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Echo-Eklat: Von wegen Antisemitismus - Farid Bang, Kollegah und das schamlose Marketing

Farid Bang und Kollegah sind nicht die ersten Rapper, die mit geschmacklosen Zeilen provozieren.  Die eigentliche Attacke zielt dabei auf die Gesellschaft, die sich empört und auf all diejenigen, die sich darüber aufregen. 

Von Yannik Gölz

und Farid Bang erleben gerade ein Best-Case-Szenario. Der Fallout der geschmacklosen Auschwitz-Zeile sorgt für eines der größten Medienechos der jüngeren Deutschrap-Geschichte, alle respektierten Instanzen von Politik, Medien und Moral schießen sich auf das Duo ein. Und ihren Fans können sie es gerade deswegen als einen kolossalen Triumph verkaufen. Der Vorwurf lautet Antisemitismus. Doch der eigentliche Tatbestand ist rücksichts- und schamloses Marketing auf dem Nacken des Leitsatzes, auch schlechte Promo sei gute Promo. Warum finden weder die Echo-Verantwortlichen noch das Feuilleton einen angemessenen Umgang mit Kollegah?

Grundsätzlich gilt es erst einmal festzuhalten, dass über zwei ganz verschiedene Punkte diskutiert wird. Zum einen ist da die "Mein Körper definierter als Auschwitzinsassen"-Textzeile von Farid Bang, die wegen konkreter Verhöhnung des Holocausts unter Beschuss steht. Zum anderen ist da der wesentlich weniger konkrete Antisemitismus-Vorwurf gegenüber den beiden Rappern. Beides ist stichhaltig, benennt aber grundsätzlich verschiedene Probleme. Denn auch wenn es zunächst danach aussieht, haben diese beiden Vorwürfe nur wenig miteinander zu tun.

Farid Bangs Zeile steht am Ende einer langen Entwicklung in der Deutschrap-Szene. Sie ist Battle-Rap. Ein völlig überzeichnetes und absurdes Sprachbild. Wie so viele Sprachbilder, Vergleiche oder Punchlines, mit denen Rapper Einfallsreichtum, Wortwitz und Humor beweisen wollen. Die unglaublich geschmacklose Referenz zu Opfern des industriellen Völkermordes zielt jedoch auf nichts dergleichen ab. wollte mit ihr schockieren und provozieren, sonst nichts.

Provokation als Stilmittel?

Und auch damit ist er nicht der erste: Schon zu Beginn der 2000er sprach in Raptexten darüber, seine eigene Mutter zu vergewaltigen. Rapper wie Favorite haben Adolf Hitler zu einem Kernstück ihres Humors erklärt, Basti DNP der Gruppe Trailerpark kommt kaum einen ganzen Part aus, ohne Sex mit Minderjährigen zum Thema zu machen.

Warum so oft auf derartige Tabubrüche zurückgegriffen wird, ist leicht erklärt: Ein Battlerap profiliert sich mit gut gesetzten Pointen - und plumpe Provokation kann eine solche ziemlich leicht imitieren. Außerdem sind die Vergleichspunkte nicht per se die Angriffsziele selbst. Die eigentliche Attacke zielt auf den guten Geschmack, auf die Gesellschaft, die sich empört und auf all diejenigen, die sich darüber aufregen. Schockfaktor ist die simpelste Form von Anti-Haltung. Gelacht wird darüber, dass diese Aussagen offensichtlich geschmacklos, harsch und unerwartet auftauchen. Ein bisschen wie die derberen "South Park"-Pointen, nur eben nicht zwangsweise mit nennenswerter Substanz.

