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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Hurra, der schäbige Onkel Union ist zurück!

Fast jeden Tag schafft es derzeit eine griffige Spahnferkelei auf die Titelseiten: Horst Seehofer und Jens Spahn tun alles, um von der matten Merkel in der Mitte abzulenken.

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Horst Seehofer (CSU) und Jens Spahn (CDU)

Horst Seehofer (CSU) und Jens Spahn (CDU)

DPA

Ja. Es war gefühlt ein kompletter Wim-Wenders-Film, bis die neue Regierung endlich stand. Und bei der Verkündung ebendieser wirkten Merkel und Co. dann auch wie eine vierköpfige Familie an der Schlange von der Silbermine im Phantasialand an einem Samstagmittag. Als ob es aber darum ginge, die verlorene Zeit wieder aufzuholen, legen diverse Unionsgranden nun ein beachtliches Eskalationstempo vor.

Erstaunt legt man bei den Zeitungen den vorbereiteten "Junge ersticht Mädchen"-Titelknaller oder sogar die Ufo-Sekte beiseite, denn plötzlich heißt es: Hoppla, die Union ist wieder da!

Allen voran , der AbindieHeimatminister, der dann auch gleich mal eine alte rechte Hitsingle neu aufgelegt hat: "Der Islam gehört nicht zu Deutschland." Das knallt schön. Da knarzen die Eckbänke ekstatisch.

Warum auch nicht. Wo die Union so ziemlich jedes Thema von der annektiert hat, wird man sich gedacht haben: Machen wir doch einfach mit der nächstgrößeren Partei weiter. Zumindest der etwas aktivere Teil der Union scheint dieser Auffassung zu sein.

Seehofer meint, der Islam gehöre nicht zu , Merkel kontert "doch, tut er wohl". Als Moslem muss man sich vorkommen wie das schmuddelige Nachbarskind, bei dem die Eltern sich streiten, ob das eigene Kind raus zum Spielen kommen darf.

Ob es politisch sinnvoll ist, künftig den Leadsänger einer -Coverband zu geben, bleibt abzuwarten. Es deutet aber wenig darauf hin, dass es gelingen wird.

Bei der SPD regt sich lauter Widerstand (Donnerwetter!), während Seehofer dem Koalitionspartner rät, "sich nicht an einzelnen Sätzen abzuarbeiten, sondern mitzuhelfen die Spaltung der Gesellschaft zu überwinden". Nennen Sie mich verrückt, aber ich bin mir ziemlich sicher, eine ganze Religionsgemeinschaft in Deutschland pauschal auszuschließen hat nur bedingt einende Wirkung.

Diese reflexhafte Verbierzeltung von komplexen Sachfragen ist auch deshalb immer ein wenig schade, weil es generell gar nicht schaden kann, jemandem zuzuhören, der lange die Geschicke Bayerns geleitet hat: Es ist immerhin das bestgeführte Bundesland Deutschlands.


Weiß Jens Spahn, dass er kein Generalsekretär ist?

Besonders angefressen über eine derart platte Äußerung (also, das mit dem Islam, nicht das mit Bayern) muss Jens Spahn gewesen sein. Hat er sich doch genau diesen Satz in seine Shitbucket List für Mittwochmittag eingetragen - und nun stiehlt ihm dieser tapsige Modelleisenbahnschaffner doch glatt die Pointe!

Überhaupt. Jens Spahn. Die vielleicht größte Überraschung im Kabinett Merkel. Offiziell nominiert als Gesundheitsminister, bietet sich der gute Mann gleich an als eine Art Empörungspinata, an der sich harte Linke und geistig völlig Gesunde erst einmal ausklopfen konnten. Wie eine Fortuna kübelt er Zitate aus dem Füllhorn, dass man bei der "Bild" kaum mit dem Masturbieren nachkommt. Ob der Mann weiß, dass er Gesundheitsminister ist und gar kein Generalsekretär?

Generalsekretär. Das konnte Merkel natürlich nicht bringen. Dieses Amt überträgt man in der Regel nur Menschen, mit denen man als Kanzler alleine durch einen dunklen Park spazieren gehen wollen würde. Da kam Annegret Kramp-Karrenbauer wohl schon eher für infrage. Eine kompetente, moderne Macherin, die es sich vor einiger Zeit aber auch nicht nehmen ließ, den Markenkern der Union zu bedienen, in dem sie die gleichgeschlechtliche Ehe mit Inzest verglich. Gut, die Frau kommt aus dem Saarland, da ist nie so ganz klar, ob das nicht am Ende noch als Kompliment gedacht ist.

Schon mal personell eine gute Wahl, um die Unions-Fans zu bedienen, die sich spätestens nach dem Ja zur Ehe für alle gefragt haben, was bitteschön mit ihrer verknöcherten Waschbetonpartei passiert ist.

