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Steve McQueen erhält Oscar für "12 Years a Slave" Der schwarze Brite, der US-Geschichte schreibt


Ausgerechnet ein Brite ist der erste schwarze Oscar-Gewinner in der Kategorie Bester Film. Und das mit dem dunkelsten Kapitel der US-Geschichte, dem sich Steve McQueen in "12 Years a Slave" widmet.
Von Patrick Heidmann

Die meisten Trophäen bei der 86. Verleihung der Academy Awards mag zwar "Gravity" abgeräumt haben (sieben an der Zahl!). Doch der große Gewinner des Abends war trotzdem "12 Years a Slave". Und das nicht nur, weil das Sklaverei-Drama am Ende den Oscar als Bester Film gewann.

Erster schwarzer Sieger

Zum ersten Mal hat mit Steve McQueens Film das Werk eines schwarzen Regisseur die Hauptauszeichnung beim wichtigsten Filmpreis der Welt gewonnen. Nur einmal zuvor war überhaupt ein Film eines Schwarzen in der wichtigsten Oscar-Kategorie nominiert worden, Lee Daniels' "Precious" war das, vor vier Jahren. Und weil McQueen gleichzeitig auch als einer der Produzenten von "12 Years a Slave" verantwortlich zeichnete, ist der Brite nun gleichzeitig auch der erste schwarze Produzent, der je einen Oscar in Empfang nehmen durfte. Dass auf der Bühne dann trotzdem sein Mit-Produzent Brad Pitt als erster ans Mikrofon durfte, wirkte in diesem Kontext beinahe befremdlich. Nur in der Regie-Kategorie, wo McQueen als dritter Schwarzer nominiert war und sich Alfonso Cuarón geschlagen geben musste, gibt es bis heute noch immer keinen schwarzen Gewinner.

Welche enorme Außenseiterrolle Filmemachern wie McQueen noch immer in Hollywood - das genau wie die Oscar-verleihende Academy nach wie vor von weißen Männern dominiert wird - zukommt, vergisst man heutzutage schnell. Immer wieder gab es in den vergangenen Jahren schließlich schwarze Oscar-Gewinner in den Schauspielkategorien, von Forest Whitaker und Morgan bis Jennifer Hudson oder Octavia Spencer. Und hat nicht die Academy mit Cheryl Boone Isaacs seit vergangenem Sommer sogar erstmals eine afroamerikanische Vorsitzende? Doch hinter der Kamera sieht die Situation eben anders aus.

Sklaverei aus der Perspektive der Opfer

Selbst wenn "12 Years a Slave" am Ende den Oscar nicht gewonnen hätte, sondern bloß mit den Preisen für das Beste Drehbuch (hier wurde John Ridley als zweiter Schwarzer in der Geschichte des Oscars prämiert) und Nebendarstellerin Lupita Nyong'o nach Hause gegangen wäre, wäre die Verfilmung der wahren Geschichte des Solomon Northup übrigens ein Fall für die Geschichtsbücher. Rein inhaltlich nämlich hat sich noch nie ein Filmemacher so mit der Sklaverei, dem düstersten und bis heute nur unzureichend aufgearbeiteten Kapitel der amerikanischen Geschichte, auseinandergesetzt wie McQueen.

Nicht dass es nicht schon Filme darüber gegeben hätte. Doch ob nun die Toni Morrison-Adaption "Menschenkind", Steven Spielbergs "Amistad" oder auch der Klassiker "Vom Winde verweht" - sie alle erzählten entweder nur von den Folgen der Sklaverei oder mittels weißer Protagonisten. Oder - wie Tarantino mit seinem "Django Unchained" - gar als revisionistische Rachegeschichte, die mit der historischen Realität ganz bewusst nicht viel gemein hatte.

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Der Regisseur als Außenseiter

Dass mit Steve McQueen nun ausgerechnet kein Amerikaner, sondern ein Brite den bislang umfassendsten und besten Film über die Sklaverei gedreht hat, ist natürlich kein Zufall. Denn womöglich braucht es gerade jemanden wie ihn, um von außen und ohne Pathos auf eine nationale Tragödie zu blicken, der sich selbst in den Zeiten eines schwarzen Präsidenten viele Amerikaner nur ungern stellen. Nicht wenige Academy-Mitglieder, so war im Vorfeld der Oscar-Verleihung immer wieder zu hören, wollten sich "12 Years a Slave" noch nicht einmal anschauen. Und McQueen, dessen Lebensgefährtin bei der Suche nach einem passenden Filmstoff eher zufällig auf den in Vergessenheit geratenen Erfahrungsbericht von Northup gestoßen war, betont selbst in Interviews immer wieder, dass trotz seiner Herkunft die Sklaverei auch Bestandteil seiner Familiengeschichte ist.

Ein Außenseiter ist der nun Oscar-prämierte Regisseur übrigens auch in seiner eigenen Profession noch immer. "12 Years a Slave" ist nach dem Gefängnisdrama "Hunger" und der Sexsucht-Geschichte "Shame" erst sein dritter Spielfilm. Bekannt geworden war er eigentlich als Videokünstler, der 1999 mit dem renommierten Turner Prize ausgezeichnet wurde und 2002 auf der documenta ausstellte. Bis heute hält er sich vom Hollywood-Trubel weitestgehend fern und lebt mit seiner Familie in Amsterdam. Einen festen Platz in den Annalen der Traumfabrik hat er seit dem 2. März nun trotzdem inne.


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