HOME

Mozart: The first King of Pop

In seinem kurzen Leben nahm er fast alles vorweg, was heute einen Star ausmacht: internationale Tourneen, hysterische Fans, große Hits, Sex und Sucht. Zum 250. Geburtstag geht der stern dem wilden Leben des Salzburger Genies nach.

Von Christine Claussen

Er war erst 35, als er starb. Bei seinem Tod waren nur seine Schwägerin Sophie und zwei Schüler bei ihm. Bei seinem Begräbnis auf dem St. Marxer Friedhof vor den Toren von Wien niemand außer den Sargträgern. Das Wetter war für Anfang Dezember unnatürlich mild. Nach der neuen Beisetzungsordnung Josephs II. senkten die Totengräber den Leinensack mit der Leiche Mozarts in ein Mehrpersonengrab. Seine Frau Constanze besuchte den Friedhof erstmals 17 Jahre später, da war das Grab schon lange aufgelassen. Niemand wusste mehr, wo Mozart lag. Außer "ein paar elenden Porträts, von denen keines dem anderen gleicht", so sein Biograf Alfred Einstein, "ist nichts Irdisches von ihm übrig geblieben".

Er ist der meistgespielte,

am heißesten geliebte Komponist der Welt. Kein anderer trifft seit über 200 Jahren so viele und so unterschiedliche Menschen mit seiner Musik ins Herz. Mit Marilyn Monroe, der Superdiva und Popikone, hat Mozart nicht nur ein irrwitzig beschleunigtes Leben und den frühen Tod gemein. Wie bei ihr wächst Mozarts Ruhm immer noch, je länger sein Leben zurückliegt. Die Vergötterung setzte wenige Tage nach seinem Tod ein, als sich - nein, nicht in Wien, sondern in der St. Niklaskirche in Prag - spontan 4000 Menschen versammelten, um ihrem Idol die letzte Ehre zu erweisen. Zwei Jahre später schrieb der Preußische Hofkapellmeister Johann Friedrich Reichardt durchsäuert: "Mozart war ein großes Genie (...). Aber das Gemozarte hat jetzt schier kein Ende."

Es wurden Mozart-Denkmäler gebaut, Mozart-Gesellschaften, Mozart-Wochen und Mozart-Festspiele gegründet und Filme gedreht mit Mozart als Musensohn und Götterliebling. Aber ihnen allen gelang nicht, was 1985 Milos Formans Film "Amadeus" schaffte: Das mit acht Oscars ausgezeichnete Epos vom hysterisch-infantilen und erotomanen Junggenie (Tom Hulce), das von seinem eifersüchtigen Rivalen Salieri vergiftet wird - dieser "Amadeus" wurde ein Kassenschlager: Noch im selben Jahr hatten 3,6 Millionen Deutsche den irre kichernden Rokokopunker, der ferkelt, furzt und Zoten reißt, in ihr Herz geschlossen.

Falco, bürgerlich Hans Hölzel und Österreichs einziger Rockstar, sattelte wenig später noch einen drauf: Sein "Rock Me Amadeus" ließ weit über Wien hinaus die Mädchen kreischen und ohnmächtig werden. Der Song verhalf dem damals 28-Jährigen zum internationalen Durchbruch - und Mozart, mitten im Bach-Jahr 1985, aus dem goldenen Käfig vornehm bestuckter Konzerthallen: Von nun an gehörte er nicht mehr allein feinsinnigen Klassikliebhabern, jetzt gehörte er allen. Darling Amadeus - Mozart King of Pop.

Es hätte ihn amüsiert, das Gewese um ihn. Er kannte das warme Gefühl im Sonnengeflecht, wenn die Fans einen auf Händen tragen. Es hätte ihn an seine "Zauberflöte" erinnert, den Wiener Riesenerfolg in Emanuel Schikaneders Volkstheater, als nicht mehr die High Society, sondern erstmals die Massen kamen. Oder an Prag, als seine Oper "Figaros Hochzeit" aufgeführt wurde. "Hier wird von nichts gesprochen als vom - figaro", schrieb Mozart an einen Freund, "nichts gespielt, geblasen, gesungen und gepfiffen als - figaro; gewis grosse Ehre für mich."