Spahn orgelt behände auf der Klaviatur der Volksverachtung

Und all das, was Kramp-Karrenbauer oder sogar Seehofer zu doof ist, das krallt sich dann halt Jens Spahn, Merkels Schattengeneral. Er orgelt sehr behände auf der Klaviatur der konservativen Volksverachtung, sodass man fast glaubt, einen Wiedergänger des frühen Geissler oder Peter Hintze vor sich zu haben.

Der größte Wurf waren natürlich seine persönlichen satanischen Verse, die Hartz-IV- Sätze. Technisch gesehen hat er zwar recht. Wer Hartz IV bekommt, ist nicht arm. Zumindest, wenn man den Begriff Armut vergleicht mit Burkina Faso, Nigeria oder sogar Rumänien.

Dennoch ist Armut nicht nur eine Frage des Geldes, des Stillens von Hunger, sondern vor allem auch eine Frage der sozialen Teilhabe. Und da geht es beileibe nicht um Cafés, in denen man sich ärgert, nur noch auf Englisch bedient zu werden. Das Gefühl, vor einer imaginären roten Kordel bleiben zu müssen, während der Rest der Gesellschaft unter sich bleibt, ist nicht nur frustrierend, sondern macht überdies viele regelrecht krank - womit spätestens jetzt auch das Ressort des Gesundheitsministers betroffen sein dürfte. Wer war das noch gleich?

Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal

Ist ja schön, dass man, um in der Partei was zu werden auch ein wenig Wirbel machen muss, aber mit dieser elfenbeimturmhaften Aburteilung einer ganzen, ja, Kaste macht sich Spahn zum Epigonen jener Mißfelders (aufrichtiges Beileid), vor denen es uns früher schon gegruselt hat. Die, die schon auf dem Schulhof einen Koffer getragen haben. Die Lebensfernen, von Klügeren vor mir schon mit folgender Vita umrissen: Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal. Eigentlich gruselig, dass wir denen heute nicht mehr wie früher die Vanillemilch zertreten können, sondern plötzlich die entscheiden, wie viele Flaschen ich später sammeln und mit wie vielen ich mir einen Pfleger teilen muss. Aber womöglich ist das alles auch nur Teil eines großen "Huhu, hier bin ich!", und man darf das alles nicht so ernst nehmen.

Mit Seehofer und Spahn als Flügelzange wirkt es fast so, als würden die beiden Phrasenjongleure munter alles tun, um ja von der matten Merkel in der Mitte abzulenken. 

"Geht ohne mich weiter, was zählt ist die Union!" Mittlerweile vergeht kein Tag mehr, ohne dass es eine griffige Spahnferkelei auf die Titelseiten geschafft hat, und die Nachbarn tuscheln schon, ob der jetzt wohl fest mit diesem Typen von der "Bild" zusammen ist, der immer kommt.

Zuletzt ließ sich der gute Mann dann auch noch großspurig über Abtreibungen (und Tierschutz!) aus, was bei mir den Verdacht hegte, dass ich a) in der gesamtgesellschaftlichen Genderneuausrichtung wohl ein, zwei entscheidende Tage verpasst habe oder er b) schlichtweg über eine Angelegenheit redet, von der er nun wirklich nichts versteht. Er ist also ein sehr zeitgemäßer Minister.

Ein flammender Kämpfer für erzkonservative Werte

Die Schlagzahl, mit der Spahn derzeit ein Oha! nach dem nächsten in die Blätter feuert, lässt ahnen, dass auf der Spahnplatte noch ein paar echte Hits zu erwarten sind. Dabei überrascht der reaktionäre Ansatz bei jemandem, der mit gerade einmal 37 bei der CDU streng genommen so etwas wie Kinderarbeit verrichtet. Selbst Norbert Geis von der CSU wirkt modern und aufgeschlossen dagegen.

Jens Spahn ist so ein flammender Kämpfer für erzkonservative Werte in der Union - es ist ihm wirklich zu wünschen, dass er nie dahinter kommt, dass er homosexuell ist.

Es wird wirklich spannend sein zu sehen, wie es die Sozialdemokraten schaffen wollen, einerseits mit der Union eine Regierungskoalition zu bilden, und sich andererseits von solchen Figuren abzugrenzen. Die Kontur entsteht manchmal vor allem aus dem, was man nicht will. Der stärkste Mann der SPD, er könnte künftig Jens Spahn heißen.

Sicher aber ist: Es ist wieder richtig Leben in der Bude. Danke, oh, du schäbiger alter Onkel CDU. Du bist wieder wer. 

Screenshot der change.org-Petition zu Jens Spahn