Mahnmal-Debatte Hakenkreuze in Loch Ness


Ein paar Nazi-Schmierereien gefällig? Oder sollen's diesmal lieber Risse im Beton sein? Das Berliner Holocaust-Mahnmal entwickelt sich zur stetig sprudelnden Nachrichtenquelle für flaue Sommerloch-Tage.
Von Anja Lösel

Was früher das Ungeheuer von Loch Ness war, scheint jetzt das Holocaust-Mahnmal in Berlin zu werden. Wenn eine Nachrichten-Flaute droht, guckt man einfach aufs Stelenfeld neben dem Brandenburger Tor. Irgendwelche picknickenden Touristen, hüpfenden Skateboarder, kaputten Lampen, üblen Graffiti oder Hakenkreuze werden sich schon finden. Jetzt also: Risse im Beton. Große, böse Risse mit weißem Zeugs, das da rausquillt. Schlimm, hässlich, vielleicht sogar gefährlich. Gibt's zwar schon seit über einem Jahr, aber egal. Große Aufregung. Alle schreien - von der "taz" ("womöglich durch anhaltenden Frost verursacht") bis zum "Neuen Deutschland" ("Prägnanter als durch diese Risse könnte das Verhältnis der nichtjüdischen Deutschen zu Juden kaum versinnbildlicht werden").

Architekt Peter Eisenman aus New York kennt das schon: "Die Zeitungen brauchen immer irgendeinen Skandal. Man sollte das nicht zu dramatisch sehen", sagt er in der "Süddeutschen Zeitung". "Das Problem ist seit mehr als einem Jahr bekannt. Wir wollten aber noch einen zweiten Winter abwarten, um die Entwicklung zu beobachten."

"Beton bewegt sich"

Muss man die Risse also nicht ernst nehmen? Fragen wir doch jemanden, der sich tagtäglich mit den Problemen beschäftigt, die Beton bereiten kann: Birgit Meng, Beton-Expertin an der Bundesanstalt für Materialforschung in Berlin. Sie betrachtet die ganze Aufregung mit Gelassenheit: "Beton ist ein lebender Werkstoff, und der bewegt sich", sagt sie. "Oft ist die Ursache für Risse ganz natürlich. Deshalb ist es richtig, dass der Architekt Peter Eisenman erst mal sagt: Keine Panik. Beton verhält sich eben so." Weder hüpfende Besucher noch Erschütterungen von benachbarten Baustellen können schuld sein an den Beschädigungen, sagt Birgit Meng, denn "die Risse sind sehr typisch angeordnet und durchlaufen die Stelen quer, das ist ein deutliches Zeichen für innere Spannungen." Aber wo kommen die unschönen Krakel her? "Risse treten meist bei jungem Beton auf, ganz am Anfang, weil es beim Erhärtungsprozess Spannungen gibt", sagt Birgit Meng. Das Mahnmal wurde allerdings schon vor zwei Jahren fertig gestellt. Also doch eine ernstere Sache?

Das Bauwerk ist nicht gefährdet

Peter Eisenman bleibt wie immer cool, mit seinen 74 Jahren weiß er genau, was in der Architektur alles passieren kann: "Wenn Sie 2700 Stelen bauen, werden immer einige weniger gut sein als die anderen. Ich will die Sache nicht herunterspielen, aber überrascht bin ich keineswegs." Wenn man mit Beton baut, so Eisenmann, weiß man nie, wie genau das Material altert, ob sich die Farbe verändert oder ob der Rost-Ton von der Stahlarmierung durchkommt. Hauptsache ist, dass die haarfeinen Risse das Bauwerk "nicht im Geringsten" gefährden.

Und die hässlichen weißen Schlieren? Kalzium. Nur deshalb so gut sichtbar, weil der Beton der Stelen dunkel eingefärbt wurde. Wenn er hell wäre, wär's vielleicht gar niemandem aufgefallen.

Am Berliner Holocaust Mahnmal bricht also nichts zusammen und niemand droht von einer Stele erschlagen zu werden. Die Risse sind ein reines Schönheitsproblem, lösbar durch Kunstharz-Injektionen. Im Herbst will man mit den Ausbesserungsarbeiten anfangen. Ja, kostspielig ist das, und wer zahlt, steht noch nicht fest. Aber eine Katastrophe ist das alles nicht. Fazit der Beton-Expertin Birgit Meng: "Ich halte das für ein Sommerloch-Thema. Trotzdem gucke ich natürlich interessiert hin, so wie alle Experten. Es ist sehr schwierig, Beton so herzustellen, dass er keine Risse bekommt."


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