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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Es lebe das Matriarchat – Danke, Mama

Micky Beisenherz über den Muttertag
"Nichts, worüber wir nicht lachen könnten. Nichts, was wir in prechtartigen Expeditionen ins Seelenleben nicht bereits erörtert hätten. Wir haben einfach Freude aneinander", sagt Micky Beisenherz über seine Mutter
© Privat
Was für ein Kraftakt, die Kinder einzuhüllen in eine Luftpolsterfolie aus Liebe, um sie mit den Widrigkeiten des eigenen Lebens nicht weiter zu behelligen. Besucht eure Mamas, sagt Micky Beisenherz.

Muttertag. Wo fange ich an. Okay, wir können uns natürlich jetzt daran aufhängen, dass der heutige Tag eine Institution ist, die aus einer Zeit zu stammen scheint, irgendwo zwischen "zur Beruhigung: Frauentonikum" und "Schatz, der Chef kommt zu Besuch, hol Chantré." Angestaubt, piefig und in seiner alljährlichen Kurzlebigkeit geradezu provokant. Vergessen wir das kurz.

Das Wort "Mutti" wird uns begegnen

Das Wort, welches uns in der zweiten Jahreshälfte am meisten begegnen dürfte – neben "Freiheit"– ist: Mutti. Das hat zum einen damit zu tun, dass Angela Merkel ab Ende September keine Bundeskanzlerin mehr sein wird – und zahllose Artikel über ebendiese "Mutti" geschrieben worden sein werden. Das entbehrt nicht einer gewissen Komik, da die kinderlose Physikerin aus der Uckermark in etwa so viel Mütterliches hat wie Friedrich Merz Hipster ist. Vermutlich ist es das tief in uns verankerte Gen, in die führende Frau sofort dieses Topflappen-Flair hineinzuwünschen. Wir wollen richtungsweisende Politik, aber ein bisschen Mamma Miracoli soll's dann bitte auch schon sein. Wenigstens wie Uschi Glas damals in "Anna Maria – eine Frau geht ihren Weg". Sinnlich, schön, aber zur Not selber mit den zarten Händen am Steuer vom Kieslaster.

Nicht von ungefähr kam schnell die Frage auf, ob Annalena Baerbock das denn wohl hinbekommen wird mit der Vereinbarung von Nachwuchs und Politik. Der Fairness halber sei gesagt, dass das Thema bei ihrem Mitbewerber Armin Laschet auch aufkam. Da bekam das mit den Masken und van Laack allerdings gleich einen ganz anderen Spin. Helmut Kohl seinerzeit haben Journalisten von Jahr zu Jahr immer weniger gefragt, wie er das hinbekommt mit dem Kanzleramt und der Familie – nach ein paar Jahren Karl May-Festspielen am Wolfgangsee war es dann wohl genug. Den Rest an Familienpinseleien sollte dann Walter Kohl Jahre später aus unserem Bewusstsein kärchern.

Annalena Baerbock: Das moderne Deutschland, das wir alle wollen?

Seine vatermordende Tochter, Angela Merkel hat das alles in allem wohl so überzeugend gemacht, dass man sich selbst in der Union anstrengt, die Tradition einer Frau im Kanzleramt fortzusetzen. Und Baerbock nach ihrer Mutterrolle zu fragen, kommt einigen zwar unverschämt daher – ihre private Situation ist aber natürlich eine absolute Stärke. Ist das nicht das moderne Deutschland, das wir alle wollen? Die Überzeugung, in der ersten Reihe bestehen zu können – und gleichzeitig nicht einen so großen Schatten zu werfen, dass der Nachwuchs darin verdorrt.

Dass dieses Konzept so neu nicht mehr ist, daran erinnert mich allein meine Mutter. Anfang der Achtziger (bis Ende der 2010er) war sie Geschäftsführerin eines mittelständischen Betriebes. Mit zwei kleinen Kindern und all den anderen Anforderungen, die eine Frau manchmal dazu treiben, alles hinwerfen und mit Sky DuMont durchbrennen zu wollen. Sie hat das alles erstaunlich gut gemanaged. Dazu dieser sagenhafte Look, irgendwo zwischen Schloss Guldenburg und Yogurette-Reklame. Und auch, wenn es zur Wolfgang Rademann-Realität wegen ein bisschen zu viel echtem Leben nicht gereicht hat, so gelang die Balance aus mütterlicher Fürsorge und Geschäftsfraudasein doch erstaunlich gut. Klar, da waren Omma und Oppa. Und mein Vater wurde dann und wann auch erfolgreich animiert, sich zu beteiligen.

