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Zentrale Holocaust-Gedenkstätte: Das "ungemütliche Denkmal" wird eröffnet

Es gab viel politischen Streit ob und wie es sein soll, die Bauphase dauerte Jahre. Jetzt ist das Holocaust-Mahnmal mit seinen 2700 Betonstelen mitten in Berlin fertig und muss seinen Platz erst noch finden: Ort ständiger Erinnerung oder "Kranzabwurfstelle"?

Sechzig Jahre nach Kriegsende erhält Deutschland einen zentralen Ort des Gedenkens an den Holocaust: Nach langem politischen Streit wird am Dienstag in Berlin das Denkmal für die ermordeten Juden Europas eröffnet. Auf einem Gelände so groß wie vier Fußballfelder und einen Steinwurf von Hitlers einstiger Reichskanzlei entfernt, soll das gigantische Mahnmal an Verfolgung und Vernichtung von Millionen Juden im Nationalsozialismus erinnern.

Zur Eröffnung werden in Berlin 1000 Gäste aus aller Welt erwartet. Neben den Spitzen von Parlament und Bundesregierung wollten auch Vertreter von jüdischen Gemeinden sowie Holocaust-Überlebende an der Feier am Denkmal für die ermordeten Juden Europas teilnehmen. Das Mahnmal sei die erste Erinnerungsstätte an den Holocaust, die seit der Wiedervereinigung in Deutschland eröffnet werde, sagte Bundestagspräsident Wolfgang Thierse.

Schon seit Wochen ist der vom Bund finanzierte Bau so gut wie fertig und die 2700 schwarz-grauen Betonstelen ragen als düsteres Zeichen für den Massenmord zwischen Brandenburger Tor und Potsdamer Platz in den Himmel. Dicht an dicht sind die bis zu vier Meter großen Steine auf dem gepflasterten Boden aneinander gereiht. Die Größe der leicht schräg stehenden Quader nimmt zur Mitte des abschüssigen Geländes zu. Im Zentrum, das wünscht sich der Architekt Peter Eisenman, soll der Besucher ein Gefühl von Desorientierung und Ferne bekommen.

Biografische Daten von 3,5 Millionen Toten

Der Baulärm auf dem 19.000 Quadratmeter großen Areal ist verstummt. Im "Ort der Information" am Nordrand des Mahnmals sind nur noch wenige Fachleute am Werk. In den vier unterirdischen Räumen, gegen den Willen Eisenmans gebaut und von der Architektin Dagmar von Wilcken entworfen, wird für die Besucher der Leidensweg der Juden von der Deportation bis zur Ermordung nachgezeichnet. Sechs große Fotos von Opfern stehen stellvertretend für viele Millionen Tote am Beginn des Rundgangs durch die Räume der Stille, der Schicksale und der Orte. Auf der letzten Station, dem Raum der Namen, werden die biografischen Daten von 3,5 Millionen Toten dokumentiert. Die Daten hat die israelische Gedenkstätte Jad Vaschem zur Verfügung gestellt.

"Kranzabwurfstelle" oder Platz für Erinnerung, persönliche Scham und Mahnung vor neuer Barbarei? Über kaum einen öffentlichen Bau wurde in den vergangenen Jahren so erhitzt diskutiert, wie über das Holocaust-Mahnmal. Vor allem eine Frage erregte die Gemüter: Braucht Deutschland neben KZ-Gedenkstätten wie in Dachau oder Bergen-Belsen und den anderen authentischen Orten des Geschehens ein gigantisches Kunstwerk als Erinnerung an millionenfaches Leid?

Kampf für das Denkmal

Verbissen stritten die Initiatoren um die Publizistin Lea Rosh und den Historiker Eberhard Jäckel seit 1988 für das Denkmal. Im einstigen Zentrum des "Dritten Reichs" wollten Rosh und Jäckel an die jüdischen Opfer der Nazis erinnern - und nur an sie. "Der Mord an den Juden war einzigartig", sagt Jäckel. Nie zuvor habe ein Staat beschlossen, eine Gruppe von Menschen, die sie als Juden kennzeichnete, zu töten. Dies rechtfertige ein eigenes und besonderes Denkmal. Doch Rosh und Jäckel machten sich mit ihrer Initiative nicht nur Freunde.

Vor allem Vertreter der jüdischen Gemeinde lehnten eine herausragende Rolle für Juden im Gedenken an den Holocaust ab. Kritiker wie der Frankfurter Architekt Salomon Korn wünschten sich ein Denkmal für alle - für Sinti und Roma, Homosexuelle, Euthanasietote, Deserteure.

Deutsche Vergangenheitsbewältigung

Zu den frühen Befürwortern des Mahnmals zählte der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl. Nach Mauerfall und Wiedervereinigung wollte der studierte Historiker ein Zeichen setzten. Mit dem Mahnmal, so die Politikwissenschaftler Claus Leggewie und Erik Meyer in ihrem neuen Buch über den Bau ("Ein Ort, an den man gerne geht") sollte die von Deutschland geleistete "Vergangenheitsbewältigung" für alle Welt sichtbar werden. Auch das Altern der Holocaust-Überlebenden und der Zeitzeugen stellte die Frage nach der Erinnerung an die Barbarei für spätere Generationen.

Allerdings lehnte Kohl einen ersten Entwurf für das Mahnmal ab. Die Berliner Künstlerin Christine Jakob-Marks wollte auf einer schiefen Ebene die Namen aller Holocaust-Opfer einmeißeln lassen. In zwei weiteren Wettbewerben wurde schließlich der Entwurf Eisenmans und des amerikanischen Bildhauers Richard Serra ausgewählt. Erst nach einem Beschluss des Bundestags 1999, der die Mittel in Höhe von heute rund 28 Millionen Euro bewilligte, konnte der Bau beginnen.

Eklat um Graffiti-Schutz von Degussa

Doch selbst nachdem 2003 die ersten Betonstelen errichtet wurden, kam das Projekt nicht zur Ruhe. Die Denkmal-Stiftung hatte sich beim Graffiti-Schutz für ein Produkt der Firma Degussa entschieden. Eine Degussa-Tochterfirma hatte das Giftgas Zyklon B für die Gaskammern in den Konzentrationslagern hergestellt. Doch Degussa blieb beteiligt, der Bau ging nach kurzer Unterbrechung weiter.

Geschichte und Gegenwart, Verstand und Gefühl - mit solchen Begriffspaaren gibt Architekt Eisenman Interpretationshilfen für sein Projekt. Als einen "Ort, an den man gerne geht" wünschte sich Kanzler Gerhard Schröder das Mahnmal, für Bundestagspräsident Wolfgang Thierse soll es "kein gemütliches Denkmal" werden, der Historiker Jäckel spricht gar von einem "leeren Grabmal". Als staatstragendes Nationaldenkmal wird das sperrige Monument somit wohl kaum dienen können.

Esteban Engel/DPA / DPA