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Eurovision Song Contest 2011 "Et kütt von Herze"


Düsseldorf hat eine Mission: Die Stadt will mit dem Eurovision Song Contest ihr biederes Image aufpolieren. So recht mag das nicht gelingen. Doch die Not könnte für Düsseldorf zur Tugend werden.
Von Jens Maier, Düsseldorf

Es ist halb elf am Dienstagabend, und in der Bolkerstraße tobt das Leben. Mehrere hundert Menschen drängen sich entlang der Partymeile in der Altstadt. Die kleinen Tische der Bars und Kneipen sind voll besetzt. Obwohl es empfindlich kühl geworden ist, stehen die meisten draußen. Altbier und Heizstrahler halten sie warm. Es sind Szenen, wie man sie unter der Woche höchstens an der Hamburger Reeperbahn oder in der Hauptstadt Berlin vermuten würde. Ganz bestimmt nicht irgendwo in der deutschen Provinz.

Über der Straße, die nur für Fußgänger zugänglich ist, hängen riesige Banner. Ein Herz-Logo ist darauf zu sehen, daneben der Schriftzug "Welcome Eurovision Song Contest 2011". Doch die, die darunter stehen, interessieren sich momentan mehr für Fußball als für das, was ihrer Stadt in den kommenden Tagen bevorsteht. Noch läuft Real Madrid gegen Barcelona auf Fernsehbildschirmen beim Public Viewing. In der nächsten Woche soll sich das ändern. Dann hat Düsseldorf seinen Bürgern Grand Prix statt Kicken verordnet.

"Am Arsch vunne Welt liegt Düsseldorf"

Die Stadt ist der Austragungsort des größten Musikwettbewerbs der Welt. 43 Länder aus ganz Europa nehmen am Eurovision Song Contest 2011 teil. Düsseldorf soll nun die Aufgabe meistern, ganz Deutschland vor den Augen der Weltöffentlichkeit zu repräsentieren. Mehr als 120 Millionen Fernsehzuschauer weltweit werden am 14. Mai live mitverfolgen, wie sich die Stadt im Vergleich zu Oslo, Moskau oder Belgrad - die das Spektakel in den Vorjahren ausgerichtet haben - schlägt. Die Proben in der Arena haben bereits begonnen. Über vier Wochen hat der Aufbau der aufwändigen Bühnentechnik gedauert. Das Publikum soll nichts weniger als die perfekte TV-Show zu sehen bekommen. "Das hat olympische Dimensionen", sagte NDR-Unterhaltungschef Thomas Schreiber im Gespräch mit stern.de. Mit Olympia allerdings hat Düsseldorf so seine Erfahrungen. Bei der Bewerbung für 2012 kläglich bereits in der deutschen Vorauswahl gescheitert, soll die Stadt jetzt endlich ins rechte Licht gerückt werden.

"Am Arsch vunne Welt liegt Düsseldorf", singen die Kölner nicht nur in der Karnevalszeit über ihre wenige Kilometer rheinabwärts gelegene Nachbarstadt. Die Hassliebe der beiden Metropolen ist berüchtigt. Fragt man einen Kölner, was er über Düsseldorf denkt, so ist das Gespräch meist schnell beendet. "Jor Nix", ist eine der harmloseren Antworten. Mit der "verbotenen Stadt", wie sie sie spöttisch nennen, wollen die Kölner nix zu tun haben. Sie gilt als langweilig, provinziell, bieder und versnobt. Spätestens, seitdem Düsseldorf den Zuschlag für den Eurovision Song Contest bekommen hat, schütten nicht mehr nur die Kölner ihre Häme aus. Auch der Rest von Deutschland scheint keine allzu hohe Meinung von dem 600.000-Einwohner-Dorf zu haben. Während die einen an altbierselig schunkelnde Horden von Betrunkenen denken, stellen die anderen sich Millionärsgattinnen in dunklen Limousinen vor, die auf der Königsallee zum Shoppen vorfahren.

Aktionstag der Sch(w)ulen

Einer, der mit diesen Vorurteilen aufräumen möchte, ist Bürgermeister Dirk Elbers. Hinter der Fassade des mit Efeu berankten und pittoresk wirkenden Rathauses regiert er die Stadt in einem modern eingerichteten Büro. Es wirkt wie ein futuristisches Ufo, das in dem Backsteingebäude gelandet ist. Zufrieden wirkt er, als er in einem der Ledersessel Platz nimmt. Sofort beginnt er mit rheinischem Akzent von seiner Stadt zu schwärmen: Vom grünen Rheinpark direkt am Rheinufer, von der gemütlichen Altstadt, von der international anerkannten Kunstszene mit ausgezeichneten Museen und von den innovativen Neubauten am Medienhafen. Es scheint fast, als wolle er Düsseldorf künftig nicht nur in einem Atemzug mit Köln, Hamburg oder Berlin genannt haben, sondern mit Paris, London oder Madrid. Er war es, der den Song Contest mit einem Zuschuss von fast acht Millionen Euro an den Rhein gelockt hat. Und er ist es, der jetzt die Früchte dieser harten Arbeit ernten will. Düsseldorf soll vor den Augen der Welt erstrahlen.

Da passt es rein gar nicht ins Konzept, dass die stadteigene Tourismus GmbH in der vergangenen Woche eine Song-Contest-Broschüre herausgegeben hat, in der statt zum Aktionstag der Schulen zum Aktionstag der Schwulen eingeladen wurde. Ein peinlicher Fehler, der wieder mal dafür sorgte, dass über und nicht mit der Stadt gelacht wurde. Ein ernsteres Ärgernis sind da schon die Gegner, die sich gegen den ESC in der Stadt formiert haben und vor allem die hohen Kosten kritisieren. Beim Karnevalsumzug im März musste der Eurovisionswagen von Polizeitruppen bewacht werden. Der Grund: Die ESC-Kritiker hatten angekündigt, den Mottowagen mit Bananen zu bewerfen. In Düsseldorf wirken eben sogar Demonstranten eher lächerlich statt Angst einflößend.

"May I help you?"

Die meisten Düsseldorfer nehmen Elbers Mission jedoch sehr ernst. Hunderte Freiwillige haben sich gemeldet, um in den nächsten Wochen als sogenannte Volunteers den ESC-Gästen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen - unentgeltlich, wohlgemerkt. In roten Jacken mit der Aufschrift "May I help you?" verrichten sie freundlich und emsig ihren Dienst am Besucher. Und auch der Durchschnitts-Düsseldorfer scheint verstanden zu haben, worum es jetzt geht. "Düsseldorf soll sich als international als weltoffene und freundliche Stadt präsentieren", hat ihnen ihr Oberbürgermeister ins Aufgabenheft diktiert. Während die Banner- und Eurovisions-Flaggen schon in der ganzen Stadt wehen, macht sich langsam auch ein Hauch von Grand-Prix-Euphorie breit. Noch sind größtenteils nur die Mitglieder der Delegationen, Journalisten und Mitglieder der Fangruppen in Düsseldorf angekommen. Wer auf dem Weg in die Arena in der U-Bahn enttarnt wird, kann aber mit einer wahren Charme-Offensive rechnen. "Kann ich Ihnen helfen? Finden Sie sich zurecht? Wie gefällt Ihnen Düsseldorf?", sind die Fragen, mit denen der Besucher voller Stolz umsorgt wird. Oder wie der Rheinländer dazu sagt: "Et kütt von Herze."

Die Antworten fallen überwiegend positiv aus. "Mir gefällt Düsseldorf total gut", sagt Manuel aus Hamburg, der den Grand Prix ursprünglich lieber in seiner Heimatstadt gesehen hätte. Er ist zum ersten Mal in Düsseldorf und war bereits auf Erkundungstour durch die City. "Ich mag besonders die Altstadt mit den kleinen Kneipen", sagt er. Toll sei auch, dass alles so nah beieinander sei. "Ich kann mir sogar vorstellen, vielleicht einmal hier zu leben." Ein größeres Kompliment kann man einer Stadt wohl kaum machen. "I love Düsseldorf", sagt Juanita aus Südafrika überschwänglich. Sie schreibt ein Blog über den Eurovision Song Contest, denn obwohl Südafrika nicht am ESC teilnehmen darf, seien dort viele Grand-Prix-Fans. Sie ist vor allem vom tollen Nahverkehrssystem begeistert. "Alles funktioniert, es ist sauber und die Bahnen kommen pünktlich", schwärmt sie.

Bölkerstraße sauber wie geleckt

Offenbar sind es ausgerechnet die deutschen Tugenden, mit denen Düsseldorf punkten kann. Die Stadt hat sich fein gemacht. Überall wird geschrubbt und geputzt. Selbst die Baustellen sind größtenteils aus der Innenstadt verbannt worden. Wo das nicht möglich war, zieren riesige Eurovisions-Plakate die Bauzäune. Selbst in den Parks wird das letzte Körnchen Staub aus den Ecken gepustet. Alles soll glänzen, um Düsseldorf zum Strahlen zu bringen. Dumm nur, dass einem Berliner, der den Dreck in der eigenen Stadt einfach zur Kiezkultur erhoben hat, die Sauberkeit und Ordnung schon wieder als schrecklich spießig und provinziell vorkommen muss. Aber den Hauptstädtern werden es die Düsseldorfer ohnehin nicht recht machen können.

Die Partymeile Bolkerstraße ist dieser Tage jedenfalls sauber wie geleckt. Und es scheint fast so, als fehle nur noch die Initialzündung, um die ganze Stadt in einen kollektiven Freudentaumel fallen zu lassen. Die Erwartungen sind jedenfalls hoch: "Ich hoffe, das wird wie bei der Fußball-WM 2006 im eigenen Land", wünscht sich der Düsseldorfer René. "Eine riesige Party." Das Wetter scheint jedenfalls mitzuspielen. Sommerliche 26 Grad sind fürs Wochenende vorhergesagt. Und vielleicht muss jetzt nur noch einer den richtigen Kanal beim Public-Viewing in der Bölkerstraße einschalten: Fußball aus, Grand Prix an.


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