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Krise in der Musikindustrie: Götterdämmerung auf dem Pop-Olymp

Die Plattenindustrie stirbt einen langsamen, qualvollen Tod. Dass sie den Vertriebsweg Internet viel zu lange belächelt hat, zeigt sich nun als ihr größter Fehler. Er öffnet Wege und Möglichkeiten in eine Zukunft, in der die Stars ihre Musik selbst vertreiben. Ist es das Ende der Plattenfirmen?

Von Katharina Miklis

Es war kein Lesbenkuss und auch keine inszenierte Hinrichtung. Für Aufsehen sorgte Madonna im letzten Jahr damit, dass sie als weltweit erster Musikstar bei einem Konzertveranstalter unter Vertrag kam. Nach einem Vierteljahrhundert Treue zu ihrer Plattenfirma Warner Music zog sie 2007 einen Schlussstrich und ging zum US-Konzert-Promoter "Live Nation". Eine Ohrfeige für Warner und die gesamte Plattenindustrie. Werden die, die jahrelang als Halbgötter fungierten und neue Musiktrends erschufen, jetzt plötzlich nicht mehr gebraucht?

Prince zum Frühstück, Spice Girls im Dessous-Shop

Madonna war 2007 nicht die einzige Pop-Ikone, die neue Wege in der Musikindustrie beschritt. Ex-Beatle Paul McCartney gab seiner Plattenfirma EMI im letzten Jahr den Laufpass und wechselte zur amerikanischen Kaffeehauskette Starbucks. Not amused zeigte sich auch das Major Label Sony BMG über Prince' Alleingänge. In Großbritannien legte er seinen Longplayer "Planet Earth" für lau der Sonntagszeitung "Mail on Sunday" bei (Auflage: zwei Millionen). Auch die Spice Girls schlugen beim Vertrieb ihres Best-Of-Albums einen ungewöhnlichen Weg ein. In den ersten drei Monaten nach der Veröffentlichung konnte man das Album in den USA nur im Dessous-Laden "Victoris's Secret" kaufen. Für das größte Aufsehen und eine Kehrtwende in der Musikindustrie sorgte jedoch die britische Band Radiohead. Die verzichtete einfach ganz auf die Vermarktung und den Vertrieb durch eine Plattenfirma, kehrte ihrem Label EMI den Rücken und stellte ihr Album "In Rainbows" im Oktober ohne Kopierschutz ins Internet. Freier Download für alle. Ob und wie viel die Fans für das Album zahlen wollen, war Radiohead-Mastermind Thom Yorke egal. So viel Gleichgültigkeit zieht. Über 1,2 Millionen Downloads soll es in den ersten zwei Tagen gegeben haben - und massenhaft kostenlose Werbung durch weltweite Medienberichte.

Das britische Unternehmen EMI ist jedoch nicht das einzige, das nach Auswegen aus der Musikmisere sucht. Auch Branchenkollegen wie die anführenden Global Player Universal und Sony BMG und eben auch Warner sind betroffen. Der "Fall Radiohead" zeigt besonders deutlich, dass eine der wichtigsten Aufgaben der Plattenfirmen nach und nach den Tod auf Raten stirbt: die Entdeckung neuer Talente. Die Zeiten, in denen Musiker bei den Labels Klinken putzen gehen oder sich von Trend-Scouts entdecken lassen mussten, sind vorbei. Darum kümmern sich die Stars von morgen nun selbst. Sie stellen ihre Songs auf Seiten wie MySpace.com und lassen sich von Musikfans entdecken, die genau wissen, was sie suchen. Und wo. Gnarls Barkley und die Arctic Monkeys haben es vorgemacht. So schnell, wie sich ihre Songs über das Netz verbreitet haben, so schnell konnten die Scouts der so genannten "Artist & Repertoire"-Abteilungen der Labels gar nicht gucken. In ein paar Stunden baut jeder Nerd einen lässigen Internetauftritt, über den die eigene Musik verkauft oder vorgestellt werden kann. Das kann der 14-jährige Möchtegern-HipHopper genauso wie der Megastar.

Süßer Duft von Freiheit und experimentellem Rebellentum

Ist es das Ende der Plattenfirmen? Der Wendepunkt in der Musikindustrie? Zumindest der ganz große Umbruch. Für die einen schwingt in den Entwicklungen der süße Duft von Freiheit und experimentellem Rebellentum mit. Wenn Plattenfirmen nicht mehr ansagen, was "in" ist, wenn die, die bisher immer bestimmt haben, wer unter Vertrag kommt, wer ganz groß raus kommt ... Wenn die nichts mehr zu sagen haben, was entsteht dann? Etwas Neues. Etwas Aufregendes. Auf jeden Fall wird es nicht langweilig. Und wenn der Trend, Musik wie Radiohead kostenlos ins Netz zu stellen, jetzt tausendfach kopiert und auch irgendwann langweilig wird, entsteht irgendwo auch schon der nächste Hype.

Den einen oder anderen mögen solche Entwicklungen melancholisch stimmen. Ist es nach dem Vinyl und der Kassette am Ende gar das Ende der CD? So weit wird es erstmal nicht kommen. Der Großteil der Musik wird nach wie vor auf CD verkauft. Auch Radiohead brachten zwei Monate nach dem Internet-Experiment ein reales Album in die Plattenläden. Und dieses Jahr wollen Thom Yorke und Co. auch wieder auf herkömmlichem Wege ein Album herausbringen. Beim Indie-Label XL Recordings. Ja, so ein richtiges. Zum ins-Regal-stellen. Zum Booklet durchstöbern und Staub abpusten. Zum Schleife darumbinden und verschenken. Zum Anfassen. Zum Hoffen.