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Gewinner von "Arab Idol": Hochzeitssänger aus Gaza lässt Palästinenser jubeln

Er wird zur "Friedensrakete": Mohammed Assaf aus dem Gazastreifen hat die Castingshow "Arab Idol" gewonnen. Zehntausende feiern seinen Sieg - und vergessen zumindest für eine Nacht ihre Probleme.

Zehntausende Palästinenser haben am Wochenende auf Marktplätzen und in Autokorsos den Sieg eines jungen Popsängers aus dem Gazastreifen bei der gesamt-arabischen Castingshow "Arab Idol" bejubelt. "Mohammed Assaf ist das Arabische Idol", verkündete der Kommentator der Show am Samstagabend in Beirut, als buntes Konfetti auf den 23-jährigen mit der kräftigen Stimme herabregnete. Ein Freudentaumel vereinigte danach die Palästinenser im Westjordanland, in Ostjerusalem, im Gazastreifen, in den arabischen Ortschaften in Israel und in den Flüchtlingscamps der Nachbarländer.

Dem Sieg in Beirut, von wo das Showfinale live auf die TV-Schirme von Irak bis Marokko übertragen wurde, war Assafs kometenhafter Aufstieg vorausgegangen. Bis zu seinem Aufbruch zu einer Vorausscheidung in Kairo im März hatten ihm Hochzeitsfeiern im Gazastreifen eine Bühne geboten.

Der gutaussehende, für das Finale im Smoking auftretende Flüchtlingsjunge widmete seinen Erfolg "dem palästinensischen Volk, das seit über sechzig Jahren unter Besatzung leidet". Präsident Mahmud Abbas ernannte Assaf umgehend zum "Botschafter des guten Willens", und das UN-Hilfswerk für die Palästinensischen Flüchtlinge (UNRWA) übergab ihm eine Urkunde, die ihn zum ersten Jugendbotschafter der Organisation macht.

Friedensrakete aus Gaza

Millionen von Fans verfolgten seit acht Wochen vor Fernsehern und Großbildschirmen Assafs Triumphzug durch die Ausscheidungsrunden der Castingshow nach den Regeln der britischen Sendung "Pop Idol", denen auch "Deutschland sucht den Superstar" folgt. Seine Mutter brach in Tränen aus, als das Ergebnis verkündet wurde, und wickelte sich die palästinensische Flagge um die Schultern.

Die Schlagzeilen der palästinensischen Sonntagszeitungen griffen die Worte eines Jurymitglieds auf, das Assaf "die beste Rakete" genannt hatte, "die jemals aus Gaza kam: Eine Friedensrakete, keine kriegerische". Das Blatt "Al-Hajat" titelte: "Die Rakete traf ins Ziel und brachte Freude über die Palästinenser". Und auf "Al-Ajjam" prangte fett "Assaf - die palästinensische Kunst-Rakete".

Menschenmassen mit glücklichen Gesichtern wälzten sich dann stundenlang durch die Straßen von Ramallah, Hebron, Nablus, Nazareth und Gaza. "Danke Mohammed Assaf, soviel Freude haben wir schon lange Zeit nicht mehr verspürt", spricht Mohammed Dahman, einer der Feiernden in Gaza-Stadt, den Umstehenden aus dem Herzen. Aus allen Autoradios hämmert immer wieder der letzte Wettbewerbsbeitrag Assafs, das bekannte patriotische Lied "Schwenkt die Kufija".

Es begann im Schulchor

Auch im Flüchtlingslager Beddaui im Nordlibanon feuern begeisterte Palästinenser Freudenschüsse in die Luft und fahren hupend durch die Straßen. Nur am Damaskustor der Jerusalemer Altstadt wird die Freude getrübt durch Handgreiflichkeiten zwischen palästinensischen Jugendlichen und ultraorthodoxen Juden auf ihrem Weg zur Klagemauer, in die die Polizei eingreifen muss.

Assafs Großeltern waren im israelischen Unabhängigkeitskrieg von 1948 aus Ortschaften im Süden des sich neu bildenden Staates geflohen. Die Eltern ließen sich zwischenzeitlich in Libyen nieder, wo der Junge 1990 in Misrati geboren wurde. Als Assaf vier Jahre alt war, siedelte die Familie nach Chan Junis im Süden des Gazastreifens um, wo er in einem armseligen Flüchtlingslager aufwuchs. Er besuchte eine von der UNRWA eingerichtete Schule, an der seine Mutter bis heute als Lehrerin unterrichtet.

Im Alter von sechs Jahren startete dort seine Gesangskarriere, zunächst in einem Chor. Niemand ließ sich zu der Zeit träumen, dass Assaf mit seinem Gesangstalent einen Sportwagen und einen Plattenvertrag gewinnen würde. Noch bedeutender aber ist die symbolische Belohnung: Mit seinem Erfolg hat Assaf seiner geografisch und politisch gespaltenen Nation eine gemeinsame Stimme verliehen.

Adel Zaanoun, AFP / AFP