Premiere "Deutschland - ein Sommermärchen" Den kollektiven Rausch wiederbeleben


Schwarze Anzüge statt glamouröser Roben - es war eine Kinopremiere der anderen Art. Es ging nicht um irgendeinen Film, sondern um ein historisches Dokument: Sönke Wortmanns "Deutschland - ein Sommermärchen" .
Von Kathrin Buchner

Es sei das Dokument eines "neuen Patriotismus", sagte Tagesthemen-Moderatorin Anne Will in ihrer Ansprache vor der Filmvorführung. Und symbolträchtiger hätten weder Zeitpunkt, Ort noch Anlass sein können: Am Tag der Deutschen Einheit, ziemlich genau drei Monate nach dem Abpfiff, kamen sie wieder zusammen - die Weltmeister der Herzen zur Premiere des Sönke-Wortmann-Dokumentarfilms "Deutschland - ein Sommermärchen". Und zwar im Herzen der einst geteilten Stadt, am Potsdamer Platz.

Es herrschte wieder ein Hauch von Fanmeile an diesem Herbsttag: Hunderte Fans, vorwiegend im Teeniealter, mit rot-weiß-goldenen Blumenkränzen und Nationaltrikots, verteidigten teilweise schon seit elf Uhr morgens ihren Platz an den Absperrgittern des Theaters. Sie grölten WM-Songs und skandierten "Poldi, Poldi".

Um es gleich vorweg zu nehmen: Die Premiere war ein voller Erfolg. Es gab Bravorufe, Gelächter, Szenenapplaus und am Ende minutenlangen Beifall des hochkarätigen Publikums. Rund 2000 Gäste waren gekommen, neben Filmstars wie Martina Gedeck und Medienvertretern wie Günther Jauch auch Polit-Prominenz, allen voran Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt, Verteidigungsminister Franz Josef Jung, Gesundheitsministerin Ulla Schmidt und natürlich Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit. Kein Wunder, schließlich ging es um ein Ereignis nationaler Tragweite: Der Rausch eines kollektiven Glücksgefühls wurde wiederbelebt, die Euphorie des Sommer-Ereignisses beschworen, das nicht zuletzt positive Auswirkungen auf die Konjunktur hatte.

Die Spieler der Nationalmannschaft erschienen fast komplett - bis auf den schwer verletzten Gerald Asamoah und den bereits abgetretenen Torwart Oliver Kahn. WM-Trainer Jürgen Klinsmann sendete seine Grüße per Video aus Kalifornien - allerdings nur für die Fernsehzuschauer sichtbar, nicht für die Premierengäste.

Lehmann mag die Szenen ohne ihn

Dafür war Joachim Löw da, mit Familie, und gab bereitwillig Interviews am Roten Teppich, von dem die ARD live berichtete. Die Elfmeter-Szene löse bei ihm immer noch "die größte Gänsehaut" aus, sagte Löw. Angst, dass jetzt die Gegner ihm in die Karten schauen könnten, weil doch etliche Taktik-Besprechungen gezeigt wurden, habe er nicht. Es sei alles authentisch gewesen, es hätte nichts vertuscht werden müssen. Teammanager Oliver Bierhoff war begeistert über die vielen emotionalen Momente. Und Jens Lehmann, dessen Frau Connie mit rotem Haarreif für Farbe zwischen all den schwarzen Designer-Anzügen sorgte, freute sich besonders über die Szenen, in denen er nicht beteiligt war.

Für die Unterhaltung am Roten Teppich sorgten vor allem drei Jungs in Jeans und T-Shirts, bei deren Auftritt der Kreischpegel extrem anstieg und laut gesungen wurde: Peter, Rüdiger und Flo, besser bekannt als Sportfreunde Stiller, die mit "54, 74, 90, 2006 bzw. 2010" der WM eine Hymne gaben und durch ihren Auftritt auf der Fanmeile auch Teil der Wortmann-Doku wurden. "Wir wollten den Fans einfach mal danke sagen. Es war ja nie der offizielle Song, und dass er trotzdem so angenommen wurde, ist einfach ein Traum", sagte Sänger Peter.

Besuch Merkels war der größte Lacher

Poldi alberte mit Odonkor rum, Philipp Lahm kam mit Freundin, Schweini gab bereitwillig Interviews. Und alle waren sich einig: Die Kamera von Sönke Wortmann störte überhaupt nicht. Der Star des Abends gab zu, ein wenig aufgeregt zu sein, zeigte sich überwältigt von der positiven Resonanz und orakelte im Gespräch mit Anne Will auf der Bühne sogar, das könne für den Erfolg des Films sprechen. Für besonders viele Lacher beim Premierenpublikum sorgte übrigens der Besuch von Bundeskanzlerin Merkel im Grunewalder Schlosshotel und Lehmanns Frage nach Steuersenkungen. Mucksmäuschenstill war es dagegen bei den Szenen nach der Niederlage gegen Italien. Die Enttäuschung über die Niederlage konnte man im Kinosaal noch einmal nachempfinden.

Zeitgleich wurde die Premiere in 120 Kinos der Republik ausgestrahlt, alle ausverkauft. Damit ist Wortmann seinem Ziel, die Zuschauerzahlen der Tierdokumentation "Die Reise der Pinguine" zu übertreffen, schon vor dem offiziellen Kinostart am 5. Oktober einen Schritt näher gekommen. Der kollektive Rausch, der in "Deutschland - ein Sommermärchen" festgehalten wurde, hat nicht nur nachhaltige nationale Wirkung. Sämtliche Gewinne werden an die SOS-Kinderdörfer gespendet, sechs neue Dörfer in aller Welt sollen dadurch entstehen. Und so übergab Michael Kölmel, der Chef des Filmverleihs Kinowelt, gleich einen Scheck über 100.000 Euro an die Organisation.


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