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ZDF-Serie "Kanzleramt": Die Staats-Schauspieler

Alles wie im wahren Leben? In der ZDF-Serie Kanzleramt geht es um Politik und Macht, Skandale und Affären. Der stern sprach mit Fernsehkanzler Klaus J. Behrendt und Drehbuchautor Martin E. Süskind.

Berlin, Hotel InterContinental. Der Fernsehkanzler, schwarzer Dreireiher, Hände in den Hosentaschen, steht im Kaminzimmer und studiert die Fotos berühmter Gäste, die gerahmt an der Wand hängen. Wladimir Putin ist da zu sehen, ebenso Gerhard Schröder mit Gattin Doris. Gibt es auch ein Bild von ihm, wird der Fernsehkanzler gefragt. Er guckt, als hätte man ihn gerade aus dem Tiefschlaf geweckt. "Och nö… warum?", fragt er. Und dann: "Kann's losgehen?"

Klaus J. Behrendt hat nicht viel Zeit an diesem Donnerstag. Er soll hier gleich noch eine Szene drehen für die Serie "Kanzleramt", in der er den Bundeskanzler Andreas Weyer spielt. Behrendt setzt sich zu Martin E. Süskind, der 35 Jahre als politischer Journalist in Bonn und Berlin tätig war, zuletzt als Chefredakteur bei der "Berliner Zeitung", und nun Berater und Drehbuchautor ist für das Fernseh-Kanzleramt.

Politik ist nicht wirklich sexy, in Zeiten von Hartz IV schon gar nicht. Warum sollte man sich da noch Ihr "Kanzleramt" antun?

Berendt: Was wir von der Politik in den Nachrichten sehen, ist doch nur das Endprodukt. Wir zeigen aber auch den Entstehungsprozess. Das ganze Hick und Hack hinter den Kulissen, das wir im wahren Leben nicht mitkriegen, macht Politik erst interessant. Und die wird, das sollte man nicht vergessen, von Menschen gemacht - die haben auch ein Sexualleben, die haben Kinder, Freunde, Feinde, Geliebte.
Süskind: Ich glaube, dass wir in einer Art Umbruch sind, weg von der Spiel- und Hämegesellschaft: Politik wird wieder viel ernster genommen, Hartz IV war sicher der Katalysator dafür. Und nehmen Sie den Visa-Skandal um Außenminister Fischer - Deutschlands beliebtester Politiker unter Druck, so etwas beschäftigt die Menschen.
Behrendt: Auf jeden Fall. Ich lese sicher nicht jeden Tag den politischen Teil des "Tagesspiegels", den ich abonniert habe, rauf und runter. Aber das sind Sachen, die mich auch interessieren. Ich betrachte die Politik durch die Dreharbeiten vom "Kanzleramt" jetzt auch ein bisschen anders. Wenn ich mir zum Beispiel die EU angucke, diese berühmten Bilder, wo alle Staatspräsidenten und Regierungschefs sich zum großen Familienfoto aufstellen - da ist dann Friede, Freude, Eierkuchen. Aber kaum sitzen die hinter verschlossenen Türen am Tisch, wird gezockt und gerangelt...
Süskind: ...wie in Folge neun, in der es um die Besetzung des neuen EU-Kommissionspräsidenten geht: Da versuchst du als unser Kanzler, deine Vorstellungen durchzusetzen, indem du die Regierungschefs von Italien, Frankreich und Großbritannien sehr, sehr geschickt gegeneinander ausspielst...
Behrendt: ...und nebenbei tanzt mir meine Tochter auf der Nase rum, die sich in einen jungen Musiker aus Venezuela verguckt hat, mit dem ich nicht ganz einverstanden bin. Das ist dann wieder die menschliche Komponente, so etwas ist mir auch nicht fremd, ich habe selbst Kinder - wobei ich nicht Witwer bin und alleinerziehender Vater wie unser Kanzler. Wir versuchen eben bei der Serie, Politik und Privates zu mischen.

Als man Sie fragte, ob Sie den Kanzler Andreas Weyer spielen wollen, haben Sie erst mal nein gesagt. Weil Sie der Typ in der Lederjacke sind, der als "Tatort"-Kommissar Max Ballauf Mordfälle löst?

Behrendt: Das hat damit nichts zu tun - ich fühle mich auch in so einem Anzug ganz wohl. Von Beruf bin ich nicht Hauptkommissar, sondern Schauspieler. Aber ich habe bei dieser Rolle anfangs tatsächlich gezögert, weil ich dachte, sie wäre auf Gerhard Schröder gemünzt, und es hätte mich nicht gereizt, eine reale Person darzustellen. Erst als ich dann die Drehbücher gelesen und gemerkt habe, dass das eine frei erfundene Figur ist, fing der Kanzler Weyer an, mich zu interessieren.

Ihr Fernsehkanzler kommt aus einfachen Verhältnissen, folgt stets seinem Instinkt, trinkt gern Bier und ist Fußballfan. Da denkt man aber doch an keinen anderen als Gerhard Schröder.

