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Sacha Baron Cohen: Das Schandmaul

Der Brite sacha Baron Cohen ist der härteste Comedian der Welt. In seinem neuen Film "Borat" spielt er wieder genüsslich mit Ethno-Klischees .

Warum Kasachstan? Vielleicht klang das Wort dem Comedian Sacha Baron Cohen einfach hinterwäldlerisch genug für seine Absichten. Und weit genug weg. Kasachstan, dachte er vielleicht, das kennt kein Mensch! Niemand wird sich aufregen, wenn ich Kasachstan verarsche!

So kann man sich täuschen.

Bei seinem Staatsbesuch in den USA vor ein paar Wochen hat sich Kasachstans Präsident Nursultan Nasarbajew angeblich bitter bei George W. Bush über Sacha Baron Cohens Dokumentar-Satire "Borat" beschwert (in Deutschland ab dem 2. November im Kino zu sehen). Darin spielt Cohen den kasachischen Fernsehreporter Borat Sagdiyev. Und der ist nicht unbedingt ein Vorbild-Kasache: wäscht sich das Gesicht in der Kloschüssel, pinkelt vor dem Supermarkt und erzählt ahnungslosen Amerikanern mit der lautersten Miene der Welt, dass das Nationalgetränk in Kasachstan Pferdepisse sei. "Ostblock"-Klischees ins Absurde gedreht.

Man könnte den 35-jährigen Briten Sacha Baron Cohen als eine Mischung aus Hape Kerkeling, Stefan Raab und Bully Herbig beschreiben. Von Kerkeling hat er das Verwandlungstalent, von Raab die Unverschämtheit, von Herbig die Lust am spätpubertären Kalauer.

Der Unterschied ist nur: Er übertrumpft sie in allen Kategorien.

Cohen ist ein genial-perfider Rollenspieler, in seinen Sketchen mimt er stets den realen Reporter. Zur Kultfigur wurde er in der Rolle des naiven Trottel-Rappers Ali G, der den klügsten Menschen die dämlichsten Fragen stellt und sie so in absurd-komische Gespräche verwickelt. So fragte er den ehemaligen UN-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali ganz ernsthaft, warum Disneyland nicht in den UN sei. Und vom US-Astronauten Buzz Aldrin wollte er wissen, ob er eifersüchtig gewesen sei, weil Louis Armstrong vor ihm auf dem Mond war. Cohen/Borat erwischt seine Interviewpartner oft wie ein Faustschlag in die Magengrube. Wie sie sich winden zwischen Höflichkeit, Auskunftsfreude und totaler Verwirrung, macht den Spaß für die Zuschauer aus. Borat ist ein Hochbegabter darin, die Wirklichkeit in eine Farce zu verwandeln - und jedem Ansatz von politischer Korrektheit kräftig in den Hintern zu treten.

Als der kasachische Präsident Nasarbajew in Washington war, inszenierte Cohen alias Reporter Borat vor der kasachischen Botschaft eine Pressekonferenz. Eine üble Propaganda sei in Usbekistan im Gange, berichtete Borat im Reporterton. Dort würde behauptet, dass Kasachen gar keine Pferdepisse trinken. Eine Frechheit sei das und würde bei wiederholter Behauptung mit einer Katapult- attacke bestraft werden! Kurz darauf ging der Auftritt als Film im Internet um die ganze Welt.

Und jetzt also der 17 Millionen Dollar teure Kinofilm "Borat". Die simple Handlung: Borat fährt in einem ausrangierten Eiswagen von New York nach Los Angeles, um dort seine Traumfrau Pamela Anderson zu heiraten. Er ist offiziell unterwegs im Auftrag der Regierung von Kasachstan, die vom American Way of Life lernen will.

Zu 82 Minuten politischer Realsatire über den Geisteszustand Amerikas wird der Film, wenn Reporter Borat seinen ahnungslosen Gesprächspartnern ihren Rassismus, ihren Antisemitismus und ihre Vorurteile entlockt. So fragt er in einem Waffengeschäft höflich nach der besten Waffe, "um einen Juden zu erschießen". Der Besitzer zuckt nicht mal mit der Wimper, dreht sich nur zur Waffengalerie um und reicht ihm ein Schießeisen über die Theke. Und bei einer Rodeoshow ruft Reporter Borat dem Publikum zu: "Möge George Bush all das Blut von jedem Mann, jeder Frau und jedem Kind im Irak trinken." Das Publikum antwortet dem Agent provocateur mit Applaus - ein paar Buhrufe sind auch darunter.

In einer Szene erklärt Borat, warum er mit dem Auto durch Amerika reise: "Weil die Juden den 11. September wiederholen könnten." Es wäre durchaus interessant, Sacha Baron Cohen, der selbst Jude ist, über seinen eigenwilligen Humor zu befragen. Das Problem ist: Sacha Baron Cohen spricht nicht mit Journalisten.

