalb die erste Sendung auf den 11. September gelegt hat. Er hat den bequemste Sendeplatz, weil er schon sehr viel falsch machen müsste, würde er die große Zahl der "Tatort"-Zuschauer (meist sind es mehr als acht Millionen) anschließend schnell verprellen. Jauch aber ist den meisten Zuschauern sympathisch und ein routinierter TV-Gastgeber. Die Sendung wird quantitativ vermutlich ein Erfolg werden. Von allen besonderen Elemente, die er jetzt verspricht (Zuschauerbefragungen, Internet-Live-Kommunikation) wird er vermutlich bald Abstand nehmen und einen sehr puren Talk anbieten.

Am schwersten wird es Frank Plasberg haben. "Hart aber fair" - das war ein neues, besonders flottes Format, dessen Respektlosigkeit zunächst verblüffte und überzeugte. Er stieg vom Dritten Programm ins Erste auf, schlug sich auch mittwochs wacker und soll nun am Montag etwas anderes bieten als Jauch am Sonntag - für ein Publikum, das gerade bei einem schönen Naturfilm dahin dämmerte. Das ist keine leichte Aufgabe.

Sandra Maischberger hat das älteste Publikum und die ältesten Gäste um sich versammelt. Dabei wird es bleiben. Noch mehr Service ist die gängige Antwort. Am Mittwoch soll "Anne Will" nun mit einem besonderen Gast ein inniges Gespräch beginnen, zu dem dann mehrere Gesprächspartner und Kritiker hinzukommen sollen. Das klingt so, als sei erst über ein formales Unterscheidungskriterium nachgedacht worden. Der Inhalt wird schon folgen. Schlimmstenfalls wird aus "Anne Will" eine Art "heißer Stuhl" mit angezogener Handbremse.

Reinhold Beckmann und Maybrit Illner dürften sich am Donnerstag nicht zu sehr ins Gehege kommen, da Maybrit Illner im ZDF noch am ehesten eine klassische Polit-Talkshow bleibt, während "Beckmann" am stärksten unabhängig ist von der Tagesaktualität. Gravierender sind die Auswirkungen auf andere, vor allem journalistische Formen wie Dokumentation und Reportage. Gerade in diesem Sommer, einer schönen Talkshow-losen Zeit, konnte man sie schätzen lernen. Kein Henryk M. Broder, kein Arnulf Baring, keine Wencke Myhre, keine Rune Bratseth (norwegischer Fußballer) diskutierte über das Attentat auf der Insel Utoya. Es war eine Erholung.

Bernd Gäbler
kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(