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Krieg in Libyen: Die Götterdämmerung des Diktators

Die Zeit wird knapp für Muammar al-Gaddafi. Während die Rebellen weiter vorrücken, wird in Tunesien wohl über seine Zukunft und die seines Landes verhandelt. Inoffiziell gab es dort Gespräche der Konfliktparteien - offiziell werden sie heftig dementiert.

Exil in Südafrika? Oder doch besser bei den politischen Freunden in Venezuela? Libyens bedrängtem Machthaber Muammar al-Gaddafi wird wenige Tage vor dem 42. Jahrestag seiner Machtergreifung am 1. September allmählich die Zeit knapp. In einem Gefecht um die Hauptstadt Tripolis müsste er sich entscheiden: Endkampf oder Abgang durch die Hintertür? Seine Optionen werden zunehmend überschaubar.

Gerüchte über Flucht nach Algerien oder Tunesien

An Gerüchten mangelt es nicht. In Tripolis sah man Gaddafi schon auf der Flucht nach Algerien - ein Gerücht, das dort trotz der engen Kontakte auf Unglauben stieß. Die französische Sonntagszeitung "Le Journal du Dimanche" berichtete über andere Gerüchte, wonach sich Gaddafis Frau mit Tochter und Enkeln nach Tunesien abgesetzt habe.

Geheime Verhandlungen auf Dscherba

Eine offizielle Bestätigung dafür ist jedoch ebenso wenig zu erwarten wie für Geheimverhandlungen auf der tunesischen Urlaubsinsel Dscherba. Dort fanden vergangene Woche "Verhandlungen mit mehreren ausländischen Parteien" statt, wie es die nationale Nachrichtenagentur TAP ausdrückte. Neben den verfeindeten libyschen Parteien seien auch Südafrikaner, Venezolaner und Katarer dabei gewesen, meldete das französische Nachrichtenmagazin "Le Point". Obwohl selbst ein UN-Unterhändler sowie der französische Ex-Außenminister Dominique de Villepin auf Dscherba gewesen seien, dementierten alle betroffenen Parteien aber "Verhandlungsgespräche".

Der neue Ständige Vertreter der Rebellen in Paris, Mansour Saif al-Nasr, brachte es auf die Formel, dass "libysche Persönlichkeiten" miteinander über Libyens Zukunft redeten. Ob es auch um die von Gaddafi ging, ließ er offen. "Wie kann er in Libyen bleiben nach allem, was er getan hat? Das steht völlig außer Frage", hatte al-Nasr vor wenigen Tagen der Nachrichtenagentur dpa erklärt. "Selbst wenn es Treffen gegeben haben mag, dann dauerten die nicht lange, weil der Übergangsrat (der Rebellen) die Abreise Gaddafis und seiner Kinder fordert - und niemand in Gaddafis Umgebung kann darüber diskutieren."

Soll Gaddafi straffrei ausgehen? "Das muss der Internationale Strafgerichtshof entscheiden", meint al-Nasr. Doch wohin mit Gaddafi? Venezuelas Präsident Hugo Chávez erwähnt schon seit langem nicht mehr seine Initiative, eine Gruppe von Gaddafi-Freunden nach einer Lösung des Konflikts suchen zu lassen. Zu Beginn des Libyen-Konflikts war sein Staat als Exilland erwähnt worden, was damals aber dementiert wurde. Gaddafis Freunde in der Not sitzen eher in Afrika.

In Afrika hat Gaddafi hat noch Freunde

Der bizarre Oberst hatte auf der Höhe seiner Macht so manchem klammen afrikanischen Potentaten mit seinen üppig sprudelnden Petro-Dollars ausgeholfen. Auch südafrikanischen Politikern wurden in der Vergangenheit Bindungen zu Gaddafi nachgesagt, der zudem einst Vorsitzender der Afrikanischen Union (AU) war.

Zwar hatten die Afrikaner Gaddafis Vision der von ihm geführten Vereinigten Staaten von Afrika sehr misstrauisch gegenüber gestanden. Doch Südafrikas Präsident Jacob Zuma hat mehr als einmal klar gemacht, dass der Libyer als "Bruder" gilt und im derzeitigen Konflikt eine "afrikanische Lösung" zum Tragen kommen sollte. Wie die aussehen kann, hatte Südafrika bei seiner jahrelangen "stillen Diplomatie" im benachbarten Krisenland Simbabwe deutlich gemacht: eine "Lösung", die auf Zeit spielte und es dem bedrängten Amtsinhaber Robert Mugabe vor allem erlaubte, an der Macht zu bleiben und das Gesicht zu wahren.

Der Kap-Staat hat Erfahrung mit geschassten Politikern, wie der Fall von Haitis Ex-Machthaber Bertrand Aristide zeigt. Der lebte mit seiner Familie jahrelang auf Kosten des Steuerzahlers mit den Privilegien eines Ministers in Pretoria, bevor er wieder in seine Heimat abflog. Auch Mandate des Internationalen Strafgerichtshofs (ICC) müssen da kein Hinderungsgrund sein. Die Afrikanische Union hat bereits klargemacht, dass sie ICC-Haftbefehle nicht automatisch umsetzt. Der per Haftbefehl gesuchte sudanesische Staatschef Omar al-Baschir reiste mehrfach völlig problemlos in afrikanische Länder, obwohl sie alle die Statuten des ICC unterschrieben haben. Und auch Äthiopiens blutrünstiger Ex-Diktator Haile Mariam Mengistu lebt trotz einer Verurteilung in seiner Heimat seit Jahren ein unbehelligtes Luxusleben in Simbabwe.

Ralf E. Krüger/DPA / DPA