Billie Eilish (24) ist glücklich: Sie sitzt auf dem Boden eines schmucklosen Hinterzimmers ihrer Konzertvenue und kuschelt mit Hunden. In fast jeder Stadt, in der sie auftritt, versuche sie mit Hilfe örtlicher Tierheime einen solchen "Puppy Room" zur Entspannung für sich und ihr Team zu organisieren, erzählt der Popstar. Hollywood-Regisseur James Cameron (71) kniet neben ihr und ist sichtlich verzaubert von der Idee: "Das mach ich bei meinem nächsten Film auf jeden Fall auch."
Es ist einer der Momente, in denen der Konzertfilm "Hit Me Hard And Soft: The Tour" einen Blick hinter die Kulissen des Popstars eröffnet, der mit drei Alben in den vergangenen Jahren Rekorde gebrochen und Grammys sowie zwei Oscars eingesammelt hat. Eilish hat mittlerweile den Superstar-Status erreicht, dass James Cameron bei ihr per Mail anfragen ließ, ob sie Interesse an einem 3D-Konzertfilm hätte, nicht andersrum.
Näher geht nicht
Die Bilder wurden während der "Hit Me Hard and Soft"-Tour in Manchester aufgenommen und katapultieren das Publikum mitten ins Geschehen. Mit 3D-Brille steht man plötzlich neben aufgelösten Fans in der ersten Reihe, auf der Tribüne inklusive Handy im Sichtfeld, sitzt mit Billie Eilish in einer Kiste, während sie unerkannt durch die Menge geschoben wird oder liegt neben ihr auf der Bühne. Näher geht nicht.
Wenn Eilish und ihre Musik die Hauptrolle in diesem Film spielen, sind ihre Fans die wichtigsten Nebendarsteller. Während jedes Songs ist der Zuschauende ganz nah dran an ihren tränenüberströmten Gesichtern und heiseren Stimmen, die jede Zeile mitschreien. Immer wieder lässt Eilish sich von ihren Anhängern berühren oder sogar kratzen, provoziert einen Massenauflauf, lehnt sich auf dem Weg zum Hotel noch einmal aus dem Auto, um sich zu verabschieden. An einer Stelle sagt sie, sie sei selbst früher Fan gewesen und wolle nun der Star sein, den sie selbst als Teenager gebraucht hätte.
Gerade bei einem Superstar wie Billie Eilish, deren Konzerte innerhalb von Minuten ausverkauft sind und deren Tickets inzwischen horrende Preise erreichen, wirkt diese Kino-Version wie ein verlockender Ersatz. Oder zumindest wie das Methadon fürs verpasste Konzert. Dazu kommen Momente, die kein Fan im Stadion sehen kann: Wie Eilish sich backstage selbst schminkt, wie sie sich per Facetime mit ihrem Vocal Coach warm singt oder die schmerzenden Gelenke taped.
One-Woman-Show
Denn Billie Eilish funktioniert anders als die meisten Popstars ihrer Größe. Keine Tänzerinnen, keine Choreografien, keine Outfitwechsel. Sie tritt weiterhin in Baggy-Klamotten auf und kontrolliert das gesamte Stadion allein mit ihrer Präsenz. Im Film erzählt sie selbst, dass sie dieses Selbstverständnis vor allem aus dem Hip-Hop kannte: Männer, die alleine auf einer Bühne stehen und Tausende Menschen entertainen. "Ich habe nie gesehen, dass eine Frau das macht", sagt sie. Heute macht sie es selbst: Eilish flirtet mit dem Publikum, rennt von einem Ende der Bühne zum anderen, kriecht wie ein Raubtier Richtung Kamera, tanzt verspielt am Bühnenrand, badet im Applaus. Bei allem strahlt sie die pure Freude eines Kindes aus, das genau das tut, was es immer wollte.
Und trotzdem: Das Rohe, Unmittelbare und Körperliche eines echten Konzerts lässt sich nicht in einem Kinosessel erleben. Das zeigt schon die Tatsache, dass bei der Preview in Berlin zwar viel geweint, aber nicht mal zum Superhit "Bad Guy" aufgestanden wurde. So nah man dem Konzerterlebnis Eilish mit diesem Film auch kommt, steht eben immer noch ein Bildschirm zwischen dem Zuschauenden und der echten Erfahrung. Wer kein Ticket ergattern konnte oder das Konzert noch einmal durch Eilishs Augen sehen möchte, findet hier aber eine eindrucksvolle Alternative auf großer Leinwand.