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Sex-Skandal in Italien Berlusconis Götterdämmerung


Endzeitstimmung in Rom: Stürzt Berlusconi über Sexaffären? Staatsanwälte wollen ihn per Schnellverfahren vor Gericht bringen. Ob es dazu kommt, ist offen. Der Schaden ist schon da.

Silvio Berlusconi versinkt im Sumpf der Skandale. Prozesse um Korruption und Steuervergehen rollen jetzt neu an, und vor allem lassen die Mailänder Staatsanwälte in der jüngsten Sexaffäre um eine blutjunge Marokkanerin nicht locker. Sie wollen ein Schnellverfahren gegen den 74-jährigen Regierungschef. Die Punkte der Anklage: Amtsmissbrauch sowie Umgang mit minderjährigen Prostituierten. Ob es zu einem Prozess kommt, ist noch offen. Schon klar ist indessen: Der "Krieg" zwischen dem Mailänder Medienmogul und den bei ihm verhassten Staatsanwälten hat einen neuen Höhepunkt erreicht.

Italien will in ein paar Wochen den 150. Geburtstag des Landes feiern. Doch angesichts der Schlammschlacht in den Medien um wüste Partys in der Villa Arcore des Milliardärs herrscht eine Stimmung wie in einem untergehenden Reich. Der Mann, der so gern damit prahlt, die Attacken "linker" Staatsanwälte und Richter dutzendfach abgewehrt zu haben, steht vor der härtesten Konfrontation mit der Justiz. Den politischen Knoten könnten wohl nur Neuwahlen lösen, wie sie immer wieder und jetzt für Mai beschworen werden. Doch es ist Berlusconi, der sich (noch) dagegen sträubt. Seine langjährigen "Feinde" hätten gesiegt.

Der "Cavaliere" gibt sich kämpferisch und mit Untertönen des Selbstmitleids. "Ich bringe so viele Opfer im Dienste des Landes", sagt Berlusconi. Den "subversiven" Staatsanwälten wirft er von Rom aus vor, die Würde Italiens zu beschmutzen. Und wie schon öfter deutet er auf seine Weise an, auch hinschmeißen zu können. "Ich habe alle Ziele erreicht, bin ein reicher Signore, der sein Leben damit zubringen kann, Krankenhäuser für die Kinder in der Welt zu bauen." Millionen von Berlusconi-Gegnern sähen dies gern - wenn er es denn täte.

Eigentlich hatte Berlusconi diesen Mittwoch dazu auserkoren, seine wankende Mitte-Rechts-Regierung als den obersten Interessenvertreter des wirtschaftlich leidenden Landes zu profilieren. Berlusconi hat Steuererleichterungen und -vereinfachungen für die Unternehmen im Auge, um die nach der Krise nur mühsam wieder in Gang kommende Wirtschaft zu stützen. Immerhin hatten die Arbeitgeber ihm unlängst vorgeworfen, es bewege sich nichts, das Land sei durch die Regierungskrisen wie gelähmt. Doch die Mailänder Staatsanwälte haben ihm auch diesen Auftritt als "Patron" Italiens vermasselt.

Nun ist der "Fall Ruby" beileibe nicht der einzige Klotz am Bein des scheinbar unverwüstlichen Berlusconi. Im Januar hatten ihm die höchsten Richter seine "Quasi-Immunität" weitgehend entzogen, mit der er im vergangenen Jahr noch mehrere Prozesse weit vor sich her schieben konnte. In den nächsten Wochen sollen sie alle wieder fortgeführt werden. Mal geht es um mehr als 440 000 Euro, die er einst für Falschaussagen dem Anwalt David Mills gezahlt haben soll, mal um viele Steuermillionen. Doch seine Mannen im Parlament basteln - einmal mehr - an einem neuen Schutzschild für ihren "Cavaliere".

Die Ära des norditalienischen Geschäftsmannes, der in die Politik gegangen ist, begann vor 17 Jahren. Jetzt könnte Götterdämmerung für Berlusconi angesagt sein. Auch wenn es in Italien die Redewendung gibt, ihn nie zu früh abzuschreiben. Das zeigen alle Erfahrungen. Und wenn es Neuwahlen geben sollte, als Ausweg zumindest aus der Regierungskrise, könnte das Mitte-Rechts-Lager durchaus wieder gut dastehen, mit einer gestärkten rechtspopulistischen Lega Nord.

Und wie konnte das alles soweit kommen? Zu sicher scheint er sich gewesen zu sein, immer wieder die Wahlen gewinnen zu können. Zu sehr hat Berlusconi wohl auch gemeint, sich mit seinen Milliarden, der Wählergunst und ausgefuchsten Anwälten im Rücken alles erlauben zu können. Bis letzte Kapitel in dieser Berlusconi-Saga geschrieben werden, könnte aber noch recht viel Wasser den Tiber hinunterfließen. Und Italien weiter leiden - während das Ausland den Kopf schüttelt.

Hanns-Jochen Kaffsack, Dpa DPA

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