Köln, Hotel im Wasserturm. An diesem Nachmittag hat die Filmfirma Fox eine Pressekonferenz für den Film "Borat" organisiert. Stargast: Borat. In der Vorhalle warten etwa 30 Journalisten auf Sacha Baron Cohen, doch niemand soll ihn vorher sehen. Eine Trennwand wird im Vorraum zur Pressekonferenz aufgebaut. Er soll ein Phantom bleiben.

Um 15 Uhr betritt ein Mann, der aussieht wie der verschollene Bruder von Freddie Mercury, den Konferenzsaal durch eine Seitentür. Borat. Es ist ein bisschen so, als ob Sean Connery eine Pressekonferenz als James Bond gibt. Borat grinst, er trägt einen hellblauen Anzug, er bewegt sich linkisch. Er küsst zwei Journalisten in der ersten Reihe auf die Wange, einem anderen patscht er mit der Hand ins Gesicht. Dann betritt Borat die kleine Bühne, grinst dümmlich in die Kameras. Leider dürfen auf dieser Pressekonferenz keine Fragen gestellt werden. Die Arbeit der Journalisten übernimmt dafür eine freundliche Frau von der Filmfirma. Sie stellt die Fragen, und Borat erzählt dieselben Witze, die er schon vor ein paar Wochen vor der kasachischen Botschaft in Washington erzählt hat.

Nach 17 Minuten ist Borat wieder weg. Sacha Baron Cohen war niemals da.

Aufgewachsen ist Cohen zusammen mit zwei Brüdern in wohlhabenden Verhältnissen in London. Sein Vater Gerald kommt aus Wales und arbeitet als Herrenausstatter am Londoner Piccadilly Circus, seine Mutter Daniella ist orthodoxe Jüdin und stammt aus Israel.

Der kleine Sacha ist ein hochintelligentes Kind. Mit acht gewinnt er einen Essay-Wettbewerb zum Thema "Erziehung" der britischen Zeitung "The Times". Und beeindruckt schon damals mit seinem frühreifen Humor. "Im Geschichtsunterricht lerne ich, wie die Menschen in der Steinzeit überlebten. Das wird uns noch heute durch die miesen englischen Winter helfen." Nach dem Abschluss bekommt Cohen einen Platz an der Eliteuniversität Cambridge, studiert Geschichte und forscht über die amerikanische Bürgerrechtsbewegung. Ein ehemaliger Professor von ihm schwärmt noch heute: "Er war scharfsinnig, aber auch ziemlich egozentrisch."

Seine Egozentrik und seinen Sinn für Provokation tobt Cohen zunächst zusammen mit seinem Bruder Erran aus. Mitte der Neunziger drehen die beiden ihren ersten Slapstickfilm. Als Rabbis verkleidet, gehen sie singend und strippend durch die Straßen von London, bis Cohen am Ende nur noch eine blaue Badehose trägt. Dazu singen sie vom "Shvitzing", das jüdische Wort für schwitzen. Nebenbei jobbt Cohen als Model, bis ihm 1998 als Ali G der Durchbruch gelingt.

Seitdem haben Ali G und sein Nachfolger Borat viel geredet, ihr Schöpfer, Sacha Baron Cohen, schweigt. "Er redet nicht gern über sich selbst, weil er Angst davor hat, was ihn die Leute fragen könnten", sagt Dan Mazer, sein langjähriger Freund und Produzent.

Zurück in Köln. Am Abend nach der Pressekonferenz steht Cohen noch für Einzelgespräche bereit. Na ja, nicht ganz. Er wird nur in seiner Rolle als Borat sprechen. Der Mann dahinter soll im Verborgenen bleiben. Die Filmfirma nennt es "Performance", ein inszeniertes Gespräch. Trotzdem ist es vielleicht eine Möglichkeit, sich dem Phantom Cohen zu nähern. Eine halbe Stunde, bevor es losgeht, kommt eine Pressedame und windet sich: Leider gebe es da eine Frage, die absolut tabu sei, sonst würde das Gespräch nicht stattfinden. Die Frage lautet: Warum macht Borat Witze über Juden?

Eigentlich könnte man jetzt auch gehen. Mit Journalismus hat das hier wenig zu tun. Aber man bleibt. Man ist neugierig. Vielleicht gibt es wenigstens etwas zu lachen, vielleicht passiert ja doch etwas Ungeplantes, das ist doch die Stärke von Sacha Baron Cohen. Die Realität in eine Farce zu verwandeln.

Als das Interview beginnt, schaut Cohen auf einen Bildschirm gegenüber. Dort stehen seine Antworten zu möglichen Interviewfragen. Gefällt es Ihnen in den USA? "Oh, ja! Bei McDonald's gibt es sogar einen Extra-Raum zum Kacken! Das ist anders in Kasachstan." Jeden Gag liest er ab, jeder Gag ist vorgegeben, nicht ein einziges Mal weicht er davon ab.

Cohen hat nicht enttäuscht. Die Realität ist eine Farce.

Hannes Roß Mitarbeit: Cornelia Fuchs / print