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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Ich bin, also bin ich

Bekannt sein fürs Bekanntsein: Im Dschungelcamp hocken Menschen, die gar nicht mehr den Anspruch haben, etwas Eigenes zu leisten.

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Was genau ist eigentlich Popularität?

Wenn man gerade 16.000 Kilometer entfernt von daheim im australischen Busch sitzt, um für RTL zu kommentieren, was zwölf Verhaltensauffällige im Dschungelcamp treiben, ist das ein guter Zeitpunkt, sich das zu fragen.

Gerade eben noch hat Daniela Katzenberger ihr "privates" Weihnachten live übertragen lassen, jetzt sitze ich hier und sehe einem "Honey" (der Ex einer Ex-Topmodelkandidatin) und einem "Botox-Boy" (Accessoire von Gina-Lisa) dabei zu, wie sie Raupen die Köpfe abbeißen, um ... ja, was eigentlich?

Ein faires Geschäft.

Ich meine, ich liebe den Dschungel. Ehrlich. Es ist eine wunderbare Plattform für abgelegte Stars, um als Aufbackpromi noch einmal eine zweite Chance zu erhalten, ein Publikum neu für sich zu erwärmen. Ein faires Geschäft.

Ingrid van Bergen wurde so für Fernsehdeutschland wiederentdeckt, Costa Cordalis erlebte den dritten Sangesfrühling, Ross Antony (vorher unbekannter Tänzer in einer vergessenen Band) nicht weniger als eine mediale Geburt.

Wer soll Dschungelkönig werden?

Stimmen Sie ab!

Im Falle von Menderes war der 16-tägige Weg zur Dschungelkrone gar eine öffentliche Psychotherapie, an deren Ende eine halbe Nation jemandem durch die kollektive Umarmung via Telefonvoting erstmals in seinem Leben so etwas wie Liebe gab. Man hat es ihm gegönnt.

Eigentlich absurd: Ein vermeintliches Demütigungs- und Zurschaustellungsformat kehrte das Beste im Menschen hervor. Und Jackos Wiedergänger muss man zugute halten, dass er stets Willens war, eine Platte aufzunehmen. Er ist Sänger. Irgendwie.

Menschen wie Florian Wess oder Honey aber sind typische Vertreter einer ganz neuen Generation von Prominenten: Wirkungsexistierer. Ruhmanwärter, die gar nicht mehr den Anspruch haben, mit irgendeinem Talent etwas zu schaffen. Filme? Bücher? Wenigstens eine Platte? Nicht mal mehr ein verschämtes "Schmuckdesignerin" wird noch als Beruf eingetragen.

Ehrlich, ich bin selbst ein schlimmer Narziss und habe nichts gegen Popularität.

Eine Angelina Heger hat fast eine Million Fans bei Facebook, die darauf basieren, dass sie mal vor einem Millionenpublikum vom Bachelor beschlafen und tränenreich abgeschossen wurde. Was sie direkt ins Dschungelcamp führte.

Es wird mit aller Gewalt existiert, bis man nicht mehr ignoriert werden kann. Als dieser Trend vor gut 20 Jahren begann, gelang einer gewissen Verona Feldbusch als piepsiger Meteorit der Talentlosigkeit noch ein erfrischender Einschlag in die bis dato einigermaßen geordnete Showbranche. Da mit der seit 1998 aktiven Kader Loth dieses Jahr eine andere Pionierin der Penetranzpräsenz im Urwald hockt, schließt sich der Kreis. Mit ihr und ihren Mitcampern treffen zwei Generationen Turbonarzissmus aufeinander.

Ich bin, also bin ich. 500.000 Facebook-Follower können nicht lügen. Wahrnehmung als Währung. Bekannt sein fürs Bekanntsein. Parallel dazu wird auf die perfekte Hülle hin operiert, dass eine Gina-Lisa mit dreißig schon aussieht wie eine Düsseldorfer Industriellenwitwe. Die Fluktuation ist hoch, die Zurschaustellungsfabrik stanzt bereits die nächsten Ich-AGs.

Ehrlich, ich bin selbst ein schlimmer Narziss und habe nichts gegen Popularität. Aber wenn außer ein paar Selfies nichts bleibt, ist es auch doof.

Deshalb bin ich froh, liebe stern-Leser, auch zu schreiben und etwas Handgemachtes hinterlassen zu dürfen. So, jetzt aber muss ich hier im Dschungel weitermachen.

Es fehlen noch zwei, drei Witze darüber, dass Hanka in den Bach gepinkelt hat.