Über keinen anderen Komponisten wurde so viel geforscht, gedacht und geschrieben. Aber was wissen wir über ihn? "Je mehr man Mozart liebt, je mehr man sich mit Mozart beschäftigt", räsonierte schon Hermann Hesse, "desto rätselhafter wird seine Persönlichkeit." Nur dass seine Musik himmlisch ist, darüber gibt es keine Zweifel. Er hinterließ davon eine solche Fülle und Qualität, dass selbst nüchterne Betrachter ins Religiöse schweifen: "Ich glaube an Gott, Mozart und Beethoven", sagte Richard Wagner. Der Theologe Karl Barth schrieb, dass die Engel für Gott Bach spielen, für sich selbst aber Mozart. Und Goethe hielt Mozart schlicht für "ein Wunder, das nicht weiter zu erklären ist".

Würde dieser Wolfgang Amadeus Mozart, der seiner Witwe damals 2858 Gulden Schulden hinterließ, für die Aufführungen seiner Werke heute Tantiemen beziehen, so könnte er davon ganz Österreich kaufen. Keine Oper wird häufiger gegeben als seine "Zauberflöte", 17 Prozent der verkauften Klassik in Europa ist von Mozart - Beethoven und Schubert folgen mit Abstand. Unter den weltweit bekanntesten Begriffen liegt Mozart auf Platz zwei - vor Jesus Christus und gleich nach Coca-Cola. Selbst in China kennen mehr Leute "Mozhate" als den chinesischen Staatspräsidenten.

Zuletzt hatte die Wiener

Gesellschaft ihn fallen gelassen. Ihr Hätschelkind. Ihren Liebling. Warum? Als Komponist war Mozart in seinem letzten Jahr gefragter denn je: Neben Kleinerem entstanden ein Klavier- und ein Klarinettenkonzert, zwei Opern - "La Clemenza di Tito" und die "Zauberflöte" - sowie das "Requiem", über dem er starb. Denkbar ist, dass die Wiener auf Distanz gingen, weil Wolfgang Mozart das Leben zuletzt so auffällig wie unaufhaltsam entglitt - und am Ende der Mensch Mozart sich selbst.

"Zu viel oder zu wenig und keine Mittelstraße" - diese Neigung des Sohnes hatte Vater Leopold Mozart schon früh beklagt. Wolfgang verdiente in seiner Wiener Zeit sehr gut, selbst in seinem letzten Jahr waren es immerhin noch fast 5763 Gulden (etwa 144 000 Euro). Aber er hatte nie Geld, er gab es mit vollen Händen aus. Für erlesene Kleider? Reitpferde, Dienerschaft, ein Leben in Saus und Braus? Für einen Lebensstil, der dem seiner aristokratischen Kundschaft nicht nachstand? Gewiss, aber dafür hätte er nicht so horrende Summen benötigt, wie er sie in immer kürzeren Abständen von seinem Logenbruder Puchberg erbettelt: "wenn Sie bester Freund und Bruder mich verlassen, so bin ich sammt meiner armen kranken Frau und Kind verlohren."

Spielschulden könnten die Beträge erklären. Mozart war ein leidenschaftlicher Billardspieler "und spielte schlecht", so ein Zeitgenosse. Aber "wenn ein berühmter Billardspieler in Wien ankam, hat's ihn mehr interessiert als ein berühmter Musiker". Er spielte hoch und ganze Nächte durch. Noch gefährlicher für ihn war Faro, das Kartenspiel. Offenbar geriet Mozart hier in eine Gesellschaft, bei der er nicht mithalten konnte. Spielschulden aber sind Ehrenschulden, sie müssen sofort beglichen werden.

Oder brauchte er das Geld für sein "Stanzerl" - für seine Ehefrau Constanze also, für ihre Putzsucht und ihre ausgedehnten Kuren während seiner letzten Jahre. Je länger sie in Begleitung des Hausfreundes Franz Xaver Süßmayr wegblieb, desto mehr drückten ihn Geldsorgen, desto einsamer fühlte er sich. Schickte Mozart in seinen Briefen an Constanze dem Süßmayr anfangs noch "ein paar gute Nasenstüber und Schopfbeitler", so wird er bald deutlicher: "Mit N.N. (Süßmayr) machst Du mir zu freie..." Im Sommer 1791 ist er nur noch verzweifelt: "- ich kann Dir meine Empfindung nicht erklären, es ist eine gewisse Leere - die mir halt wehe thut, - ein gewisses Sehnen, welches nie (...) aufhört..." Und schließlich, kurz vor seinem Tod: "Mit dem N.N. mache, was du willst." Einiges spricht dafür, dass Süßmayr der Vater des 1791 geborenen zweiten Sohnes Franz Xaver Wolfgang ist.

