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Tatum O'Neal: Die ewige Tochter

Als Kind ein Filmstar, als Mutter heroinabhängig; Hollywoods Partygirl Tatum O'Neal fegt die Scherben ihrer Vergangenheit zusammen - und rächt sich mit einem Buch an ihrem rücksichtlosen Vater.

Von Andrea Ritter

Eigentlich gibt es sie gar nicht. Zumindest nicht als Frau. Tatum O'Neal - da muss man der Erinnerung schon nachhelfen - ist das kleine Mädchen mit den dunklen Haaren, das 1974 ganz allein über den roten Teppich stakst. Zehn Jahre alt, die jüngste Oscar-Gewinnerin aller Zeiten. Danach kommt nicht mehr viel Schönes in Tatum O'Neals Leben. Stattdessen ein zermürbender Kampf um die Anerkennung des Mannes, den sie die "Liebe ihres Lebens" nennt: Ryan O'Neal, ihr Vater. Der Mann, von dem sie aber auch sagt, er habe ihr Leben ruiniert.

Mit der Vergangenheit soll jetzt aufgeräumt werden. Tatum O'Neal, inzwischen 41 Jahre alt, hat ein Buch geschrieben. "A Paper Life" heißt die geballte Ladung Pathos, in Anlehnung an "Paper Moon" - den Film, der sie in den 70er Jahren berühmt machte. Eine gedruckte Abrechnung mit Papa Ryan, dem blond gelockten Sonnyboy aus "Love Story". Und mit einem Leben, dem sie nicht gewachsen war. Zu jung, zu einsam, zu zugedröhnt.

Glaubt man Tatums Erinnerungen, war Hollywood in den 70er Jahren ein einziges großes Woodstock: Räucherstäbchen, Drogen und freie Liebe - nicht gerade der beste Platz für ein Kind. Doch Tatum steckt mittendrin. Begleitet ihren Vater auf Partys, sitzt nachmittags im Haus von Hugh Hefner herum. Videospiele, Süßigkeiten, Langeweile. Und Melanie Griffith. "Melanie war das nette Mädchen von nebenan, unglaublich süß und weiblich", beschreibt Tatum, damals zwölf Jahre alt, ihre erste Begegnung. Angeblich werden die beiden Freundinnen. Aber: Melanie ist schon 18, mit dem Nachwuchstalent Don Johnson liiert und laut Tatum auch sonst ein ziemliches Luder. "Sie war mit Hollywoods begehrtesten Junggesellen zusammen. Warren Beatty, Jack Nicholson und Harrison Ford."

Deshalb ist Tatum auch gleich skeptisch, als Vater Ryan mit den beiden Mädels nach Amsterdam fährt - und Melanie plötzlich für längere Zeit verschwindet. "Ich besorgte mir den Schlüssel vom Hotelzimmer meines Vaters. Als ich die Tür aufschloss, sah ich genau das, was ich befürchtet hatte."

Rückblickend wirft Tatum O'Neal ihrem Vater jedoch nicht die zahllosen Affären vor. Sondern dass er sie vollkommen sich selbst überlassen habe, ohne jemals Verantwortung für die minderjährige Tochter zu übernehmen. Auch nicht, als sie sich im Hotel an der Minibar bedient und aus dem Koffer des die Reise begleitenden Drogendealers Pillen klaut. Doch es kommt alles noch viel schlimmer. Angeblich. Tatum versinkt Opium rauchend in einer Hotelzimmerorgie. Mit Menstruationsblut, wie sie ausdrücklich betont.

Wenige Seiten später

landet ein schwitzender Teenager namens Michael Jackson in Tatums Kleinmädchenzimmer. "Er saß auf meinem Bett. Wir haben uns kurz geküsst, aber es war sehr unangenehm", erinnert sich Tatum. Weshalb Michael Jackson später behauptet, sie habe ihn verführt, kann sie sich nicht erklären. "Vielleicht war es seine Fantasie É"

Eine gute Portion Fantasie steckt womöglich auch in Tatum O'Neals Erinnerungen. "Als Vater hoffe ich, dass sie dieses Buch aus therapeutischen Gründen geschrieben hat und dass es ihrem Heilungsprozess dient", kommentiert Ryan O'Neal die "bösartigen Lügen" seiner Tochter. Immerhin hat Tatum O'Neal es mit ihren Geschichten über Sex und Drogen schon bis auf die Couch von US-Talkgroßmeisterin Oprah Winfrey geschafft. Aber ihr Buch ist mehr als ein kalkulierter Comeback-Versuch. Es erzählt auch die Geschichte einer Frau, die nie lernen konnte, sich auf sich selbst zu verlassen. Und die das jetzt endlich mal versucht.

