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Porträt Christoph Waltz: Der Spätzünder

Sein Gesicht gehörte seit Jahrzehnten zur Standardausstattung der deutschen TV-Unterhaltung. Ein Star war Christoph Waltz trotzdem nicht. Das hat Regisseur Quentin Tarantino geändert. Porträt des Oscar-Preisträgers.

Von Sophie Albers

Er mimte Entführer, Mordverdächtige und Roy Black. Sein Gesicht ist im kollektiven deutschen TV-Zuschauer-Hirn abgespeichert, den Namen dazu hatte kaum jemand parat. Jahrelang fristete Christoph Waltz ein Schattendasein im Fernsehen. Er war da, aber irgendwie auch nicht. Doch dann kam Quentin Tarantino und verpasste dem Mann aus Wien die Rolle seines Lebens: In der Nazi-Farce "Inglourious Basterds" mimt Waltz den SS-Mann Hans Landa, und das so beeindruckend, dass Brad Pitt sich seitdem anhören muss, dass sein österreichischer Kollege ihm die Schau gestohlen habe.

Der Siegeszug begann mit der Goldenen Palme in Cannes, neben zig anderen Preisen folgte der Golden Globe, und als Krönung wurde er mit einem Oscar als bester Nebendarsteller belohnt.

Und zu Recht: Wenn Waltz als "Judenjäger" Landa gleich zu Beginn des Films gefühlte 20 Minuten lang einen französischen Bauern quält, ohne ihn anzurühren, ist das ein Fest der vollendeten Schauspielkunst: das verstörend-charmante Lächeln, wenn er um ein Glas Milch bittet, die Wärme in der Kälte, wenn er die Schönheit der Töchter des Hauses preist, die furchteinflößende Lächerlichkeit, wenn er eine riesige Pfeife pafft. Von der tänzerischen Leichtigkeit, mit der Waltz zwischen den Sprachen hin- und herspringt, ganz zu schweigen.

"Inglourious Basterds" ist Waltz' Film. Und das ganz von Anfang an: Er habe das Projekt eigentlich hinschmeißen wollen, weil er keinen Landa finden konnte, erzählte Tarantino beim Filmfest in Cannes. Doch dann sei auf den letzten Drücker Waltz um die Ecke gekommen.

Mit der Gelassenheit der Erfahrung

Ja, eigentlich ist der Sohn zweier Bühnenbildner und ausgebildete Theatermann nun auf dem Kino-Olymp angekommen. Eigentlich müsste seine Agentin unter der Masse von guten Filmangeboten zusammenbrechen. Und eigentlich müsste Waltz nun endlich auf dem Thron des deutschen Startums sitzen, um dort die Huldigungen von Presse und Fans bequem mit einem Kissen im Rücken durchzuwinken.

Doch Christoph Waltz ist nicht der Mann, der nach Titelseiten und Aufmerksamkeit giert, geschweige denn strahlt er Glamourfaktor aus. Sehr wachsam saß er nach dem Triumph in Cannes anlässlich der Deutschland-Premiere von "Inglourious Basterds" in einem Berliner Hotel und wartete ab. "Ich habe schon mehrere so kometenhafte Aufstiege erfolglos hinter mich gebracht", sagte der 53-Jährige im Gespäch mit stern.de und lächelte ein feines, vielleicht von der Achterbahnfahrt einer rund 30-jährigen Karriere ein bisschen schmaler gewordenes Lächeln. "Ich muss Ihnen sagen, es ist ein Vorteil, nicht mehr 25 zu sein. Und es ist ein großer Vorteil, Aufs und Abs hinter sich zu haben", antwortet er auf die Frage nach der großen Zukunft, die nach "Inglourious Basterds" doch kommen muss. "Ja, es tut sich was. Erfreulich. Ohne jetzt hysterischen Ausverkauf zu betreiben."