Mozarts Aufstieg zum Star der Gesellschaft beginnt kaum ein Jahr nach seiner Ankunft in Wien 1781. Er brilliert als Komponist und Pianist, die adligen und bürgerlichen Salons reißen sich um ihn. Er genießt die Gunst des Kaisers, der seine Konzerte besucht und ihn mit Opern beauftragt. Lob kommt auch von "Papa" Haydn: "ihr Sohn ist der größte Componist, den ich von Person und den Nahmen nach kenne", sagt er zu Mozarts Vater, "er hat geschmack, und über das die größte Compositionswissenschaft." Mozarts Subskriptionskonzerte und Akademien sind enorme Erfolge. Die Biografin Dorothea Leonhart schätzt sein Einkommen im Jahr 1784 auf mindestens 10 000 Gulden - etwa 250 000 Euro.

Heute besitzt Mozart einer Studie der "Österreich Werbung" zufolge einen Marktwert von 5,4 Milliarden Euro - ein Superbrand, der noch vor L'Oréal, Volkswagen und MTV rangiert. Mozart ist der erfolgreichste Marketingname Österreichs. Immobiliengesellschaften, Seniorenheime, Kinos, Skiregionen, Luxus-Appartements - wo Mozart draufsteht, ist Gold drin. Von Mozart-Joghurt über Mozart-Jogginghosen bis zum BH, bei dessen Öffnen die Serenade für Streicher KV 525 "Eine kleine Nachtmusik" erklingt - alles zu haben.

"I bin so miad..." - am Wiener Burgtheater nimmt Franz Wittenbrink ("Sekretärinnen", "Männer") die hemmungslose Vermarktung Mozarts auf die Schippe. Die Arbeiterinnen in seiner "Mozart Werke Ges.m.b.H." sind kesse Zerlinas, die gelangweilt ihrer Arbeit am Band nachgehen. Von der Decke tropft Nougat, aus dem Verpackungskanal ploppen goldene Kugeln in eine Wanne: Plopp-plopp-plopp-plopp. "...so miiiad!" Der Fabrikbesitzer hört's nicht gern, man arbeitet gerade, rechtzeitig zum Mozartjahr, an der "größten Kugel der Welt". Mitten hinein in seine Mitarbeiter-Motivation - "Tolle Umsätze in Italien, nur in Kuba verkauf' ma nix" - platzt eine Gruppe Japaner, die das Werk besichtigt. Und die 94-jährige Fremdenführerin summt: "Männer suchen stets zu naschen..."

"Was für Deutschland die Fußball-WM, ist für Österreich das Mozart-Jahr", sagt Wittenbrink. Der Musiker-Regisseur, der "aus kleinen Liedern große Schmerztableaus zusammenfügen" kann (Joachim Kaiser), versteht seinen Abend als Liebeserklärung an den Komponisten: "Mozart hätte sich über den ganzen Kommerz furchtbar lustig gemacht."

Was soll's, solange

die Kugel rollt. In der Schokoladenfabrik in Grödig bei Salzburg sieht es wie bei Wittenbrink aus, nur dass die sechs Turbo-Frauen am Band so adrett ausschauen, als wollten sie gleich John Lennons "Working Class Hero" anstimmen. Sie sortieren die Nougatbatzerln der Firma Mirabell, Österreichs Marktführer in Sachen Mozartkugel. Macht nix, dass der deutsche Konkurrent Reber mit 150 Millionen Kugeln pro Jahr (aneinander gereiht eine Strecke von Salzburg nach Casablanca und retour) ein Drittel mehr produziert und dass die handgefertigte Kugel vom Salzburger Konditor Fürst die originale und delikateste ist: Nur die von Mirabell war schon im All, nur sie ist Botschafterin ihres Landes bei Österreichs EU-Ratspräsidentschaft in diesem Jahr.

Bis so eine Kugel rund ist - das Pistazien-Marzipan-Herz in zwei Schichten Nougat gewickelt, in Schokolade getaucht, gekühlt und in Staniol gekugelt -, dauert es zweieinhalb Stunden. Und zuletzt, da sind die sechs Mirabellen dran: Denn dass der Wolferl mit dem Gesicht nach oben in der Pappschachtel landet, das kann einem keine Maschine abnehmen.

Ja, ist er das denn?

Gern hätten wir uns den Mozart so hübsch vorgestellt. Aber er soll auffallend klein gewesen sein, 1,50 Meter, und eher unansehnlich. Auf einem schmächtigen Körper saß ein übergroßer Kopf. Bleiche, leicht blatternarbige Haut, die Nase groß und breit. In Wien sprach man von dem "enorm benasten Herrn Mozart". Dafür war sein Auge feurig, wenn auch der Blick oft zerstreut.