Von Beginn an

fühlt sich Tatum O'Neal ihrem Vater ausgeliefert. Als die Eltern sich scheiden lassen, bleiben sie und der jüngere Bruder Griffin zunächst bei ihrer Mutter, der Schauspielerin Joanna Moore. Tabletten- und alkoholabhängig sei die gewesen und so überfordert, dass sie ihre Kinder stundenlang zu Hause eingeschlossen habe. Auch Essen und Duschen gehörten nicht unbedingt zur Tagesordnung. Von familiären Verpflichtungen unbelastet, macht Ryan O'Neal derweil als Schauspieler Karriere. Ab und zu kommt er vorbei. Stark, schön und reich - ein Märchenprinz, der sie irgendwann aus dem Elend forttragen wird, hofft Tatum. Und bettelt um seine Liebe. Doch Ryan O'Neal ist kein selbstloser Retter. Er holt die Tochter zu sich, für sie zu sorgen ist ihm jedoch zu anstrengend.

Tatum erinnert sich, wie sie am Strand von Malibu mit Bob Dylans Adoptivtochter Maria im Sand spielt. Papa sitzt auf der Terrasse, raucht Gras und hört Led Zeppelin. Hippie-Idyll. Die Kehrseite: Papas Liebschaften. Mit Ursula Andress, Bianca Jagger oder Anjelica Houston kam sie gut aus, schreibt Tatum. Schwierig sei nur Farrah Fawcett gewesen: Das "amerikanische Weißbrot" war für sie das "Gegenteil der exotischen weltgewandten Frauen, in die sich mein Vater normalerweise verliebte und die mich so beeindruckten". Weißbrot hin oder her - Ryan zieht zur Farrah. Ohne seine Tochter. Gekränkt, eifersüchtig und einsam bleibt die inzwischen 16-jährige Tatum zurück. Unfähig zu Freundschaften. Sogar Tom Cruise lässt sie abblitzen: "Es tat mir immer sehr leid, dass ich seine Gefühle verletzt habe. Er war so niedlich, und ich wäre gern mit ihm ausgegangen." Chance verpasst. Tom Cruise ruft nie wieder an. Stattdessen gibt es Drogen, Kokain- und Bulimie-Exzesse - angeblich mit den Kindern von anderen Hollywoodstars.

Die Karriere läuft schlecht.

Tatum steht zwar noch gelegentlich vor der Kamera, der große Durchbruch bleibt aber aus. Zu stark ist der Druck des Vaters, der sie ständig gedemütigt haben soll. "Ich war eine lebende Zeitbombe", sagt sie rückblickend. Kurz vor der Detonation trifft sie John McEnroe.

Im Oktober 1984 ist McEnroe der beste Tennisspieler der Welt, wegen seiner Aufschläge und Ausbrüche gleichermaßen gefürchtet. Tatum und er flirten in New York, lieben sich in Los Angeles. Endlich ein Mann, der es mit dem übermächtigen Vater aufnehmen kann. "Mein Vater drückte Johns Bizeps", erinnert sich Tatum. "Dann fällte er sein Urteil: 'Nicht sehr groß. Du bist so dünn'." Doch John lässt sich nicht provozieren. Tatum ist Anfang 20, beeindruckt und heiratswillig.

Die glücklichen Jahre zwischen Tennisplätzen, Kalifornien und New York bringen drei Kinder - die Schatten der alten Familie kann Tatum O'Neal jedoch nicht verdrängen. Bruder Griffin, alkohol- und drogenabhängig, hat einen Motorbootunfall, bei dem der Sohn des Regisseurs Francis Ford Coppola stirbt. Griffin kommt vor Gericht. Ryan spottet öffentlich über seine missratenen Kinder.

Die labile Tatum und der aufbrausende John - das habe nicht gut gehen können, analysiert Tatum O'Neal heute. 1994 lassen sie sich scheiden. Tatum - gerade 30 Jahre alt - geht wieder auf Männersuche. Sanft und romantisch soll er diesmal sein: "Ein Dichter wäre gut". Doch mit den Künstlern kommt die Heroinsucht in ihr Leben. Frauen versuchen ihr zu helfen; Madonna, Cher, Bianca Jagger. Aber Tatum sucht erneut Unterstützung bei ihrem Vater. Einsam und abhängig kehrt sie zu ihm zurück. Und wird enttäuscht.

Im vergangenen August, 30 Jahre nach der Oscar-Verleihung, steht Tatum O'Neal wieder auf dem roten Teppich. Eine athletische Frau, die langen blonden Haare ordentlich frisiert. Ihre Drogensucht habe sie inzwischen überwunden, heißt es. Ihr Mund ist immer noch so ernst wie bei dem kleinen Mädchen von damals, aber er kann jetzt auf Kommando lächeln. Hollywood-Lächeln. Sie weiß, dass sich hier eigentlich niemand für sie interessiert, sondern nur für Tatum, den Kinderstar: Es ist das Jubiläumsfest von "Paper Moon". Anders als bei der Oscar-Verleihung ist sie an diesem Tag nicht allein. Sie hat ihre drei Kinder bei sich. Und neben ihr steht, gebräunt und immer noch gut aussehend: Ryan O'Neal. Der Mann, um dessen Anerkennung sie immer noch kämpft. Und der wenig später der Presse sagen wird, dass er viel lieber Alicia Silverstone als Tochter hätte.

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