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Absetzung von Mozart-Oper: "Kniefall vor Terroristen"

Wirbel um die Mozart-Oper "Idomeneo": Innenminister Wolfgang Schäuble kritisierte die Absetzung der Inszenierung als "lächerlich". Die Intendantin verteidigte ihre Entscheidung aus Furcht vor islamistischen Angriffen.

In Hans Neuenfels' Inszenierung der Mozart-Oper "Idomeneo" präsentiert König Idomeneo neben Jesus, Buddha, Poseidon auch den abgeschlagenen Kopf von Mohammed auf einem Stuhl. Im Islam sind bildliche Darstellungen Gottes und des Propheten nicht erlaubt. Die Deutschen Oper Berlin hat aus Furcht vor islamistischen Anfeindungen die Aufführungen abgesetzt. Politiker aller Parteien und Künstler haben nun vor Selbstzensur und vorauseilendem Gehorsam gewarnt. Die Intendantin der Deutschen Oper, Kirsten Harms, verteidigte dagegen ihre Entscheidung. Es habe eine Warnung der Berliner Sicherheitsbehörden gegeben. Bestimmte Szenen der Inszenierung hätten ein unkalkulierbares Sicherheitsrisiko für das Opernhaus dargestellt.

Schäuble findet Absetzung lächerlich

Für Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU), der in der Integrationsdebatte für diesen Mittwoch zu einer Islam-Konferenz eingeladen hat, ist die Absetzung "inakzeptabel und lächerlich". Unions-Fraktionsvize Wolfgang Bosbach sprach von einem "Kniefall vor Terroristen". Bosbach sieht in den Konflikten um die Mohammed- Karikaturen, das Papst-Zitat und die "Idomeneo"-Inszenierung einen Zusammenhang: Aus Sorge, in islamischen Ländern einen heiligen Zorn hervorzurufen, dürfe keine "Selbstzensur" erfolgen.

Neuenfels’ Anwalt Peter Raue nannte die Absetzung "grottenfalsch". Nach diesem Prinzip müsste man auch Mozarts "Entführung aus dem Serail" oder Lessings "Nathan der Weise" absetzen. Er berate mit dem Regisseur über rechtliche Schritte. Es gehe dabei nicht um Geld, sondern um die Freiheit der Kunst. Neuenfels hatte von "vorausgeeiltem Gehorsam und Hysterie" gesprochen.

Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) sagte, wenn die Sorge vor möglichen Protesten "schon zur Selbstzensur führt, dann gerät die demokratische Kultur der freien Rede in Gefahr". Der Präsident der Berliner Akademie der Künste, Klaus Staeck, wandte sich ebenfalls gegen "vorauseilenden Gehorsam". Die Angst vor möglichen Reaktionen müsse schon sehr konkret sein.

Keine konkrete Bedrohung

Polizeisprecher Bernhard Schodrowski sagte, das Landeskriminalamt habe das Opernhaus bereits im Juli auf mögliche islamistische Anfeindungen aufmerksam gemacht. Eine konkrete Gefährdung sei zurzeit aber nicht bekannt. Auch Intendantin Harms nannte keine konkrete Bedrohung und verwies auf eine Warnung von Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) vom August. Körting habe ihr damals über einen "anonymen Hinweis" berichtet, den er jedoch nicht präzisiert habe. Der Senator habe ihr gesagt, er liebe die Deutsche Oper sehr, "möchte aber nicht erleben, dass sie einmal nicht mehr da ist".

Die "Idomeneo"-Inszenierung von Neuenfels setzt sich mit den Weltreligionen, unter anderem auch mit dem Islam, auseinander. Sie war bereits während der Premiere 2003 auf Publikumsproteste gestoßen.

Für die CDU/CSU-Bundestagsfraktion verlangte der kulturpolitische Sprecher Wolfgang Börnsen, die Gefährdungsanalyse des Berliner Landeskriminalamtes gehöre nun auf den Tisch. CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer nannte die Absetzung "pure Feigheit". Nach Auffassung von SPD-Fraktionschef Peter Struck ist die Absetzung die Kapitulation "vor einer möglichen Gefahr". Der SPD-Innenpolitiker Dieter Wiefelspütz sprach von einem "peinlichen Vorgang". Dieses "Einknicken hatten wir auch schon mal anders erlebt", sagte er der "Sächsischen Zeitung".

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hält die Entscheidung der Intendantin für falsch. Aus seiner Sicht sei eine konkrete Gefährdung, die eine Absetzung der Oper rechtfertigen würde, nicht zu erkennen. Eine freiwillige Selbstbeschränkung gebe denen, "die unsere Werte bekämpfen, eine vorauseilende Bestätigung, die wir ihnen nicht zugestehen sollten".

Der Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, warb für die Freiheit der Kunst: "Kunst muss frei sein." Er könne zwar nachvollziehen, dass ein abgeschlagener Kopf des Propheten die Gefühle frommer Muslime möglicherweise verletze. "Ich empfehle aber allen Muslimen, bestimmte Sachen zu akzeptieren." Dagegen sagte der Vorsitzende des Islamrats, Ali Kizilkaya, eine Szene, in der die enthaupteten Köpfe von Poseidon, Jesus, Buddha und Mohammed gezeigt würden, verletze die religiösen Gefühle von Muslimen. "Eine Oper oder eine Karikatur - das macht keinen großen Unterschied", meinte Kizilkaya.

DPA / DPA