Er war ständig in Bewegung, hyperaktiv. Seine Hände waren schön und auch sein Haar, und er liebte es, sich erlesen zu kleiden. In seinem Nachlass fanden sich Röcke aus China- und Atlasseide, Pelzröcke und Schnupftücher aus Spitze. Er kleidete sich wie ein Kammerherr, aber sein Benehmen passte nicht immer dazu. Er galt als heiter, freundlich, enorm hilfsbereit und erschreckend naiv. Den Heucheleien und Intrigen der Gesellschaft, die ihn umgab, war er nicht gewachsen. "Ausser der Musick war und blieb er fast immer ein Kind", sagte seine Schwester später. Er war hochsensibel, reizbar, konnte sich wegen Nichtigkeiten erregen. Dann fuhr er wie Schießpulver hoch oder fiel zitternd in Ohnmacht.

Aber er war auch für seine giftigen Ausfälle berüchtigt, seinen Hochmut gegen Kollegen. Er wusste, dass er besser war, und zeigte es. Einmal improvisierte er im Salon der Schriftstellerin Karoline Pichler so überirdisch auf dem Klavier, dass alles den Atem anhielt, "auf einmal aber fuhr er auf und begann in seiner närrischen Laune über Tisch und Sessel zu springen, wie eine Katze zu miauen und Purzelbäume zu schlagen".

Noch mehr verstörte die Fans seine Lust an Zoten, seine unerschöpfliche Begeisterung für Scheißen, Furzen und Dreck - "o süsses Wort!" Nach der Devise: "Immer was gescheides macht kopfweh", reimte er im Kanon: "...gute Nacht, scheiß ins Bett, daß' kracht; gute Nacht, schlaf fei g'sund und reck' den Arsch zum Mund."

"...komponirt ist schon alles - aber geschrieben noch nicht", notiert Mozart einmal. Am besten arbeitete er, wenn um ihn herum Party war, Menschen und Trubel. Auch beim Kegeln, in der Kutsche oder beim Billardspiel. Im Grunde brachte er mit fliegender Feder bloß noch zu Papier, was er fertig im Kopf hatte. Die Niederschrift saß fast immer auf Anhieb, kaum je korrigierte er etwas, und manchmal erdachte er dabei schon eine neue Komposition. Meist war er in Zeitnot. Die Ouvertüre zu "Don Giovanni" schrieb er in Prag zwei Nächte vor der Premiere. Die Kopisten hatten kaum Zeit, sie abzuschreiben, das Orchester musste prima vista spielen, also ohne vorher geprobt zu haben.

Was muss Leopold Mozart,

ein angesehener Komponist, Verfasser einer berühmten Violinschule und Vizekapellmeister der fürsterzbischöflichen Hofkapelle in Salzburg, empfunden haben, als er gewahr wurde, dass an seinem Tisch in der Getreidegasse Nr. 9 ein kleines Monster saß? Ein übrigens liebenswürdiges und auffallend liebebedürftiges Kind, das mit drei auf den Klavierhocker kletterte, mit vier den ersten Unterricht erhielt, wobei es sensationell schnell lernte, und mit fünf seine erste eigene Komposition in die Tasten haute.

Es ist überliefert, dass Leopold gelegentlich Tränen über die Wangen rollten: Wenn er unter Tintenklecksen eine richtige, nur viel zu schwierig zu spielende Komposition seines Sechsjährigen findet. Wenn der Kleine bei einem Hauskonzert trefflich die zweite Violine streicht, obwohl er darin nie unterrichtet wurde. Oder wenn der Knirps hört - und niemand sonst -, dass die Geige des Hausfreundes Schachtner diesmal einen Viertelton tiefer klingt.

Leopold glaubt, er müsse "der Welt ein Wunder verkündigen, welches Gott in Salzburg hat gebohren werden. Ich bin diese Handlung dem allmächtigen Gott schuldig." Ein Testlauf nach München und an den Kaiserhof in Wien ist erfolgreich: "der Wolferl (ist) der Kayserin auf die Schooss gesprungen, sie um den Halß bekommen, und rechtschaffen abgeküsst". Maria Theresia schenkt dem Knirps eine Galauniform, der Adel ist ganz wild auf die Mozarts. Leopold beschließt, mit Tochter Nannerl, 10, und Wolfgang, 6, auf Tournee durch Europa zu gehen.

