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M. Beisenherz: "Sorry, ich bin privat hier": GNTM - ein Herz für die Knorpelparade

Ich mag "Germany's next Topmodel" - und stehe dazu. Für mich ist die Show ein bisschen wie der ESC - nur dass die Null hier zumeist für die Kleidergröße steht.

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Wolfgang Joop und Heidi Klum beim Finale von "Germany's next Topmodel" 2013

Wolfgang Joop und Heidi Klum beim Finale von "Germany's next Topmodel" 2013

Ein Herz für die Knorpelparade. Doch! Ich liebe das! Mir das anzusehen, wie junge Models zusammenstehen, sich anzicken, hoffen, dass die Objektive nur sie einfangen mögen. Da die Kamera aber nur relativ selten die Tribüne mit den Spielerfrauen abschwenkt, gucke ich statt des HSV-Relegationsspiels wohl das Finale von "Germany's next Topmodel", Heidi Klums umstrittenem Hühnerhof.

Ein bisschen wie ESC - nur ohne das nervige Gesinge. Und dass die Null hier zumeist für die Kleidergröße steht. Versuch zwei, nachdem das letzte Finale wegen einer telefonischen Bombendrohung abgebrochen werden musste. (Hier bitte köstlichen Kalorienbomben-Witz einfügen.)

Erstaunlich: Bei GNTM sorgt ein Anrufer in verbrecherischer Absicht für den Abbruch einer Sendung - bei DSDS gewinnt so ein Typ gleich die komplette Show. Glücklicherweise hatten die Promi-Gäste während der Räumung der Mannheimer Arena noch ausreichend Zeit, Champagnerflaschen, Häppchen, Teller, Lampen oder Teppiche aus der VIP-Lounge mitzunehmen. Dieses Mal wurde das Finale voraufgezeichnet. In New York. Einer Stadt, die laut ProSieben-Newsredaktion als anschlagssicher gilt.

Ich finde die Kritik an der Show unfair. Ich gucke das gerne. Wirklich. Vor allem seit Wolfgang Joop dabei ist. Ein sympathisches Wanderpanoptikum, das aussieht, als hätte man in einer rumänischen Madame-Tussauds-Filiale mit zittrigen Fingern Natascha Ochsenknecht modelliert. Aus Fimo.

Lange habe ich mich gefragt, was er in der Show ständig zeichnet - mittlerweile hoffe ich, das Phantombild hilft bei der Ergreifung des Typen, der ihn so übel zugerichtet hat. Der Potsdamer Galama-Ken bringt eine erfrischende Tantenhaftigkeit in den Laufstall. Mütterliche Wärme, die der Klum - immerhin Preisträgerin der "Goldenen Gebärmutter 2010" - gerne abgesprochen wird.

Einer der hartnäckigsten Vorwürfe: Das mangelnde Interesse an den Kandidatinnen. Schon vor Jahren steckte Rolfe "Deep Throat" Scheider der Weltöffentlichkeit, dass die Klum nach Drehschluss lieber heim fährt, anstatt mit den Mädchen Zeit zu verbringen. Entweder, weil sie sich am Feierabend ungern über die Heisenbergsche Unschärferelation unterhält - oder schlicht, weil zuhause ein halbes Dutzend Verwandte wartet.

Mich als Wurstfreund macht das an

Beim stetigen Pendeln zwischen Bienen- und Eierstock muss man Prioritäten setzen, und doch: An mir zielt die große Vermenschlichungsoffensive der Heidi K. nicht vorbei. Wenn sie im Bus von Casting zu Casting fährt. Bei jeder Dönerbude fast panisch den Fahrer anbrüllt, sofort anzuhalten. Im Close-up lustvoll weit über anderthalb Bissen Formvorderfleisch verzehrt. Mich als Wurstfreund macht das an. Eine Vielfachmutter Mitte vierzig, die im Bus am Döner nuckelt - Szenen, die man im Berliner ÖPNV minutenlang suchen muss.

Zehn Jahre lang läuft die Show nun schon. Medienwächter und Psychologen unken, dass bereits eine ganze Generation junger Mädchen unter dem Einfluss von Heidis Knochenpolonäse und ihrer schrecklichen Botschaft steht: "Seht schön aus und lächelt nett." Was ist an schön aussehen und nett lächelnd rumstehen auszusetzen? Nix! Da können Sie hier in Hamburg jede Arztgattin fragen. Von denen fahren hier so viele herum, dass ich ständig das Gefühl habe, von einem schwarzen Range Rover verfolgt zu werden.

