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Zeichen gegen Rassismus Die Frage nach dem Kniefall: Wird die deutsche Mannschaft mitmachen?

Engländer, Schotten und der spanische Schiedsrichter Lahoz: Sie alle knien gemeinsam vor dem Gruppenspiel im Wembely-Stadion
Engländer, Schotten und der spanische Schiedsrichter Lahoz: Sie alle knien gemeinsam vor dem Gruppenspiel im Wembely-Stadion
© Facundo Arrizabalaga / AFP
Kniefall ja oder nein? Die englische Nationalelf kniet als Zeichen gegen Rassismus vor jedem ihrer Spiele. So wird es auch in Wembley sein. Macht das DFB-Team mit bei einer Geste, die von vielen Mannschaften abgelehnt wird?

Eine Geste beschäftigt ganz Fußball-Europa: der Kniefall als Zeichen gegen Rassismus. Mittlerweile hat die Diskussion um das Ritual kurz vor dem Anpfiff die deutsche Elf erreicht. Das hat einen einfachen Grun:. Viertelfinal-Gegner England kniet vor jedem Spiel – es stellt sich automatisch die Frage, ob die Deutschen mitmachen.

Dem Fußball-Fachmagazin “Kicker“ sagte Nationalmannschaftskapitän Manuel Neuer: "Grundsätzlich finden wir das sehr gut von der englischen Nationalmannschaft und von den Teams, die das in der Premier League auch machen. Wir kennen das in dieser Form aus der Bundesliga und aus unseren Länderspielen bisher so noch nicht. Wir sprechen in der Mannschaft darüber."

In anderen Ländern gab Debatten um den Kniefall

Das klingt danach, als wenn die deutschen Spieler mitmachen werden. Schließlich zeigte sich das DFB-Team zuletzt sehr aktivistisch. In den WM-Qualifikationsspielen gegen Island Ende März präsentierten die Profis den Schriftzug "Human Rights" auf ihren Trikots vor dem Anpfiff, als Protest gegen die unmenschlichen Zustände, die auf Stadion-Baustellen von WM-Ausrichter Katar herrschten und herrschen. Tage später gegen Rumänien gab es eine ähnliche Aktion mit umgedrehten Trikots, auf denen an die Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen erinnert wurde.

Bei dieser EM trägt Neuer eine Regenbogen-Binde für die Anerkennung der Rechte der LGBTQ-Community. Hierzulande wurde die Debatte um die Regenbogenfarben erst hitzig, als die Uefa der Stadt München verbot, die Allianz Arena in München aus Protest gegen die homophobe Gesetzgebung in Ungarn ebenfalls in Regenbogenfarben zu erstrahlen zu lassen. Der Aufschrei war gewaltig gegen die "heuchlerische" Entscheidung des Kontinentalverbandes, der sich offenbar den Protesten der ungarischen Regierung um den rechtskonservativen Ministerpräsidenten Viktor Orban beugte.

Der DFB hingegen würde offenbar lieber bei der Regenbogenbinde bleiben und auf den Kniefall verzichten. Allerdings erscheint es schwer vorstellbar, dass sich der Verband ernsthaft gegen die Mannschaft stellen würde, wenn diese sich geschlossen dafür ausspricht, vor dem Spiel gegen England zu niederzuknien.

Ein Fußballer in orangem Dress greift im Fallen mit links nach dem Ball

Medien kritisierten italienische Nationalelf

Wie erregt die Debatte bei den Nachbarn geführt wird zeigt die jüngste Meldung aus Italien. Fünf Spieler der Squadra Azzurra hatten sich vor dem letzten Gruppenspiel dem Gegner aus Wales angeschlossen und sich vor dem Anpfiff niedergekniet.

Zahlreiche Medien kritisierten das uneinheitliche Verhalten der Nationalelf. Gegen Österreich ging schließlich kein Italiener auf die Knie – es war so abgesprochen, auch weil die Österreicher nicht wollten. Jetzt heißt es, dass die italienischen Profis gemeinsam mit den Belgiern vor ihrem Viertelfinale die Geste zeigen wollen – möglicherweise. Verteidiger Leonardo Bonucci deutete jedenfalls an, dass man die Entscheidung vom Gegner abhängig mache. Da die Belgier jedoch stets knien, scheint die Sache entschieden. Der italienische Verband äußerte sich vorsichtshalber erst gar nicht dazu.

In Frankreich war der symbolische Kniefall gar ein Politikum, befeuert durch die bevorstehende Regionalwahl am Sonntag. Rechte Parteien nutzten die Diskussion, um gegen den Kniefall zu wettern – was aber gar nicht notwendig war. Denn im Gegensatz zu den Belgiern oder Engländern lehnt die französische Elf wider Erwarten die Geste bisher ab. Nationaltorhüter Hugo Lloris erklärte das nach dem ersten Spiel gegen Deutschland so: "Das Knie auf den Boden zu setzen, das muss eine gemeinsame Entscheidung sein. Wenn wir das tun sollen, dann müssen das die anderen auch tun, und zwar mit Unterstützung der Uefa."

Mehrheit der Mannschaften hat sich bislang nicht beteiligt 

Überhaupt beteiligt sich die Mehrheit der Mannschaften nicht am Kniefall, obwohl der wiederum von der Uefa ausdrücklich begrüßt wird. Wales hat die Gegner Schweiz und Türkei zum Mitmachen bewegt. Die Schotten knieten vor dem Spiel gegen England. Und auch Schiedsrichter machen mit, etwa der Spanier Antonio Mateu Lahoz oder deutsche Felix Brych vor dem Spiel Belgien gegen Portugal – aber ein gesamteuropäisches Phänomen ist der Kniefall deswegen nicht.

Vielmehr zeigt die Debatte die Zerrissenheit Europas. So gab es in St. Petersburg ein gellendes Pfeifkonzert, als die Belgier vor dem Spiel gegen Russland den Kniefall wagten, den der US-amerikanische Footballer Colin Kaepernick erfunden hat, um gegen den Rassismus in der den USA zu protestieren. Und der ungarische Fußball-Verband sprach sich ausdrücklich gegen die Geste aus.

Quellen: DPA, "Kicker""taz", "sportschau.de"


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