M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Es lebe das Matriarchat – Danke, Mama

Wir haben uns immer geliebt gefühlt

Es war eine schöne Kindheit. Bis heute. Klar, die ein oder andere charakterliche Auffälligkeit, okay, aber, das wird dir im Laufe des Lebens auch immer klarer: Unsere Eltern sind natürlich nicht die überlebensgroßen Figuren, für die wir sie damals gehalten haben. Im Grunde genommen sind sie wir – nur, dass sie lange Zeit auch noch uns an der Backe hatten. Es ist gut gelaufen. Wir haben uns immer geliebt gefühlt. Das ist nichts Banales. Es ist ja nicht so, dass am Ende eines Lebens auf uns ein Topf voll Gold wartet. Den Topf kriegen wir ganz am Anfang in die Hand, rennen los ins Leben – und können mit ein wenig Glück möglichst viel bis zum Ende rüber retten. Und wieviel drin ist in diesem Topf, das liegt zumeist an, naja: Mama.

Vermutlich sehen wir uns deshalb so oft. Ich unterhalte mich einfach wahnsinnig gerne mit ihr. Nichts, worüber wir nicht lachen könnten. Nichts, was wir in prechtartigen Expeditionen ins Seelenleben nicht bereits erörtert hätten. Wir haben einfach Freude aneinander. Es sei denn natürlich, ich tauche unrasiert auf. Und seitdem sie mir via WhatsApp nicht mehr nur diese Glückskartenstandards schickt, sondern regelrechte Boshaftigkeiten, hat das mit dem iPhone auch seinen Wert.

"Allerbeste von allen Müttern"

Erst letztens schickte sie mir als Foto eine uralte Glückwunschkarte, die ich ihr zum Muttertag geschrieben und selbst designed hatte. Mit allerlei Malereien garniert, stand da in erstaunlich schöner Handschrift (die muss irgendwann zwischen iPhone 5 und 9 verschwunden sein):

"Liebe liebe Mama,

Du bist die allerbeste von allen Müttern. Manchmal träume ich, daß du böse bist. Doch Du bist nicht böse. Du schaust immer abends nach ob ich schlafe. Du gibst mir einen Kuß und ich weiß wie lieb du mich hast. Wenn ich manchmal frech bin, verträgst du dich mit mir. Wenn ich mir weh getan habe, tröstest du mich. Du schenkst mir viele Autos und auch so viele andere Sachen…" Jetzt kommt's:

"…Hosen und Hemden. Schuhe, Strümpfe, Socken, Mützen, Schals, Pullover, Unterhosen, Unterhemden, Bücher und andere Sachen. Vielen Dank." Gut, hintenraus wurde es eher so eine Art Modeblog. Aber in diesem Zettel steht alles drin, was so einen kleinen Menschen mit sechs so umtrieben hat. Die Welt war einfach. Trotz Waldsterben, Tschernobyl und den grimmigen Männern, die in den Nachrichten etwas von Russland oder diesem finsteren Mann aus Teheran erzählten. Ein Kosmos, dessen äußere Grenzen verliefen, irgendwo zwischen Cornflakes und Dr. Snuggles.

Was für ein Kraftakt

Was für ein Kraftakt eigentlich, die Kinder einzuhüllen in eine Luftpolsterfolie aus Liebe, um sie mit den Widrigkeiten des eigenen Lebens nicht weiter zu behelligen. Meine Eltern haben mir immer das Gefühl gegeben, gut zu sein, wie ich bin. Liest sich so banal, aber wie viele kenne ich, die diese emotionale Erstimpfung nie erhalten haben: "Du bist in Ordnung." Schlimmer. Nicht wenige mussten aufwachsen mit dem Gefühl, unzulänglich zu sein. Gelobt sei meine Hundewiesenmentalität.

Nie musste ich irgendwem gerecht werden. Es war auch egal, was ich einmal machen würde. Hauptsache, man macht irgendwas. Jetzt sitze ich also hier und schreibe. Und irgendwer muss es lesen. Bedanken Sie sich also bei ihr. Oder besser: Besucht Eure Mamas. Sie sind doch geimpft. Jetzt geht's doch.


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