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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Kirche - oder soll man es lassen?

Die Kirche ist nicht anders als die Fifa, das Ioc oder Peta: Der Glaube an das Schöne im Tun ist noch da. Aber allein die Funktionäre arbeiten daran, ihn zu zerstören. Langsam muss die Kirche mal liefern, denn jede Woche kommt irgendein Neuer, um den Ruf der Organisation zu beschädigen.

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Netflix, Sky, Amazon Prime, Apple Music, DAZN, Spotify, der Bertelsmann Club, die Tennisstunden.

Wir Deutschen sind ein Volk von Abonnenten, per Lastschriftverfahren sedieren wir uns durch die Jahre und nur, wenn die Beiträge erhöht werden, zeigt das Elektroenzephalogramm heftige Ausschläge.

Hat mich der erhöhte Netflix-Obolus noch nicht dazu bewogen, die Konzernchefs mit Fackeln und Mistgabeln zu alten Mühle treiben zu wollen, war es ein Anruf meiner Steuerberaterin, der mich nahezu wörtlich vom Glauben abfallen ließ.

"Ich zahle….WIE VIEL Kirchensteuer?!!!"

Es ist jetzt nicht besonders würdevoll, den eigenen Glauben von Monetärem abhängig zu machen. Ich darf aber doch zumindest von der glaubensverwaltenden Institution verlangen, mich nicht jeden dritten Tag schmerzhaft daran zu erinnern, welch fragwürdigen Laden ich da immer noch (!) so fürstlich alimentiere.

Zumal der Unique Selling Point schon eine verdammt dünne Suppe ist:

Die Geschichte von Gott, dem Allmächtigen kann man sowieso getrost abhaken, da er offenkundig nur ausgesprochen selten das Bedürfnis verspürt, aktiv einzugreifen, wenn das Leid besonders groß, ja, überwältigend und schrecklich ist.

Bleibt der Gedanke von Gott als treuer Buddy, der in jeder Situation an deiner Seite steht und Dir sagt "Klar, das ist natürlich schlimm mit den Nazis/dem IS/ dem Tsunami- und ich möchte es auch nicht haben-, aber hey! Ich bin bei Dir! Wie geil ist das denn?"

Toll. Danke.

Okay, manchen reicht das, und bevor jeder damit anfängt, Marathon zu laufen, ist ein fester Glaube definitiv die würdevollere Alternative.

Und solange der Glaube als Geh- und nicht als Schlagstock funktioniert, hat er durchaus seinen Wert.

Aber mei, diese Kirche…

Stellen wir uns Gott als eine Art Mensch dar, dann dürfte er jetzt, da es ihm mehr und mehr an den eigenen Arsch geht, aktiv werden.

Immerhin muss er mitansehen, wie komplett unfähiges Personal seinen Laden zunehmend in die Miesen reitet.

Die Marke Christentum rangiert irgendwo zwischen Deutscher Bank und Monsanto.

Da braucht es nicht einmal mehr eine Netflix-Doku.

Sicher, der Islam hatte PR-technisch auch schon bessere Zeiten, aber die Katholische Kirche arbeitet fleißig daran, auch den treudoofsten Beitragszahler mit der Nase in das modrige Weihwasserbecken zu drücken.

"Na, gefällt Dir DAS, ha?!“

Und jede Woche kommt irgendein Neuer unter seinem Stein her gekrochen, um den Ruf der Organisation zu beschädigen.

Womöglich ist es unschicklich, einen fast 92-jährigen Wirrkopf zu zitieren. Andererseits war Joseph Ratzinger mal Papst und in seiner Funktion als Konzernchef und Aufsichtsratsvorsitzender der Katholiken verantwortlich für einen derart kapitalen Haufen großen Unrechts, dass sogar die Chefs von Nestlé sich beschämt abwenden.

