HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

M Beisenherz: "Sorry, ich bin privat hier": Sepp Blatter, der dümmste Mensch der Welt

Die gefühlte Temperatur im Profifußball ist derzeit sehr frostig. Das liegt vor allem an Fifa-Chef Sepp Blatter, seit vier Amtszeiten das Maskottchen internationaler sportlicher Korruption.

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Seit 1998 ist der Schweizer Sepp Blatter Chef der Fifa

Seit 1998 ist der Schweizer Sepp Blatter Chef der Fifa

Das Leben ist kein Wunschkonzern. Eine schmerzliche Erkenntnis. Vor allem für mich als BVB-Fan. Dem der Pokal von einer eiskalten Ansammlung kaltblütig kalkulierender Industriefußballer gestohlen wurde. Klar, ich könnte auch sagen, dass mein Verein an dem Abend einfach schlecht war. Aber die gefühlte Temperatur im Profifußball ist derzeit eh sehr frostig. Kommerz ist ein Reim auf Schmerz. Was vor allem mit der Wiederwahl eines Mannes zu tun hat: Sepp Blatter. Der Mann, der schon im Mutterleib an der Nabelschnur gezogen hat, weil die so nach Strippe aussah. Ein Papst kann abtreten. Der Fifa-Präsident wird von Gott geholt - wenn der denn so viel Macht hätte.

Seit vor wenigen Tagen sieben Fifa-Funktionäre verhaftet wurden, rumort es ganz gewaltig in der Zentrale der Fußballleitstelle. Das FBI holte die hochverdächtigen Offiziellen direkt aus ihren Suiten des Züricher Hotels Baur au Lac - man kann nur hoffen, dass die Prostituierten sich nicht allzu sehr erschreckt haben - und nahm sie in U-Haft. Ohne Reisefreiheit, auf engstem Raum eingesperrt, leidend - sollte helfen, sich eine ungefähre Vorstellung zu machen, wie sich die Arbeiter in Katar fühlen müssen.

Ohnehin: Katar. Ground Zero integrer Sportsmannschaften. Wer es bis dato noch einigermaßen geschafft hatte, an die Lauterbarkeit des Fußball-Weltverbandes zu glauben, wurde mit der WM-Entscheidung zugunsten (Russlands und) des Wüstenstaates förmlich mit der Nase in den himalayahohen Haufen Scheiße hineingedrückt. "Seht mal, wie herrlich korrupt wir sind!" Deshalb überraschen derzeitige Schlagzeilen wie "WM-Vergabe manipuliert?" in etwa wie "Mag Berlusconi junge Frauen?".

Beileibe nicht die einzige Parallele zwischen der italienischen Kopulationslegende und dem quälend dauerfröhlichen Schweizer. Dessen Chuzpe einem schon Respekt abnötigt. Sich auf dem Zenit des Skandals zur Wiederwahl zu stellen - und das Ding auch noch gewinnen! Immerhin ist Blatter bereits seit vier Amtszeiten zu einer Art Maskottchen internationaler sportlicher Korruption geworden und schafft es doch, sich vor Turn No.5 hinzustellen und zu sagen: "Wenn einer den Laden reformieren kann, dann doch ich!" Ambitioniert. Unrechtsbewusstsein scheint so wahrscheinlich, wie sich an der Zimmerdecke den Kopf zu stoßen. Es wird interessant sein zu beobachten, wie die Dinge sich in den nächsten Wochen entwickeln. Inwieweit der Kronzeuge Jack Warner den Chef der Fußballkirche belasten wird.

Wenn Putin dich lobt, bist du schuldig

Dass Blatter bei der WM-Vergabe angeblich nicht für Katar gestimmt hat, bestätigt ein wenig die Experten, die "Don Sepp" nicht zwingend für korrupt halten, aber vermuten, dass er bei Schmiergeldzahlungen zumindest dann und wann weggeschaut haben muss. Mir scheint, dass er den Kopf so oft weggedreht hat, dass der bald aus der Fassung fällt. Was es fast noch schlimmer macht. Jemand, der als Chef die Korruption bei der Fifa nicht bemerkt, muss der dümmste Mensch der Welt sein. Gut, sicher, Russlands Präsident Wladimir Putin lobt den Führungsstil des Schweizers - allerdings muss man sagen: wenn Dir ausgerechnet Putin zur Seite springt, ist das im Grunde genommen so etwas wie ein Schuldspruch.

Dass die ganze Geschichte überdies mittlerweile zu einem internationalen Kampf um die moralische Hoheit zwischen den USA und Russland hochst(er)ilisiert wird - geschenkt. Der einst so ruhmreiche Sport ist ohnehin schon wie eine Fünf-Dollar-Nutte rumgereicht worden, da ist das jetzt auch schon fast egal.

Fédération Internationale de Football Association. Der ganze Laden brüllt einem förmlich entgegen "korrupt"! Das Hauptquartier ist ein Bau, bei dem sich selbst Auric Goldfinger schämen würde, weil's einfach too much wäre. Und was ist von einer Non-Profit Organisation - und so versteht sich die Fifa ja - zu halten, die eine Milliarde auf der Bank hat. Übrigens "eine Reserve" - Zitat Sepp Blatter. Dieser ließ sich zuletzt so zitieren: "Ich verzeihe jedem, aber ich vergesse nicht." Wenn man sich häufiger zu Unrecht in den Dunstkreis der Mafia gerückt wähnt, ist das zumindest etwas unglücklich formuliert. Vielleicht mal über einen abgeschnittenen Pferdekopf als neues Logo nachdenken.

Das nächste Arschloch kommt bestimmt

Was genau erwarten wir uns eigentlich vom Ende der Ermittlungen? Den Rücktritt Blatters? Gut. Und dann? Der Vorgänger von Blatter, Havelange war nicht einen Deut besser. Der Nachfolger wird nicht anders sein. Defätismus ist leider angebracht. Die Fifa ist ein Verein, der von Menschen gemacht ist. Genau wie die katholische Kirche, die Hells Angels oder das IOC. Und solange Menschen über die Geschicke eines Vereines (oder Sports) bestimmen, ist Moral wie eine Nacht mit Gisele Bündchen - nette Idee, aber unrealistisch. Da herrscht das Credo aller Proktologen: Das nächste Arschloch kommt bestimmt. Pardon my french.

Klar, wenn Sponsoren wie Coca-Cola, McDonald's oder Visa mit Rückzug drohen, hört sich das toll an. Abgesehen davon, dass sofort Pepsi, Burger King oder Mastercard in die Bresche springen würden, sind es am Ende doch nur laue Absichtserklärungen im Interesse der eigenen Imagewahrung. Dafür ist der Fußball einfach zu groß, zu geil. Und wir selbst, die mit kollektiver Ignoranz tatsächlich etwas ausrichten könnten, sind genauso schwach, genauso unwillig, unser Lieblingsspiel zu boykottieren.

Worüber reden wir denn, wenn wir an die WM in Brasilien denken? An die strategischen Schweinereien der Fifa, die Geldverschwendung, die Proteste? Nee. Das 7:1 gegen den Gastgeber. Das zugegebenermaßen ziemlich geil war. Sind wir ehrlich: Wir alle hassen den Dealer - aber wir lieben das Produkt. Truly, madly, deeply. Und deshalb ist der Sport unter unseren Augen zum Prestigeobjekt für Großkonzerne und Despoten verkommen, aber wer weiß: Vielleicht zucken wir ja doch nochmal. Bei der WM 2026. Beim IS.

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo