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WM in Katar Die Welt zu Gast bei Homophoben – und die Fifa hilft kräftig mit

WM in Katar: Die Nationalmannschaft mit einer Aktion für Menschenrechte
Im März 2021 setzte die Nationalmannschaft ein Zeichen für Menschenrechte – ein klarer Fingerzeig nach Katar. Während der WM will die Fifa politische Botschaften unterbinden.
© Imago Images
Es war nur eine kleine Meldung, aber eine mit großer Wirkung: Die Fifa verbietet Dänemark eine Aktion für Menschenrechte bei der WM in Katar. Es ist die Krönung einer unsäglichen Woche. 

Es sind nur noch wenige Tage bis zu einer Fußball-Weltmeisterschaft, die in dieser Form nicht stattfinden sollte. Katar hat sich bereits in den Jahren vor der WM gänzlich ungeeignet als Gastgeber gezeigt und es auch in dieser Woche nochmal bestätigt. Da sind Arbeiter, die wie Sklaven gehalten werden und zu Tausenden beim Bau der luxuriösen Arenen gestorben sind – laut dem "Guardian" sollen es mindestens 6500 Arbeiter gewesen sein, die ihr Leben gelassen haben. In dem streng islamischen Land gibt es keine Gleichberechtigung für Frauen, außerehelicher Sex und Homesexualität stehen unter Strafe. Dass die WM in den Wüstenstaat vergeben wurde, dürfte auch mit jeder Menge Schmiergeldern in Verbindung stehen. Seit Jahren gibt es eine negative Berichterstattung rund um die Vergabe der WM und der Wohnort von Fifa-Chef Gianni Infantino dürfte da die Kirsche auf der Sahne sein. Denn der 52-Jährige wohnt wo? Genau, in Katar. Dass selbst der ehemalige Fifa-Chef Sepp Blatter, unter dem die WM nach Katar vergeben wurde, und ebenfalls kein unbescholtenes Blatt, sich öffentlich äußert und Infantino zu viel Nähe zu den Organisatoren anheftet, sagt schon viel aus.

Diese Woche führte aber nochmal genauestens vor Augen, warum die WM eigentlich so nicht stattfinden darf und welch unrühmliche Rolle der Fußball-Weltverband in dem ganzen Prozedere spielt. In einer am Dienstag veröffentlichten Dokumentation über Katar sprach ZDF-Reporter Jochen Breyer mit dem katarischen WM-Botschafter Khalid Salman über den Fußball und das Gastgeberland. Was die Zuschauer dort hörten, ließ beim ein oder anderen die Kinnlade runterfallen. Frauen seien wie Süßigkeiten und man nehme lieber die verpackten, erklärte ein Katari einem sichtlich irritierten Breyer in Anspielung auf die im Land geltende Vollverschleierung. Doch Salman toppte das noch, als er im Gespräch mit Breyer erklärte, dass Homosexualität ein "geistiger Schaden" sei. Salman ruderte kurz darauf auf Twitter zurück, die Aussage sei aus dem Kontext gerissen worden. Nur um dann darauf zu verweisen, dass zwar jeder in Katar willkommen sei, die Kultur des Landes sich aber nicht ändern werde. Binnen 16 Jahren hat sich die WM als von der "Welt zu Gast bei Freunden" – zu der auch eine Schmiergeld-Affäre gehörte – zu der "Welt zu Gast bei Homophoben" gewandelt.

WM in Katar: Fifa will keine politischen Debatten

Aus der Sicht westlicher Länder ist diese Einstellung sicherlich mittelalterlich, aber die Fifa spielt das Spiel munter mit. Am Donnerstag verbot sie ein Trainingstrikot des dänischen Teams, das mit dem Schriftzug "Menschenrechte für alle" aufmerksam machen wollte. Zwar gab der Weltverband keine Begründung ab, doch er beruft sich dabei auf sein rechtliches Handbuch, das das Tragen politischer Botschaften untersagt. Übrigens jenes Handbuch, das die Verletzung der Menschenwürde durch beispielsweise Diskriminierung, Diffamierung der sexuellen Orientierung oder der Religion, verurteilt und klar regelt – nur für WM-Gastgeber scheint das nicht zu gelten.

Im Vorfeld der WM schickte die Fifa zudem einen Brief an die 32 teilnehmenden Nationen, in dem Infantino für eine "unpolitische WM" plädiert. Man sei sich zwar bewusst, dass es weltweit Herausforderungen und Schwierigkeiten politischer Art gebe, aber "lassen Sie bitte nicht zu, dass der Fußball in jeden ideologischen oder politischen Kampf hineingezogen wird, den es gibt". Mund halten und Fußball spielen – das ist es, was Infantino und die anderen Fifa-Obersten gerne sehen würden. Menschenrechte sind allerdings Rechte, die jeder Menschen aufgrund seines Menschseins haben sollte – das hat weder etwas mit Politik, noch mit einer Ideologie zu tun und muss auch geldtriefenden Fifa-Funktionären klar sein. Ein Verband, der sich gegen Rassismus und Diskriminierung einsetzt, sollte dann vielleicht auch mal bei einer fehlvergebenen WM ein klares Zeichen setzen und nicht einfach wegsehen. Wer die Saat sät, muss auch mit den Konsequenzen umgehen müssen – und dazu gehört es dann auch, die Probleme klar und offen anzusprechen.

Teams kündigen Reaktionen an

Doch diesmal könnte die schöne geldgrüne Fifa-Welt endlich einen Schuss vor den Bug bekommen. Dass Bundestrainer Hansi Flick sich vor der Bekanntgabe des Kaders am Donnerstag Zeit nimmt, um über politische Themen zu reden, ist ein Fingerzeig für die kommenden Wochen. "Wir wollen uns nicht wegducken und ganz klar auf die Missstände aufmerksam machen", sagte Flick und auch andere Spieler äußerten sich zuletzt kritisch über die Situation in Katar. Auch von England, einem der Titelfavoriten der Winter-WM, darf man Kritik erwarten. "Wir haben immer über das gesprochen, über was es zu sprechen galt. Wir sind sehr klar in Menschenrechtsfragen", erklärte Gareth Southgate, Trainer der "Three Lions", ebenfalls bei der Bekanntgabe des Kaders. Dass es nur Fußballthemen in Katar zu besprechen gebe, hält er für "höchst unwahrscheinlich". Es bleibt zu wünschen, dass das nicht nur leere Worthülsen sind und die Teams auch ihren Verpflichtungen neben dem Sport gerecht werden. 

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