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Musiker Gotthilf Fischer: Der bis zum Lebensende kreative "König der Chöre" ist tot

Gotthilf Fischer
Gotthilf Fischer ist gestorben
© FRANK HOERMANN/SVEN SIMON / Picture Alliance
Es ist keine vier Wochen her, da hatte Gotthilf Fischer noch eine neue Single-Veröffentlichung. Jetzt ist der "König der Chöre" verstorben. 

Es ist keine vier Wochen her, da hatte Gotthilf Fischer noch eine neue Single-Veröffentlichung: Das alte Volkslied "Die Gedanken sind frei" veröffentlichte der "König der Chöre" zum wiederholten Male, das Lied sei so aktuell wie selten zuvor, schrieb Fischer bei Facebook. Auch mit 92 Jahren war Fischer auf der Höhe der Zeit - nun ist er an Altersschwäche gestorben.    

Gotthilf Fischer ist gestorben

"Er hatte keine schwere Krankheit. Es war einfach das Alter", sagte seine Managerin Esther Müller der "Bild"-Zeitung. Im Kreise seiner Familie war Fischer demnach eingeschlafen, bereits an diesem Mittwoch war seine Beisetzung. Den "Stuttgarter Nachrichten" sagte Müller, als lebensfroher Mensch seien die letzten Monate der Corona-Pandemie "nicht seine gewesen". Trotzdem habe Fischer versucht, optimistisch nach vorne zu schauen.

Kurz vor seinem 91. Geburtstag hatte Fischer der Illustrierten "Meine Melodie" noch gesagt, er fühle sich "fürs Sterben zu jung". Seinen 100. Geburtstag wollte er noch erreichen. Allerdings war ihm zu dieser Zeit auch längst bewusst, dass bei allem Optimismus auch an ihm das Alter nicht spurlos vorbeigeht. So hatte er sich Stück für Stück von der Chorarbeit zurückgezogen.    

Er überlebte drei Flugzeugunglücke

Fischer kam am 11. Februar 1928 zur Welt. Der Taxifahrer, der seine Mutter zur Entbindung ins Krankenhaus brachte, hatte allerdings einen schweren Unfall, das Leben der Mutter und ihres noch Ungeborenen stand auf der Kippe. Doch beide überlebten. Und auf Drängen der Krankenschwestern bekam der Junge den Vornamen Gotthilf. Fischer glaubt, dass ihm der Name auch später half - er überlebte drei Flugzeugunglücke.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs übernahm der Autodidakt seinen ersten Chor. Mit zehn Sängern fing er an, nach 14 Tagen hatte er 80 Chormitglieder. "Weil da was los war", sagte er einmal im Südwestrundfunk. Schon bald nahm er die ersten Lieder auf, was ihm 2017 eine in Deutschland einmalige Ehrung brachte: Fischer wurde für 70 Jahre Tonaufnahmen ausgezeichnet.    

Durchbruch nach Grubenunglück von Lengede

Der bundesweite Durchbruch gelang ihm in Folge des Grubenunglücks von Lengede 1963. Bei der Trauerfeier für die verstorbenen 29 Bergleute trat Fischer erstmals mit einem Chor aus 200 Sängern im Fernsehen auf. Ab Ende der 60er Jahre ging es dann Schlag auf Schlag. Die Fischer-Chöre bekamen immer wieder Fernsehauftritte. Mehr als 16 Millionen Schallplatten und CDs konnte Fischer im Lauf seiner Karriere absetzen - und das, obwohl er vor allem bekannte Volkslieder wie "Hoch auf dem gelben Wagen" oder oft stark religiös geprägte Eigenkompositionen singen ließ. Doch Fischer war ein Mann der Massen: Der Deutsche Fußballbund engagierte ihn 1974 mit seinen Chören für das Beiprogramm zum Weltmeisterschaftsfinale Deutschland gegen Holland. Hunderte Millionen Menschen sahen weltweit zu.

Für Fischer begann seine erfolgreichste Phase, er gehörte laut Umfragen zu den bekanntesten Deutschen. In New York sangen die Fischer-Chöre beim Abschiedsspiel von Franz Beckenbauer. Vor dem Weißen Haus in Washington traten sie für US-Präsident Jimmy Carter auf, der den Chorleiter prompt empfing. Fischer betrieb das Singen immer auch als eine Art Friedensmission, was ihm neben Zuneigung auch viel Spott einbrachte. Beeindrucken ließ er sich davon nicht. "Wenn mir einer sagt, es geht nicht, dann geht alles - dann wache ich erst mal auf", sagte er einmal über seine unerschütterliche Zuversicht.    

Auch als 2008 seine Frau Hilde, mit der er zwei Kinder hatte, starb, zog Fischer sich nicht zurück. Im vergangenen Jahr wurde seine Version der Europahymne "Ode an die Freude" wieder millionenfach geklickt, weshalb Fischer mit 91 Jahren noch einmal eine Goldene Schallplatte bekam.

Von Ralf Isermann / AFP

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