Je schwarzhumoriger und zynischer diese Lines dann ausfallen, desto normaler fühlt es sich an, ein geschmackloses Sprachbild zu erkennen. Deswegen dürften die wenigsten Rapfans beim ersten Hören von Farid Bangs Skandalzeile wirklich erschrocken sein. Hier liegt das erste Missverständnis: Würde man ihn hierfür verurteilen, müssten auch zahllose andere Raptracks an den Pranger gestellt werden, die bis dato einigermaßen unkommentiert davonkamen. Denn im Gegensatz zu Ben Salomos Argument, die Zeile würde Juden per se angreifen, muss man entgegenhalten, dass sie niemanden zum Angriffsziel macht. Hier werden Holocaustopfer als Bild der Grausamkeit, der Zerstörung und der Brutalität für einen billigen Lacher ausgespielt. Verharmlosend, abstumpfend, absolut geschmacklos? Mit Sicherheit. Aber wirklich antisemitisch? Nein.

Das wahre Antisemitismus-Problem ist nicht offensichtlich

Der problematische Antisemitismus liegt tiefer in der Szene. Denn wie jede systematische Gewalt, hat sie gelernt, eben nicht lauthals und klar identifizierbar aufzufallen. Und dabei muss sich eine Frage gar nicht gestellt werden. Ist deutscher Rap antisemitisch? Ja. Er ist so antisemitisch wie die Gesellschaft, aus der er hervorgeht. Und es wäre zu schön und einfach, wenn man das an einer einzigen Zeile aufmachen und problematisieren könnte. Problematisch ist es, wenn Kollegah auf Tracks wie "Apokalypse" den ultimativen Feind der Gesellschaft mit einem Davidstern inszeniert. Wenn Rapper Massiv für ein Facebook-Foto symbolisch Israel von der Karte tilgt. Wenn verschwörerische Narrative wie die "Rothschild-Theorie" immer wieder unterschwellig aufflackern. Denn dann macht Deutschrap diese Gedanken nicht nur sichtbarer, sondern läuft auch Gefahr, sie zu reproduzieren oder sogar zu verstärken.

Es ist übrigens nicht nur "Apokalypse", das Kollegah sich zuschulden hat kommen lassen. Auch seine einseitige Palästina-Dokumentation und wiederkehrende Angriffe gegen ein schwammiges Eliten-System zapfen Denkmuster des Judenhasses an. Genau das ist der Vorwurf, der in letzter Zeit das größere Gewicht in den Medien eingenommen hat. Doch Kollegah und Farid Bang müssen sich darüber keine Gedanken machen: Denn auch wenn ihre Reputation bei einer Menge älterer Menschen sinkt, die sowieso nie zu ihrer Käuferschicht gehört haben, können sie die Vorwürfe für ihre Zielgruppe so umdeuten, dass sie die Opfer sind.

Kollegah, der Populist

Opfer einer gekauften Medienkampagne, Opfer von lügenden Politikern. In seinem Ansage-Video an "Bild" und RTL warf Kollegah alle möglichen Narrative durcheinander, die seinen Fans schlüssig erscheinen könnten. Die elendige Killerspiel-Debatte, das "Dschungelcamp", DSDS, latente Verschwörungstheorien und andere Feindbilder werden mit der Echo-Kommission gleichgesetzt und unter Engelschören zu einer gigantischen "wir gegen die"-Geschichte zusammengesponnen. Im Grunde könnte man Kollegah hier einen Populisten aus dem Lehrbuch nennen, der die Kritik an der Ausschwitz-Zeile als Beweis verwendet, die Kritiker würden sowieso nichts von HipHop verstehen. Damit macht er es sich und seinen Fans ziemlich leicht, sich auf der richtigen Seite zu wähnen.

Natürlich will er aber nicht wirklich gegen die Medien in den Krieg ziehen. Er will einem Haufen Teenagern imponieren, die von simpler Logik und großen Ansprachen beeindruckt sind, um mehr Aufmerksamkeit für sein nächstes Projekt zu generieren. Dass das auf dem Rücken der in Deutschland lebenden Juden passiert, die unter der Präsenz solcher Narrative in der Gesellschaft nachweislich leiden, scheint ihm dann aber doch relativ egal zu sein. Egal, wie oft er seine Juden im Freundeskreis auch beschwören mag.

Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo