Hamburger Prestigeprojekt Elbphilharmonie - noch teurer, noch später


Die Elbphilharmonie soll die Hamburger Hafen-City krönen und weit über die Hansestadt hinausstrahlen. Doch das Projekt erweist sich immer mehr als Steuergrab. Eine termingerechte Fertigstellung ist inzwischen ausgeschlossen - und es gibt noch einmal einen Nachschlag von mindestens 40 Millionen Euro.
Von Wolfgang Metzner

Einer der zehn besten Konzertsäle der Welt soll es werden. Ein Klangwunder mit einem einzigartigen Reflektor an der Decke, Dirigent und Orchester inmitten kühn geschwungener Ränge, die sich wie Terrassen an einem Weinberg hochziehen. Doch jetzt regnet es noch in den offenen Rohbau, und ein kühler Wind pfeift in die Baustelle hoch über der Elbe, die bisher einem düsteren Betontrichter mit schrägen Wänden gleicht: ein Schwarzes Loch, in dem Hamburg seine Steuergelder versenkt.

Am 28. Mai will die Hansestadt Richtfest für den "Jahrhundertbau" feiern. Dann soll ein riesiger Kranz auf die 110 Meter hohe Elbphilharmonie gehievt werden, die mit Luxushotel und Premium-Wohnungen über die neue Hafen-City empor wächst. Doch Bürgermeister Ole von Beust (CDU) dürfte die Feierlaune schon vorher verhagelt werden. Denn wieder einmal explodieren die Kosten für das Prestigevorhaben, während die Stadt nicht mal alle Schlaglöcher aus dem Winter reparieren kann - und ein Ende ist nicht abzusehen.

In einem Brandbrief hat der Generalunternehmer Hochtief "vielfältige Störungen" und "Bausolländerungen" beklagt, die zu Nachforderungen von 22,4 Millionen Euro führten. So würde allein die von den Planern jetzt gewünschte Luxusvariante für die Lüftung im Großen Saal teure statische Neuberechnungen erfordern. Zusätzlich will Hochtief zwölf Millionen Euro extra für bisher nicht eingeplante "Budgetleistungen" - etwa neueste Finessen bei Akustik und Licht.

Krisensitzungen mit einem "Notkomitee"

Noch ärgerlicher könnte für die Stadt werden, dass Hochtief die für Ende 2011 vereinbarte, bereits mehrfach verschobene Gesamtfertigstellung inzwischen für "nicht realisierbar" hält und eine weitere "Verspätung von ca. einem Jahr" ankündigt. Nach Auskunft eines Firmeninsiders würde das rund zehn Millionen mehr für den längeren Betrieb der Baustelle bedeuten. Zusammen ergibt das eine neue Horrorzahl, die man im Rathaus noch unter der Decke hält: über 40 Millionen Euro Nachschlag. Bisher müht sich die städtische Realisierungsgesellschaft (ReGe), die Forderungen von Hochtief herunterzuspielen. Wie nervös der Hamburger Senat aber inzwischen ist, zeigen Krisensitzungen mit einem "Notkomitee", bei dem Beteiligte "Verschwiegenheitserklärungen" unterzeichnen mussten und nicht mal Notizen erlaubt waren.

Nach Einblick in vertrauliche Aktenbände und angesichts weiterer offener Risiken fürchten Oppositionspolitiker inzwischen sogar ein größeres Fiasko. "Gut möglich", sagen die Haushaltsexperten Joachim Bischoff (Linkspartei) und Peter Tschentscher von der SPD, "dass zum Schluss noch mal 100 Millionen Euro fällig sind."

Längst hat sich der Traum vom glitzernden Kultur-Kristall an der Elbe in einen Alptraum für Finanzpolitiker verwandelt. Denn die jüngsten Zahlen sind ein Paradebeispiel dafür, wie leicht ein gemischt finanziertes "PPP"-Projekt ("Public Private Partnership") der öffentlichen Hand entgleitet und aus dem Ruder laufen kann.

Anfangs war von 40 Millionen Euro die Rede

Dabei hatte alles so vielversprechend angefangen. Es war im Jahr 2001, als die Schweizer Star-Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron die Vision von einer Musikhalle auf einem ehemaligen Kakaospeicher hinkritzelten. Von 40 Millionen Euro war zunächst die Rede, finanziert durch Spenden. 2005 sprach von Beust bereits von 77 Millionen, ein Jahr später waren es dann 114 Millionen, die von der Stadt übernommen werden sollten. Den Rest würden vermögende Gönner und private Investoren durch eine Mantelbebauung mit Hotel, Gastronomie und Wohnungen finanzieren.

