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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Seehofer, der Rex Gildo des Gartenzaun-Grunge

"Bayern zuerst!" Horst Seehofer hat sich am politischen Aschermittwoch mal wieder selbst übertroffen - in der nach unten offenen Stumpfsinnsskala. Unser Autor Micky Beisenherz kontert mit einem offenen Brief.

Von Micky Beisenherz

Horst Seehofer und die CSU-Granten

Yes they can with Horst.

Lieber ,

ich habe lange überlegt, ob ich Ihnen ... . Nee, Quatsch, ich wollte Ihnen schon lange schreiben. Ich wusste nur nicht, wann. Dann allerdings kam der populistische . Und es war klar.

Allein das Plakat war schon vielversprechend: Als hätten sich die auf die Insel des Dr. Moreau verirrt und in dieser Gestalt den Weg zurück gefunden. "Hey, Leute, strömt in die Zelte! Die Avengers der Wirbellosen sind in der Stadt!"

Nun muss man sagen, dass derlei Veranstaltungen parteiübergreifend nix für feinjustierte Synapsen sind. Wenn das Florett benutzt wird, dann höchstens, um mit dem Knauf zuzuhauen. Kipping, Schulz, - egal. Mit der ganzen heißen Luft könntest du sogar Chewbacca trocken föhnen.

Ihr Auftritt, lieber Herr Seehofer, hat aber hat auf der nach unten offenen Stumpfsinnsskala wieder mal alle Rekorde gebrochen. Wobei der durchaus zu überraschen wusste. Mir war zum Beispiel gar nicht klar, dass es Ihnen überhaupt noch möglich ist, zu sprechen, ohne dass Ihnen Andreas Scheuer aus der Schulter wächst. Haftet er sich doch sonst mit der Beharrlichkeit einer See(hofer)pocke an den großen, alten Tanker.

Und tatsächlich schlief er nicht friedlich in seiner Holzkiste im Parteizentralenkeller, sondern durfte danach ran und alles beschallen, was zu dem Zeitpunkt noch nicht ausgejohlt hatte. 

Seehofers Herumgetrumpe

Lieber Ministerpräsident, Ihr knapp einstündiges Herumgetrumpe war von einer solch beeindruckenden Dummheit, dass dagegen selbst der Kölner Karneval wie ein Kabarettabend mit Josef Hader daherkommt ... . "Bayern zuerst"? Really?

Die ganze Rede ein einziges, peinliches "make Bavaria great again" vom erklärten Trump-Fan. Und die Parallelen sind tatsächlich erschreckend: Auch Bayern ist ein solch schönes Land, dass man ihm andere Führungsfiguren wünschen würde.

Ein Sermon , der permanent hin und her taumelt zwischen selbstbesoffener Miasanmirigkeit und dumpfem Nationalismus. Seehofer, der Rex Gildo des Gartenzaun-Grunge spielt alle Hits: Von Obergrenze bis - jetzt bitte erschrecken!- (Hui) Burka. Nix wird ausgelassen.

Es geht noch stumpfer, stumpfer, stumpfer, tätärääää. "Integration heißt Leitkultur statt Multikulti!" Endlich sagt's mal einer! "Kinder gehören in die Schule und nicht vor den Traualtar!" Jetzt tobt der Saal! "Weg mit dem Soli!" Jawoll! Die doofen Ossis! Völlig unwirtschaftlich, echauffiert sich der Mann, der die geniale Maut gebracht hat. Es ist toll!

Sie sind toll! Dass der Jubel beim Bewerben von Angela Merkel als Kanzlerin so frenetisch ausfiel, als würde ab sofort nur noch Sprudel rumgereicht- geschenkt. Sie elektrisieren.

Und das nicht alleine, sondern flankiert von solchen Figuren wie Stammeltitan Edmund Stoiber, der sich natürlich für keine noch so plumpe Stammtischlerei zu schade ist ("in Deutschland gilt das Grundgesetz und nicht die Scharia!").

Während man beim Transrapidosaurus im Grunde genommen bei jeder Rede seit Jahren im Geiste die Benny-Hill-Musik mitlaufen lässt, wird einem beim geliebten CSU-Führer immer wieder klar, dass der ja tatsächlich die Bundesregierung von vernünftiger Arbeit abhalten darf.

Der Merkel-Opportunist

Monatelang demontieren Sie öffentlich die Kanzlerin, faseln etwas von der "Herrschaft des Unrechts", werden zur feisten Galionsfigur der "Danke, Merkel!111"- Bewegung und sind nicht unwesentlich mitbeteiligt am Erstarken der AfD.

Am Ende sind Sie dann aber doch viel zu machtgeil, weswegen Ihnen plötzlich einfällt, dass man nur mit derselben Angela Merkel als Kanzlerkandidatin ins Rennen gehen kann. Das öffentlich zu bekennen hat Ihnen dann auch gleich einen kapitalen Shitstorm auf Ihrer Facebook-Seite eingebracht. Völlig zurecht natürlich.

Selbst der hinterletzte "Nur Sie müssen Kanzler werden, Herr Ministerpräsident"-Gemsenschrubber musste in seiner Inzestpause erkennen, welchem rückgratlosen Opportunisten er da auf den Leim gegangen ist.

Besonders gut gefallen haben mir die Bilder, als Sie neben Merkel saßen und der Presse den künftigen partnerschaftlichen Weg und eine völlig neue Harmonie präsentiert haben. Was jeder sehen konnte: Selbst neben Putins Hund hatte die Alternativlose sich wohler gefühlt. Weiß sie doch: Sogar Susanne Klatten hatte vertrauenswürdigere Männer an ihrer Seite. 

Das wirklich Ärgerliche an Ihren Auftritten aber ist, dass Selbstverständlichkeiten wie die Achtung des Grundgesetzes, der Gleichberechtigung oder der Religionsfreiheit durch diesen albernen Bierzeltpropagandaton und das stumpfe Auditorium fast der Lächerlichkeit preisgegeben werden.

Mal ganz davon abgesehen, dass Sie natürlich billigend in Kauf nehmen, dass durch Ihre Art des Vortrages alle Neuankömmlinge in diesem Land unter Generalverdacht gestellt werden. Wenn man Ihnen wenigstens abnehmen könnte, dass es Ihnen ernsthaft um irgendetwas anderes gehen würde als, nun ja, Horst Seehofer - man könnte sie als liebenswert vertrottelten Ideologen fast gern haben. Aber nicht mal das gelingt Ihnen.

Ganz am Rande: Seehofer, dessen Modelleisenbahn im Keller immer ein paar Afghanen am Gleis stehen hat, gewährte im letzten Interview mit dem "Spiegel" einen interessanten Blick darauf, wie er sich sauberen Wahlkampf vorstellt, beziehungsweise warum er schmutzige Wäsche so konsequent ablehnt:

"Das wäre völlig falsch. Wem nutzt es, festzuhalten, in welchen Lokalen Martin Schulz in der Vergangenheit eingekehrt ist ... ." Soso. Das nennt man wohl vergiftetes Fairnessgebot. Die fescheste Tracht ist doch die Niedertracht. 

Das Schöne am normalen Aschermittwoch ist die Gewissheit, dass damit der ganze Quatsch endet. Gestern allerdings wurde mir schmerzlich bewusst: Die, mit Verlaub, Scheiße fängt jetzt erst gerade richtig an.