2009 drehte er mit Cameron Diaz und Tom Wilkinson "The Green Hornet". Derzeit laufen die Vorbereitungen für "Water for Elephants" mit Reese Witherspoon. Auch beim neuen Film von David Cronenberg soll Waltz mit dabei sein.

Im deutschen Fernsehen hängengeblieben

Nach der klassischen Theaterausbildung am renommierten Max-Reinhardt-Seminar in Wien war Waltz in den 70er Jahren nach New York gegangen und hatte am Lee Strasberg Institute studiert, wo sich schon Marlon Brando und Paul Newman polieren ließen. Doch verpasste niemand Geringeres als der Agent Paul Kohner, der einst unter anderem die Karrieren von Marlene Dietrich und Billy Wilder gelenkt hatte, Waltz' Filmambitionen in den USA einen Dämpfer: "Wollen Sie Ihr Leben lang durch den Hintergrund laufen und 'Heil Hitler' schreien?", hatte der ihn gefragt. Waltz wollte nicht, landete beim deutschen Fernsehen - und blieb hängen. Abonniert auf die undurchsichtigen Charaktere, die Bösewichte und Melancholiker. "Gucken Sie sich meine Visage an. Würden Sie mich als Otto Normalverbraucher besetzen?", hat Waltz sich die Rollenangebote selbst einmal erklärt.

"Ein Fall für zwei", "Derrick", "Der Alte", "Kommissar Rex", "Polizeiruf 110", "Tatort". Christoph Waltz hat das ganze Programm absolviert. Er war in Beziehungskomödien zu sehen und in Historienfilmen. Manchmal gab es Ausbrüche, da landete er auf der Kinoleinwand, aber immer nur als - wenn auch brillanter - Nebendarsteller: In "Der alte Affe Angst" gab er den Analytiker, in "Herr Lehmann" den Arzt. Seine größten Erfolge blieben in der Flimmerkiste eingesperrt: der Kidnapper in der Sat.1-Produktion "Der Tanz mit dem Teufel - Die Entführung des Richard Oetker". Der tragische Schlagerstar in der Fernsehbiografie "Du bist nicht allein - Die Roy Black Story".

Trotz mehr als 80 Film- und TV-Produktionen, trotz Goldener Kamera, Deutschem Fernsehpreis, Bayerischem Fernsehpreis und Adolf-Grimme-Preis wurde Christoph Waltz nicht auf die gleichen Partys eingeladen wie Til Schweiger und Bully Herbig - und war auch kein Futter für die Illustrierten.

Privates bleibt privat

Waltz ist eben alles andere als ein Selbstdarsteller. Glamour ist nicht seine Sache, in Interviews gibt er sich spröde-zurückhaltend, gibt kaum etwas Privates preis. 17 Jahre lang war Waltz mit einer Amerikanerin verheiratet. Das erste Kind kam, als Waltz 24 war, zwei weitere folgten. Derzeit ist er mit einer Bühnenbildnerin aus Berlin liiert. Das Paar hat eine kleine Tochter. Waltz ist eine Zeit lang zwischen London und Berlin gependelt. Mehr gibt es nicht. Wohl auch damit das Privatleben privat bleibt, geht Christoph Waltz häufig allein über den roten Teppich. Fragen in eine andere Richtung als den Beruf beantwortet er erst gar nicht.

Seit der Premiere von "Inglourious Basterds" scheint Waltz häufiger zu lächeln als früher. Vielleicht weil er nach all den Jahren, den Aufs und Abs und erfolglosen kometenhaften Aufstiegen, immer noch in seinem Traumberuf arbeiten kann: als Ingenieur, der das, was im Drehbuch geschrieben steht, in Aktion umsetzt, wie Waltz es selbst beschreibt. Und wenn der Ingenieur Glück hat und der richtige Zeitpunkt gekommen ist, dann heißt der Bauherr Tarantino und schickt ihm Pläne für seinen ganz eigenen Thron - wie zum Beispiel die Rolle des SS-Mannes Hans Landa.