Yin und Yang. Weißte?

Unfassbar gutes Aussehen muss überdies kein Grund sein, im Seichten zu verenden. Mit einer geringen Wortschatzinjektion kann man im Norden sogar ohne weiteres für die FDP Wahlen gewinnen. Oder besser noch: Bei ProSieben das Nachrichtenmagazin "Taff" moderieren und die Zuschauer darüber auf dem Laufenden halten, welcher Bikini im Falle eines nuklearen Fallouts wasserrutschenfest bliebe. Ganze Modeljahrgänge wurden im Anschluss an die Massenvercastung erfolgreich an Fußballspieler vermittelt. Da kommt keine Berufsschule mit.

Kritiker tun gerne so, als würden junge Mädchen ohne den Einfluss der Show allesamt gut gebaute Luft- und Raumfahrttechnikerinnen. Ich wage dies zu bezweifeln. Ja, auch ich kenne Meldungen wie: "Seit Beginn von GNTM hat Magersucht zugenommen." (Immerhin hat schon mal die zugenommen.) Da wird der Ruf nach einem No-Spei-Abkommen (der musste noch sein, sorry) schnell laut.

Doch wer einmal Donnerstagmittags gesehen hat, wie sich Rotten von frühverspeckten Beyonce-Doubles in Primark-Leggings durch die Kölner Innenstadt schieben, kommt unweigerlich auf den Gedanken, dass Magersucht von vielen nach wie vor nur als Angebot gesehen wird. Zumal der Abrissbirnensteiß von Kim Kardashian mit immerhin 32 Millionen Twitter-Followern nur noch einen BMI Punkt vom Unesco-Weltkulturerbe entfernt ist. Was bei einem Gesamtgewicht knapp unter Sphinx nur fair ist. Diese figurliche Antithese kann die Sozialwissenschaft nicht ignorieren. Yin und Yang. Weißte?

Lasst die Mädels doch! Die ganze Show ist ohnehin ein verfilmter Instragram-Account. Ein Perpetuum mobile der Eitelkeit, in der die Show das Selfiebewusstsein einer Generation beeinflusst, und sich wiederum aus ebendieser speist. Warum verbieten?

Immer schon haben junge, schöne Frauen das fünfmarkstückgroße Loch Schönheit am ansonsten verdunkelten Karrierefirmament zu nutzen gewusst. Ist der Volksseele gedient, wenn eine attraktive junge Frau in einem brandenburgischen Backshop dauerhaft unter ihren Möglichkeiten bleibt, anstatt sich in den Grüngürtel zu kopulieren?

Es hätte auch Königs Wusterhausen sein können

Sicher, wenn eine blonde Münchener Anwaltstochter in der Show als zickige Quotenirre vorgeführt wird, ist es ein bisschen hässlich, sich darüber zu amüsieren. Da aber genau dieser louisvuittonierte Typus Mensch ihre Weltklassekacklaune in den kommenden Dekaden an Supermarktkassiererinnen, Kellnerinnen und Weddingplannerinnen auslassen wird, gleicht sich das karmatechnisch gewiss aus. Eine kurze Gelegenheit für die Zielgruppe, auf der richtigen Seite des Lachens zu stehen.

Ob der Umgang mit den jungen Frauen in der Show teilweise hart und zynisch ist? Heidis Stimme. Dieser hektische Linsen-Hobbit mit seiner Kamera. Joop, dessen... nun ja... Gesicht vor Schadenfreude quietscht. Gewiss doch. Das geht an die Nieren.

Der Ton ist aber bei Lidl, H&M oder DHL kaum anders - und dort kriegt während der Ausbildung keine die Welt zu sehen. Ich finde es schön, wenn ProSieben die schönsten der Schönen nach Tokio, Osaka oder New York schickt. Es hätte auch Königs Wusterhausen sein können. Die von "Newtopia" hätten sich über den Besuch gewiss gefreut.

Nur, dann hätten wir es nicht gesehen. Wär' schade drum.