The Artist formerly known as Benedetto jedenfalls erklärt sich den jahrzehntelangen, tausendfachen Missbrauch von Kindern in der Katholischen Kirche mit der institutionellen Hilflosigkeit ob der moralischen Erosion der damaligen Gesellschaft:

"Zu der Physiognomie der 68er Revolution gehörte, dass nun auch Pädophilie als erlaubt und als angemessen diagnostiziert wurde."

So kann man das natürlich auch sehen.

Die Erläuterung, warum sich dann vor allem Kirchenvertreter von dieser Entwicklung animiert gefühlt haben, bleibt er schuldig.

Vor allem aber bestätigt eine so zynische wie weltfremde Aussage, dass Ratzinger immer schon ein seelenloser Hostien-Bot war, dessen einziges Bejubelungsmerkmal als Papst es war, dass er Deutscher ist.

Zumindest den BILD-Lesern hat das immer gereicht.

Damals, als Ratzinger, komplett überfordert vom Missbrauchsskandal (oder dessen immer komplizierterer Vertuschung), als Papst zurücktrat, versprach er "künftig für die Welt verborgen" zu bleiben.

Wäre nett gewesen, hätte er sich darangehalten.

Was für eine jämmerliche Gestalt.

Ratzinger. Tebartz van Elst. Kardinal Meißner (bei dem ich es stets bedauert habe, dass er die Ehe für alle nicht mehr mitbekommen konnte).

Sie alle sind die Infantinos, die Blatters, die Berlusconis des Katholizismus.

Dubiose Gestalten, die einen förmlich zum Amt treiben, um sich endlich als Beitragszahler austragen zu lassen.

Selbst der einst so gehypte Franziskus setzt vermehrt auf den klerikalen Markenkern, wenn er Homosexualität als Modeerscheinung bezeichnet oder Abtreibung als Auftragsmord.

Wie man auf die Art Neu-Abonnenten gewinnen will, während die Stammkunden wegsterben, bleibt mir schleierhaft.

Es wäre vielleicht schon mal ein Anfang, den Zölibat aufzuheben, um diesen zweifelhaften Männerclub etwas aufzubrechen und für den Rest der Welt zu öffnen.

Der Zölibat, mir bislang immer bekannt, als die uneleganteste Art, das Coming Out zu umgehen.

Nein, wirklich: Niemand würde heutzutage doch freiwillig einem Verein derart hohe Summen zahlen, der inhaltlich ALLEM widerspricht, wofür man steht.

Eigentlich unfassbar.

Warum also bin ich noch dabei?

  1. Faulheit. Pure Behäbigkeit gepaart mit mangelndem monetären Leidensdruck (der seit dem Gespräch mit der Steuerberaterin allerdings deutlich gewachsen ist.)
  2. Der letzte Rest Zweifel, ob da nicht doch irgendwo etwas ist. Oder sagen wir: Die leise Angst, irgendwann oben abgewiesen zu werden, weil ich damals im Mai 2019 die Zahlungen eingestellt hatte.
  3. Die feste Überzeugung, dass die vielen leisen Guten die zahlreichen lauten Schlechten überwiegen und mit meinem Geld eben doch viele tolle Projekte unterstützt werden.

Letztlich hat der Christ dasselbe Problem wie z.B. der Fußballfan:

Der Glaube an das Schöne im Tun ist noch da- allein die Funktionäre arbeiten daran, ihn zu zerstören. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass jedes noch so gute Ansinnen langfristig zerstört wird, wenn Menschen es durchorganisieren. Da ist die Kirche nicht anders als die FIFA, das IOC oder PETA.

Ich will gerne glauben, dass es da draußen viele gute Leute gibt, die im Namen der Kirche Gutes vollbringen, doch, ach:

So langsam muss die Kirche mal liefern, weil: Glauben kann ich auch unorganisiert. Und wenn ich mich über das dünne Angebot von Netflix ärgere, dann habe ich höchstens zehn Euro verloren.

Aber ob ich noch viele dieser Meldungen ignorieren kann? Ich glaube nicht.