Mit diesem "Pauschalfestpreis" wurde das Konzept im Jahr 2007 vom euphorisierten Stadtparlament einstimmig abgenickt. Die Ernüchterung kam 2008 nach dem Wahltermin, als Hochtief mit einem Baustopp wegen aufgelaufener Extrakosten von 270 Millionen Euro drohte. Das ganze Projekt, das ohne fertige Planungen der Architekten begonnen worden war, stand auf der Kippe. Aber eine Bauruine im Herzen der Hafen-City - das war schlicht undenkbar für von Beust.

So feuerte der Bürgermeister seinen bisherigen Projektsteuerer Hartmut Wegener, der früher mal die umstrittene Airbus-Erweiterung durchgeboxt hatte, und ließ sich vom Parlament 137 Millionen Euro "Nachtrag" für Hochtief bewilligen. Davon waren 107 Millionen belegbare Forderungen, 30 Millionen eine dubiose "Einigungssumme", die man um des lieben Friedens willen in Kauf nahm. Nun kostete der Prestigebau den Steuerzahler bereits 323 Millionen: eine Summe, die anfangs politisch niemals durchsetzbar gewesen wäre.

Die "Kostensicherheit und Terminsicherheit für die Zukunft", die sich der Senat damit laut Mitteilung an die Bürgerschaft erkaufen wollte, gab es auch damit nicht. Im Gegenteil: Hochtief, die Nummer eins der deutschen Baukonzerne, beklagt inzwischen wieder wie schon früher, dass Architekten-Pläne verspätet geliefert würden und exklusive Änderungswünsche enthielten, teils "aus der Champions League der Akustik" - mehr als tausend im letzten Jahr.

"Anwaltskanzlei mit angeschlossener Bauabteilung"

Deshalb bombardiert Hochtief, Spöttern auch als "Anwaltskanzlei mit angeschlossener Bauabteilung" bekannt, die Stadt nun mit "Änderungs- und Behinderungsanzeigen". Dazu kämen über 130 "Schlechtwettertage", an denen man durch den harten Winter in Verzug gekommen sei. Die Verantwortlichkeit für die wachsenden Probleme verliert sich irgendwo im Bermudadreieck von Star-Architekten, die ohne besondere Rücksicht auf die Kosten ein Werk von Weltruhm schaffen wollen, einem Bau-Unternehmen, das als besonders robust bekannt ist, und ReGe-Bediensteten, die im "PPP"-Poker die miesesten Karten gezogen haben.

Während der Rohbau inzwischen die Hafen-City überragt und oben an der Fassade die ersten der 1100 futuristischen Glasscheiben montiert sind - jede so teuer wie ein Mittelklassewagen -, ist in den Niederungen der Politik eine Schlammschlacht ausgebrochen. Die Grün-Alternative Liste, Juniorpartner der CDU im Rathaus, beschimpft Hochtief als "bösartige Heuschrecke". Die oppositionelle SPD spricht von einer "Sauerei" gegenüber dem Steuerzahler. Sie würde am liebsten den "Nachtrag" von 2008 anfechten. Dabei ist das dicke Ende womöglich noch nicht mal erreicht.

Es kann noch teure Überraschungen geben

Das fürchtet jedenfalls ein Bauwissenschaftler, der schon mehrfach als Krisenmanager für Großprojekte gearbeitet hat. "Die Elbphilharmonie ist ein Unikat mit Elementen, die so noch nie hergestellt worden sind", warnt Professor Franz-Josef Schlapka, "da kann man im Vorgriff gar nicht alles abschätzen." Besondere Risiken sieht er bei der gewellten Dachkonstruktion kommen, die Orkane und Schlagregen aushalten muss. Und auch beim Großen Saal, der in dem Gebäude aufgehängt wird, kann es noch teure Überraschungen geben: Der federführende Akustik-Designer Yasuhisa Toyota gilt als besonders anspruchsvoll und kapriziös.

"Die Chaostage auf Kosten der Steuerzahler müssen endlich aufhören", fordert Norbert Hackbusch, Vorsitzender des Kulturausschusses im Parlament. Seine Linkspartei drängt mit den oppositionellen Sozialdemokraten auf einen Untersuchungsausschuss, in dem auch Ole von Beust Rede und Antwort zur jüngsten Entwicklung um das "Bürgermeisterdenkmal" (SPD) stehen soll.

Dann müsste er auch ein besonderes Geheimnis des "PPP"-Projekts erklären: Während sich die öffentlichen Kosten bisher verdreifacht haben und jetzt noch einmal um 40 bis 100 Millionen explodieren dürften, bleiben die privaten Geldgeber von dem Debakel ungeschoren und müssen kaum mehr investieren. Der Preis für Hotel, Gastronomie und Wohnungen, rund 125 Millionen, klettert nur um wenige Prozent.


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