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Fünf Jahre Berliner Holocaust-Mahnmal: Auf den Stelen, die den Tod bedeuten

Das Holocaust-Mahnmal in Berlin wird am 10. Mai fünf Jahre alt. Das Stelenfeld erinnert an die rund sechs Millionen Juden, die dem Völkermord der Nationalsozialisten zum Opfer gefallen sind.

Anfangs war es umstritten, mittlerweile jedoch ist das Denkmal für die ermordeten Juden Europas einer der größten Anziehungspunkte in Berlin: Fünf Jahre nach seiner Einweihung haben insgesamt rund 2,3 Millionen Besucher das Stelenfeld, oft auch Holocaust-Mahnmal genannt, in unmittelbarer Nähe des Brandenburger Tors aufgesucht. Diese Zahlen des Dokumentationszentrums "Ort der Information" hält Uwe Neumärker, Direktor der Stiftung für das Denkmal, sogar noch für zu gering: Die insgesamt 2711 Stelen hätten viele Millionen Besucher mehr gehabt.

Als der Bundestag im Juni 1999 sein Votum für den Entwurf des US-Architekten Peter Eisenman abgab, waren die Meinungen quer durch die Fraktionen geteilt. Als zu massiv erschien den Kritikern das Denkmal. Der Architekt hielt dem entgegen, dass das Ausmaß des Holocausts jeden Versuch unmöglich mache, ihn mit traditionellen Mitteln zu repräsentieren.

Nun würdigte Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) am Dienstag vor Journalisten in Berlin das Denkmal als ein "Stein gewordenes Beispiel deutscher Erinnerungskultur". Er sei besonders froh, dass es in einer "erstaunlichen Weise" angenommen werde, und nannte es "eine der großen Adressen" für Besucher der Hauptstadt. Zusammen mit Lammert zogen auch die Initiatorin des Denkmals, Lea Rosh, und Architekt Peter Eisenman eine ebenso positive wie nachdenkliche Bilanz.

Lea Rosh lobte die Bereitschaft des deutschen Staats, sich mit diesem Denkmal seiner Vergangenheit zu stellen. "Es gibt kein vergleichbares Verbrechen in der Weltgeschichte, es gibt aber auch nirgends einen Staat, der sein eigenes, größtes Verbrechen so dokumentiert, wie es Deutschland hier getan hat", sagte sie. Das müsse man anerkennen. Drei Dinge hätten für die Initiatoren im Vordergrund gestanden: "An die Tat erinnern, die Ermordeten ehren und ihnen ihre Namen zurückgeben." Die ersten beiden Vorhaben seien bereits gelungen.

Das dritte Element wird im "Raum der Namen" im Dokumentationszentrum verwirklicht. Dort können Besucher die Geschichten vom Schicksal Einzelner und von untergegangenen jüdischen Lebenswelten anhören. Von anfänglich 800 Schicksalen, sagte Rosh, sei die Zahl auf inzwischen 10.000 angewachsen, und die Arbeit gehe weiter. Sie kündigte ein Benefiz-Dinner im November an, auf dem wieder Geld für weitere Recherchen gesammelt werden solle. Die Yad Vashem-Stiftung in Israel habe allein 3,2 Millionen Schicksale zusammengetragen. "Diese müssen hörbar und sichtbar gemacht werden", sagte Rosh.

Eisenman stellte die Bedeutung des Mahnmals als Ort der Erinnerung heraus. "Es ist jetzt möglich, anders mit ihr umzugehen", sagte er. Zuvor sei es eine Erinnerung gewesen, die den Deutschen von den Alliierten in gewisser Weise weggenommen und ihnen gleichzeitig aufgezwungen worden sei. Sein Bemühen sei es gewesen, die Erinnerung zum Teil des Alltagslebens der Deutschen zu machen. Die vielen Emails, die er bekäme, und die vielen Videos von dem Denkmal, die Besucher auf YouTube und Facebook einstellten, bestätigten ihn in seinem Anspruch.

Davon, wie populär das Mahnmal ist, weiß auch Lea Rosh zu berichten, die Besucher öfter daran erinnern muss, dass die Stelen keineswegs zum Sonnenbaden geeignet sind. "Die Liegewiese ist im Tiergarten", sage sie ihnen. Doch insgesamt sei der Umgang mit dem Mahnmal gut. Es gebe kaum Schmierereien, sagte Neumärker, in fünf Jahren habe es 15 Schmierereien in Form von Hakenkreuzen gegeben.

Zuletzt hatte das Stelenfeld Schlagzeilen gemacht, weil rund 2200 der etwas mehr als 2700 Stelen Risse aufweisen. Die Stiftung Denkmal hat ein Sachverständigen-Gutachten über die Ursache in Auftrag gegeben, das noch nicht vorliegt. Eisenman wollte sich dazu nicht äußern. "Ich war überrascht, in was für einem guten Zustand die Stelen waren", sagte er knapp und verbat sich mit einem Lächeln weitere Fragen: "Ich bin heute aus philosophischen Gründen hier, nicht aus praktischen."

Mechthild Henneke, AFP/DPA / DPA