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Bürgerkrieg in Libyen Gaddafi soll auf der Flucht sein


Schüsse und Explosionen hallen durch Tripolis. In blutigen Kämpfen setzen die Rebellen zur Eroberung der libyschen Hauptstadt an. Gaddafi hat sich offenbar bereits abgesetzt.

Ein halbes Jahr nach Beginn des Aufstandes in Libyen hat augenscheinlich der Kampf um Tripolis begonnen. Die libyschen Rebellen haben nach eigener Darstellung bei blutigen Kämpfen Teile der Hauptstadt Tripolis unter ihre Kontrolle gebracht. Sie belagerten am Sonntag den Gebäudekomplex von Machthaber Muammar al Gaddafi, hieß es.

Möglicherweise hat der Diktator die Hauptstadt sogar bereits verlassen. Aus gut informierten Kreisen in Tripolis verlautete am Sonntag, der Staatschef und seine Familie hielten sich in einer Region unweit der algerischen Grenze auf. Dort würden sie von Angehörigen des Al-Orban-Stammes beschützt. Ihr Plan sei es möglicherweise, über die Grenze nach Algerien zu flüchten. Eine Bestätigung für diese Nachricht vonseiten der Rebellen gab es zunächst nicht.

Nato konzentriert Angriffe auf Tripolis

Der arabische Fernsehsender al Arabija hatte zuvor berichtet, die Aufständischen hätten Dutzende von Soldaten Gaddafis gefangen genommen. Ein Mitglied des nationalen Übergangsrats der Aufständischen sagte dem Nachrichtensender al Dschasira: "Die Rebellen in Tripolis haben sich erhoben." In der Rebellenhochburg Bengasi im Osten Libyens wurden die Nachrichten aus der Hauptstadt gefeiert.

Seit Samstagabend waren in Tripolis Explosionen sowie Gefechtslärm von leichten und schweren Waffen zu hören. Auch die Nato konzentrierte die Einsätze ihrer Kampfjets auf Libyens Hauptstadt. Die Maschinen der internationalen Truppen hätten alleine in Tripolis 22 Ziele angegriffen, berichtete die Nato am Sonntag in Brüssel. Attackiert wurden den Angaben zufolge mehrere Militäreinrichtungen, Lagerhallen, gepanzerte Fahrzeuge, Raketen und Raketenwerfer sowie Radarsysteme.

Kämpfe fordern offenbar viele Opfer

Die Aufständischen erlitten bei ihrem Vormarsch offenbar hohe Verluste. Allein bei den Gefechten im Stadtviertel Tadschura sind nach Angaben eines Rebellenführers laut al Dschasira mindestens 123 Aufständische ums Leben gekommen. Auch in anderen Teilen von Tripolis soll es Tote gegeben haben. Ihre Zahl war zunächst nicht bekannt. Neben Tadschura kontrollierten die Regimegegner nach eignen Angaben auch das Viertel Souk al-Dschumaa.

Wie ein Rebellensender berichtete, hätten die Kämpfer auch die Kontrolle über ein Waffendepot und den Internationalen Flughafen von Tripolis übernommen. Der Vorsitzende des Übergangsrates, Mustafa Abdul Dschalil, sagte al Dschasira, dass alle Aktionen vorbereitet und koordiniert seien. "Wir haben Kontakt zu Menschen im inneren Führungszirkel Gaddafis", sagte er. Alles deute darauf hin, dass "das Ende sehr nah" sei.

Durchhalteparolen von Gaddafi-Clan

Der Sprecher der libyschen Regierung, Mussa Ibrahim, bestätigte die Zusammenstöße in der Hauptstadt. Sie seien jedoch nach etwa einer halben Stunde unter Kontrolle gebracht worden. "Tripolis ist friedlich und vollständig unter Kontrolle der Armee", sagte er laut al Dschasira gegen Mitternacht (Ortszeit).

Während der Gefechte hatte sich Gaddafi mit einer im staatlichen Fernsehen übertragenen Audiobotschaft zu Wort gemeldet. Er bezeichnete die Rebellen als "Verräter" und "Ratten" und beschuldigte sie, Libyen zerstören zu wollen. Gaddafi rief seine Anhänger auf, in Massen die monatelange Rebellion zu beenden. Er betonte, dass die Rede nicht aufgezeichnet war, sondern live gehalten wurde und nannte als Beweis dafür das aktuelle Datum und die Uhrzeit.

Zudem bezichtigte Gaddafi europäische Länder, hinter dem libyschen Öl her zu sein. Der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy "will unser Öl", sagte Gaddafi. Das Staatsfernsehen zeigte während der Rede ein Video von einer kleinen Gruppe von Anhängern des Diktators, die Gaddafi hochleben ließen und Bilder von ihm küssten.

Gaddafi-Sohn Saif al-Islam erklärte in einer aufgezeichneten Rede, die am frühen Sonntagmorgen vom libyschen Fernsehen verbreitet wurde, dass die Führung "einen langen Atem" habe. "Wir werden uns nicht unterwerfen, wir werden den Kampf nicht beenden", sagte er.

Regime geht das Geld aus

Der Übergangsrat der Rebellen hatte in den vergangenen Monaten mehrfach erklärt, für die Eroberung von Tripolis setzte man auf den "Kollaps des Regimes" und die Unterstützung durch "geheime Zellen" von Sympathisanten in Tripolis. In den vergangenen Tagen hatten die Rebellen auf ihrem Vormarsch nach Tripolis große Geländegewinne erzielt. Im Osten stehen ihre Truppen rund 40 Kilometer von der Hauptstadt entfernt.

Auch wirtschaftlich zeigen die internationalen Sanktionen gegen Libyen und das Vordringen der Rebellen auf die Hauptstadt Wirkung. Den Banken in Tripolis geht das Geld aus. Staatsangestellte bekommen derzeit keine Gehälter mehr ausgezahlt. "Seit Donnerstag haben wir kein Geld mehr und wir wissen auch nicht, wann sich das ändern wird", sagte ein Bankangestellter in Tripolis am Samstag der dpa. Treibstoff und andere Güter sind schon länger knapp.

GSG 9 in Bengasi?

Unterdessen sollen sich Beamte der Bundespolizei-Eliteeinheit GSG 9 in Bengasi aufhalten. Das berichtet das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". Die Polizisten wurden dem Bericht zufolge in die Rebellen-Hochburg Bengasi entsandt, um dort den Schutz des deutschen Verbindungsbüros sicherzustellen. Das Büro war im Mai eingerichtet und Mitte Juni bei einem Besuch von Außenminister Guido Westerwelle (FDP) in Bengasi offiziell eröffnet worden.

kng/AFP/DPA DPA

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