Behrendt: Finde ich nicht. Gehen Sie mal in ein Stadion wie das in Dortmund: Da stehen 80.000 Leute, die gern Fußball gucken und Bier trinken...
Süskind: ...und ein Politik-Roboter, der von uns durch das Kanzleramt gesteuert wird, wäre doch langweilig für das Publikum. Wir wollten einen Kanzler, der mehr Bauch- als Verstandsmensch ist, weil er mehr Facetten bietet und diskutieren kann mit seinem Kanzleramtschef: "Okay, du hast ja Recht, aber mein Gefühl sagt mir..."

Herr Behrendt, haben Sie sich für Ihre Rolle bei einem echten Staatsmann Rat geholt?

Behrendt: Nein. Ich kenne leider keinen persönlich.
Süskind: Das wäre auch völlig falsch gewesen. Der hätte uns das Bild eines Politikers serviert, so wie er gern sein würde. Wir wollen ihn aber zeigen, wie er wirklich ist, mit all seinen Schwächen, Ausrastern und großartigen Momenten.
Behrendt: Im Übrigen hatten wir mit dir einen guten Berater, du hast die Politik ja viele Jahre aus der Nähe erlebt.
Süskind: Als Redenschreiber bei Willy Brandt, später als Journalist bei Schmidt, Kohl und Schröder. Da war ich oft in Situationen, die man als normaler Bürger nicht mitbekommt.

Jetzt sind wir aber gespannt.

Süskind: Das ist alles weniger geheimnisvoll, als man denkt. Als Journalist glaubt man immer, Politiker würden wie beim Schachspiel ganz strategisch handeln und den nächsten Schritt kennen. Wenn man dann aber nah dran ist, stellt man zu seiner Belustigung - oder auch seinem Entsetzen - fest, dass die sich in 80 Prozent der Fälle nur so durchlavieren. Einen Masterplan haben die selten.

Beim "Kanzleramt" gibt es auch einen Redenschreiber, gespielt von Heikko Deutschmann. Der schläft in Folge vier mit einer Journalistin, die ihm anschließend vertrauliche Informationen über einen Minister-Rauswurf klaut und öffentlich macht. Eine Geschichte aus dem wahren Leben?

Behrendt: Das würde mich auch mal interessieren. Süskind: Es gibt durchaus Geschichten, die sich kein Drehbuchschreiber ausdenken kann: Wenn wir vor fünf Jahren ein Buch abgeliefert hätten, in dem erzählt wird, wie ein Innensenator seinen Bürgermeister als homosexuell outet...

...siehe Ronald Schill und Ole von Beust...

Süskind: ...dann hätte jeder Produzent gesagt: Tolle Story, aber völlig absurd - das können wir den Zuschauern nicht vorsetzen. Genauso wenig einen Außenminister, der schon vier Ehen hinter sich hat!
Behrendt: Und was ist jetzt mit unserem Redenschreiber und der Journalistin?
Süskind: Was sicher stimmt und da auch deutlich werden soll: Manche Journalisten haben durchaus mit Politikern gemeinsam, dass sie sich wahnsinnig wichtig nehmen. Ich will damit aber nicht sagen, dass die Geschichte in dieser Form tatsächlich passiert ist. Obwohl so ein Redenschreiber für Frauen, die Macht sexy finden, schon sehr attraktiv ist - es sei denn, sie kommen an den Kanzler ran.

Gerhard Schröder hat mal gesagt: "Die Leute wollen doch gar nicht, dass einer immer sympathisch ist. Man muss auch ein Schwein sein können."

Süskind: Unser Kanzler ist kein Schwein, aber er hat seine Schwächen: Er folgt nicht gern komplizierten Diskussionen, stimmt's?
Behrendt: Er hasst theoretisches Gesülze. Und er liest auch nicht gern mehr als zwei Seiten. Aber ich habe schon Spaß an der ganzen Geschichte gefunden - ich würde mir durchaus eine zweite Amtszeit wünschen! Und es gibt ja noch ein paar Geschichten, die du für eine weitere Staffel verarbeiten könntest, wenn man zum Beispiel mal an Möllemann denkt oder an Barschel und Engholm.

Ihr Serienvorbild "Westwing" war in den USA ein großer Erfolg. Liegt das nicht auch daran, dass Bill Clinton, der damals Präsident war, so unendlich viel glamouröser ist als unsere Politiker?

> Süskind: Sicher, die hatten Kennedy, Reagan, Clinton - und hier war seit Willy Brandt keiner mehr so richtig glamourös..

...wir haben jetzt Müntefering, Kauder, Westerwelle...

Süskind: ...gut, aber wir können doch die Politiker in unserer Serie nicht als eine Bande von Unsympathen aus der Provinz vorführen.
Behrendt: Damit würden wir die Vorurteile von Leuten bedienen, die sowieso abschalten, wenn von Politik die Rede ist.
Süskind: Es gibt sicher den einen oder anderen, der zum Abkassieren in die Politik gegangen ist oder weil er sich gern an der Macht berauscht. Aber ich glaube fest, dass Politiker nicht so korrupte Taugenichtse und Lügner sind, wie sie oft dargestellt werden.

Ulrike von Bülow/Claus Lutterbeck / print