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Kommentar

Gedicht von Eugen Gomringer: Neues vom Berliner Gedichtekrieg: Warum Sprache eine gefährliche Sache sein kann

Der sogenannte Berliner Gedichtekrieg geht weiter. "avenidas" von Eugen Gomringer hängt nun neben dem Brandenburger Tor und wird zum Emblem einer bürgerlichen Protestkultur: Ästhetik gegen Ideologie. Doch so einfach ist es nicht. 

Die Fassade der Alice Salomon Hochschule in Berlin mit dem Gomringer-Gedicht "avenidas"

Die Fassade der Alice Salomon Hochschule in Berlin mit dem Gomringer-Gedicht "avenidas"

DPA

Sprache ist eine gefährliche Sache. Sie kann verbinden und trennen. Nichts ist eindeutig. Vor allem nicht in der Kunst: , Musik, Malerei – alles, was Menschen so hervorbringen, unterliegt einer fließenden, sich stetig wandelnden Interpretation.

Was gestern noch provoziert hat, ist heute anerkannt, in der Mitte der Gesellschaft angekommen, ein alter Hut. Charles Baudelaires "Blumen des Bösen" verletzte einst die Moral und wurde verboten. Heute gilt das melancholische Meisterwerk als irre romantisch. Und der italienische Schriftsteller Curzio Malaparte etwa wurde von der Stadt mit einem Bann belegt, weil sein Roman "Die Haut" die Bewohner der Stadt verunglimpfe. Der Papst setzte das Buch auf den Index. Heute ist eine Straße in Neapel nach ihm benannt und die Bewunderer pilgern zu seinem Haus auf Capri.

Manchmal ist es auch umgekehrt: Da ruhen 102 Buchstaben schwarz auf weiß auf einer Wand. In einer Sinn stiftenden Anordnung und einem melodiösen Rhythmus. Sie beschreiben eine Straßenszene, in der Blumen, Frauen und ein "Bewunderer" vorkommen. Es ist das Gedicht "avenidas", das der avantgardistische Literat 1951 über die Ramblas in Barcelona verfasst hat.

Im Herbst 2018 soll das Gedicht verschwinden

Vier Jahre lang passiert: Nichts. Dann, 2016, wird das Gedicht plötzlich als Ärgernis empfunden. Als Akt struktureller Unterdrückung von Frauen. Und im Herbst 2018 soll es verschwinden. Die Studenten der Alice Salomon Hochschule haben so entschieden, und es ist ihr gutes Recht, sich gegen etwas zu stemmen, das sie mehrheitlich als nicht angemessen empfinden.

Jetzt gleich von Zensur zu sprechen und an die Bücherverbrennungen der Nationalsozialisten zu erinnern, ist genauso überzogen wie die Deutung des Gedichts als diskriminierendes Macho-Machwerk durch die Studierenden.

Gomringers Werke sind allgemein verfügbar und bedürfen nicht der Sichtbarkeit an einer Zweckbau-Wand in Berlin-Hellersdorf. Im März erscheint im Nimbus Verlag das Buch "poema", in dem Gomringer 23 seiner Gedichte interpretiert und Auslegungen von Dichter-Kollegen dazustellt. Der Mann wird geschätzt, seine Relevanz in der Literaturgeschichte ist eindeutig, er publiziert.

Streit hat durch #Metoo-Debatte an Fahrt aufgenommen

Fahrt aufgenommen hat der absurde Streit um das Gedicht durch die #Metoo-Debatte, in deren Windschatten nun Gendermainstreaming gegen Kunstfreiheit ausgespielt wird. Dabei sollte man genau hinschauen, wer sich hier zum Richter aufspielt, und in wessen Namen. Es geht nämlich auch darum, Territorien zu markieren, Diskurshoheiten zu erlangen. Und gehört werden nur die lautesten Rufer mit den einfachsten Argumenten und den schrillsten Tönen.

Das sind nicht unbedingt kunstnahe Debatten, geprägt von Kenntnis um die Geschichte der Werke und ihrer Rezeption. Die Macht der Interpretation ist zutiefst zweifelhaft. Alle, die sich näher mit der Kunst nicht nur des 20. Jahrhunderts beschäftigt haben, sind sich dessen bewusst.

Zwei Kultur-Institutionen direkt am Brandenburger Tor haben nun ähnlich – und doch gegensätzlich – auf den Streit um das Gedicht reagiert. Und befördern die Causa Gomringer allein aufgrund ihres Standortes von der Provinzposse zur Staatsaffäre.

Akademie der Künste verwendet anderes Gomringer-Gedicht

Die Akademie der Künste protestiert gegen die Vereinnahmung der Kunst für kunstfremde, also etwa politische oder soziale Interessen und klebt ein anderes Gomringer-Gedicht an ihre Fassade. Es heißt "schweigen" und verweist in seiner Struktur auf eine Leerstelle, die sich nicht mit Worten füllen lässt.

Die Wörter "Schweigen" und "Silencio" stehen auf der Glasfassade der Akademie der Künste

Die Wörter "Schweigen" und "Silencio" stehen auf der Glasfassade der Akademie der Künste. Die Aktion ist ein Protest gegen die geplante Übermalung eines Gedichts des Lyrikers Eugen Gomringer.

DPA

Dieser sehr elegante Appell, die Uneindeutigkeit und Ästhetik von Kunst auszuhalten, wird nun konterkariert durch eine Aktion der Stiftung Brandenburger Tor: An der Fassade des Max-Liebermann-Hauses direkt neben dem Brandenburger Tor entrollte sie ein Banner mit den Zeilen des "avenidas"-Gedichts. Damit soll der Pariser Platz als "Ort der Freiheit und der Kunst" aufgeladen werden.

Die Stiftung tut nicht nur so, als sei das Gedicht ohne ihre Aktion unsichtbar. Schon der Axel-Springer-Verlag hatte die Zeilen Gomringers beifallheischend über seine LED-Wand laufen lassen.

Zu besichtigen ist schlicht eine weitere Indienstnahme des Gedichts für kunstferne Zwecke: Hier möchte eine Institution auf sich aufmerksam machen und ihre Bedeutung für den Platz, die Stadt und die Republik aufwerten. Entsprechend hoch hängt die Stiftung auch ihre Ambitionen: Es geht darum, einer "vermeintlichen political correctness" zu widersprechen und eine historische Verantwortung wahrzunehmen: "Die Zensur von Kunst hat in Deutschland eine verheerende Tradition und darf sich nicht wiederholen." Die Studierenden der Salomon-Hochschule in die Nähe von faschistischen Kunstvernichtern zu stellen, ist lächerlich.

Das Gedicht wurde aus vielen berufenen Mündern verteidigt, nicht zuletzt durch die Tochter des Autors, die vielfach preisgekrönte Dichterin Nora Gomringer. Es nach all den Debatten aus dem Fenster zu hängen, fügt dem Fall nichts hinzu.

Es ist nur ein Fähnchen im Berliner Wind.


Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo