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M. Beisenherz - Sorry, ich bin privat hier: Ein Prosit der Gewöhnlichkeit

Was soll man von einem Fest halten, dessen humoristischer Höhepunkt ist, wenn der Bürgermeister das Fass nicht gleich beim ersten Mal korrekt ansticht. Er hat das Loch nicht getroffen! Mei, is' des lustig.

Von Micky Beisenherz

Micky Beisenherz

Outbreak am Biselhang: Micky Beisenherz wird kein Oktoberfest-Freund mehr.

Fettige Wurstfinger zutzeln an dem halb entdirndlten, belugaartigen Leib unter ihm entlang. Gerade eben noch an dem Hendl rumgefingert, entledigt sich der Bajuvarenbock notdürftig seiner biergetränkten Krachledernen. Gerade ausreichend, dass er das puddinggleiche Penoid ungelenk in Richtung der Reuse seiner narkotisierten Abendsabschnittsgefährtin dirigiert. Ein Liebesakt, der Bill Cosby gefallen hätte.

Minutenlanges, ungelenkes Ruckeln, asynchron zum entfernten Stampfen der Blaskapelle. Ein Prosit der Gewöhnlichkeit. Erst Anstich, dann Abstrich. Die Knie in einem absurden Takt grün geschubbert auf dem Rasen neben dem Festzelt, blitzt es in dem nahezu vollständig gebeerboardeten Stammhirn des Buams ein letztes mal auf: Der halbbekleidete Tümmler da unten wird ihm garantiert keinen Höhepunkt mehr schenken. Also schiebt er seinen halberstarrten Nacktmull grunzend in den gesprenkelten Schiesser und wankt zurück zu seinen Kumpels. Nachdem er den Kopf von Lady Alcopop am Zopf zur Seite gezogen hat. Nicht, dass sie sich beim Würgen noch verschluckt. Seinen Ehering kann er sich demnächst von ihr zuschicken lassen - sobald ihr Gynäkologe ihn gefunden hat.

Willkommen auf der Theresienwiese. Romantik ist hier so willkommen wie Hochdeutsch. Was soll man von einem Fest halten, dessen humoristischer Höhepunkt ist, wenn der Bürgermeister das Fass nicht gleich beim ersten Mal korrekt ansticht. Er hat das Loch nicht getroffen! Mei, is' des lustig.

Deutschland als sepplhuttragende Inzesthochburg

Das Oktoberfest geht in eine neue Runde und versaut uns erneut überall den Ruf, als die Welt annehmen muss, ganz Deutschland sei eine sepplhuttragende Inzesthochburg. Schönen Dank auch. Es ist das größte Volksfest der Welt, oder wie man auch sagen könnte: Der kleinste gemeinsame Nenner. Selbst der Kölner Karneval ragt dagegen wie ein Obelisk der Hochkultur heraus.

Ein ganzes Jahr warten begeisterte Wiesn-Fans darauf, sich endlich einkleiden zu dürfen, als habe es die letzten hundert Jahre Zivilisationsgeschichte schlichtweg nicht gegeben. Und ähnlich verhalten sie sich auch. Man haut sich die absurd teuren Biere in den Kopp, drückt sich absurd teures Fleischimitat als Grundlage in den Hals, stellt sich gröhlend auf klebrige Bierbänke, damit der Rest des Saales besser mitbekommt, dass man es nicht einmal schafft, den Text von DJ Ötzi fehlerfrei durch den modrigen Hals zu hieven.

Die etwas besser Verdienenden thronen in Boxen über der Szenerie, um diese Operette der Enthemmung von oben besser verfolgen zu können. Die Stimmung als ausgelassen zu bezeichnen ist, als würde man Stalingrad ungemütlich nennen. Hieronymus Bosch wäre auf Bilder wie hier nicht gekommen. Schankwirtschaftsflüchtlinge willkommen.

Lederhosen-Kalif Horst Seehofer feiert mit

Auf eben diesen Festzelten fußen die politischen Erfolge eines Parteiimitats namens CSU. Für die Regierung so etwas wie ein schmerzender Blinddarm, für viele Bayern die Beatles des Daswirdmanjawohlnochsagendürfens. Von der Maß bis an die Memel.

Hier haben Leute wie der Lederhosen-Kalif Horst Seehofer gesetzliche Fehlgeburten wie die Herdprämie oder die Ausländer-Maut zur Welt gebracht. Letztere wurde als Idee vom alkoholisierten Volk bereits frenetisch gefeiert, als er den Satz nur mit dem Wort "die Ausländer" begann.

Es ist übrigens Tradition, am Ende einer patridiotischen Rede sich ans Ende des ausgestreckten Armes eine Maß zu hängen - so kommt es nicht zu juristischen Konsequenzen.

In diesen vier Wänden aus Plane werden sie gefeiert: Steppjackentragende Franz-Josef-Strauß-Fanboys wie Andreas Scheuer, Alexander Dobrindt oder Markus Söder, die schon mit dem Koffer zur Schule gegangen sind und ohne den Unterschlupf im Bavaria-Kartell wahrscheinlich für den AWD mit dem Polo durch die Provinz gurken und Rentnerinnen betuppen müssten.

Hier bin ich Unmensch, hier darf ich's sein. Zumindest die intellektuelle Abspaltung von Restdeutschland ist hier bereits vollzogen. Das einzige, was das Oktoberfest vom Pleistozän des gesellschaftlichen Miteinanders unterscheidet, ist das Smartphone. Es transportiert das Elend in Sekundenschnelle in die Welt hinaus. Die Netzwerke sind wechselweise voll mit Zeltfies vom Rudel-Komatieren oder Dekolletees, die in die Linse gedrückt werden, so dass der unbeteiligte Facebook-Nutzer sich in einer Art zweiwöchiger Dauer-Mammographie wähnen muss.

Es wird getindert, was die Tracht hält

Wenn man sich nicht gerade bei der siebten Maß einig ist, dass das Weltsozialamt BRD finanziell am Rande seiner Möglichkeiten ist, wird getindert, was die Tracht hält. Wer hier nix Gelähmtes abschleppt, kann seine koitale Karriere umgehend beenden.

Aus aller Herren Länder kommen sie, weil das Deutsche Bier das Beste ist, weil die Backpackerinnen sie am Strand von Brisbane in ihre Heimat eingeladen haben oder schlicht, weil dem ein oder anderen Madl im Laufe der Nacht nach 15 Zentimetern mediterraner Fröhlichkeit ist. (Wer Geld hat, darf von überall herkommen. Wer Geld hat und zu Allah betet, soll gefälligst mit seiner verschleierten Brut auf der Maximilianstraße shoppen gehen. Zefix!)

Wer nicht warten mag, bis man zuhause ist, tut es gleich auf den Grünflächen abseits der Festwiese. Dazu muss man allerdings auf Zehenspitzen zwischen halbtoten Betrunkenen und Seen aus Wiedergekäutem oder Urin hertapsen wie weiland Lady Di im Landminenfeld. Apokalypse Now.

Wer sich für die Wiesn keinen Katheterbeutel besorgt, der hat sowieso schon verloren. Oli Welke nannte das Oktoberfest einst "die größte Behindertentoilette Europas". Ein schöner Euphemismus für eine Verklappungssituation, die fatal an die Amistad erinnert.

Wer es eine Spur feiner mag, der geht ins Weinzelt. Wer mal sehen will, ob Boris Becker in echt auch so geil aussieht, der schleicht sich ins Käferzelt. Hier tummelt sich das Ensemble der Erkanntwerdenwoller und spielt zwei Wochen lang live das Boulevardtheaterstück "Exclusiv mit Frauke Ludowig".

Die bereits erwähnte schickt täglich ihre Perlentaucher dorthin, die ihr ergeben sendbaren Promilaich nach Hause, also zu RTL, mitbringen. Und sei es nur der mittlerweile gänzlich enthemmte Society-Brummer Claudia Effenberg, die ihrem Mann mit einem vielfach fotografierten Zungenknebel ein weiteres Jahr Arbeitslosigkeit als Bundesligatrainer schenkt.

Dann sich vielleicht doch lieber draußen an den Fahrgeschäften was vor die Fresse hauen lassen. Derweil bläst die Kapelle im Schotenhamel zum achten mal "Atemlos durch die Nacht". Hoffentlich kommt niemand dahinter, dass die Sängerin des Titels eine sibirische Einwanderin ist.

Innenminister Joachim "wunderbarer Neger" Herrmann wollte dieses Volksfest unlängst gegen muslimische Flüchtlinge abschotten, da diese der Anblick besoffener Besucher nachhaltig verstören könne. Ein selbstloser Akt. Oder ein erstaunliches Eingeständnis erodierter Kultur.

Im Grunde genommen wollen Hermann und Co. natürlich auch einfach nur ungestört im Niveupartykeller feiern. Ohne die Muselmanen und wen die da noch so alles mitgeschleppt haben. Was die Rezeption der inkontinenten Hopfenstürzer in den Zelten angeht, bin ich selbst wohl muslimischer Blitzkonvertit. Mich erschüttert's nicht minder.

Man muss sich allerdings fragen, wo das Schockelement liegen soll: Massen, in Zelte eingepfercht, katastrophale hygienische Zustände, Szenen erschütternder Entmenschlichung - das alles kennen die Flüchtlinge bereits zur Genüge.

Es kann höchstens sein, dass der ein oder andere Syrer spontan vorbeikommt und aus Mitleid im Festzelt frische Kleidung verteilt.

So kann ja keiner leben.

Prost.