Die Wunderkind-Reise wird drei Jahre und fünf Monate dauern. Mit Diener und eigener Kutsche bereist die Familie viele Städte, darunter Frankfurt, Paris und London, wo sie über ein Jahr bleibt. Am Hof von Versailles entzückt der Wolferl Ludwig XV. und dessen Gemahlin, in London grüßt Georg III. den "Master Wolfgang" aus der Kutsche, da sind die Mozarts gerade 14 Tage da. Überall gerät das Publikum außer sich: das "größte Wunder, dessen sich Europa rühmen kann" (Anzeige Leopolds im Londoner "Public Adviser"), spielt prima vista, konzertiert mit verbundenen Augen oder verdeckten Tasten, errät aus einem Nebenraum die richtigen Noten oder spielt selbst komponierte Stücke.

Ein paar Jahre später müssen dem Jungstar in Italien "eigens Starke kerl" den Weg frei machen, in Verona schützen ihn Karmeliterpatres vorm entfesselten Volk. Als er in Mailand seine Oper "Mitridate" dirigiert, gibt das Publikum Standing Ovations: "Viva il Maestro! Viva il Maestrino!" Sein Sohn sei, "wie die Italiener sagen: alle Stelle!", schreibt Leopold nach Salzburg, will heißen: Höher geht's nimmer. Der Sohn füllt aufs Schönste die Familienkasse. Auf der großen Europatournee hatten sie gut gelebt und so viele goldene Taschenuhren und kostbare Ringe zurück nach Hause gebracht, dass ein Salzburger Klatschblatt neidisch berichtete: "Diese Reise solle ihnen gegen 20 000 f. gekostet haben: will es auch leicht glauben; aber was wird er wohl vor Geld gesamlet haben?"

"Mozart ist unbezahlbar!",

frohlockt Herbert Brugger, Salzburgs Tourismuschef. Mozart sells - und mehr denn je im Mozart-Jahr. Passt schon, dass da einige granteln wie Nikolaus Harnoncourt, der Stardirigent: "Die allgemeine Gesinnung für 2006 lautet: Was ist drin, wo ist noch etwas herauszupressen?" Dass Kenner wie der Musikkritiker Otto Brusatti warnen: Der Mozart laufe von selbst und brauche kein Mozart-Jahr.

Aber die Mozartstädte, die können halt sehr gut eins gebrauchen. Wenn Brugger nur an ein so betörendes Wort wie Umwegrentabilität denkt und dass jeder Festspielbesucher 220 bis 240 Euro täglich in Salzburg ausgibt und ein "normaler" Gast 130 - ja, muss man da nicht aufrüsten? Salzburg investiert 85 Millionen Euro ins Mozart-Jahr, davon allein 75 Millionen in Baumaßnahmen wie ein neues "Haus für Mozart", und wird im Sommer alle 22 Bühnenwerke des abtrünnigen Stadtsohnes aufführen: Da kommen noch einmal 46 Millionen Euro hinzu. Wien hat eigens einen Mozart-Beauftragten installiert und geht mit einem Ganz-Jahres-Programm für 40 Millionen Euro ins Rennen.

"Man wird die Albertina betreten, und es fliegt einem das Rokoko um die Ohren", frohlockt Herbert Lachmayer. Der Professor ist Direktor des Da-Ponte-Instituts für Don-Juan-Forschung und Librettologie und bereitet die große Wiener Mozart-Ausstellung vor. Er steht vor einem Mozart-Organigramm, das die Wand bedeckt, als schäume die Donau zu einem Walzer von Strauß: Kurven, Linien, Abzweige, Einbrüche. Mozarts Leben als Kraftfeld. Das Rokoko ist superaktuell, wird Lachmayer beweisen: "Schon die damalige Zeit war schnelllebig, vielsprachig, global und experimentierfreudig." Wie heutig Mozarts Leben war, das lasse sich zum Beispiel an der "klugen Karriereplanung Leopold Mozarts für seinen Sohn" ablesen.

Mozarts Vater kam bei den Biografen oft schlecht weg: ein Autokrat, der seinen Kindern keine Kindheit gönnte, ihnen noch das Letzte abpresste und sie auf beschwerlichen Reisen wie Äffchen herumreichte, natürlich um Kasse zu machen. Doch falls er wirklich ein Tyrann gewesen sein sollte, dann jedenfalls ein liebevoller, dazu einer, von dem man viel lernen konnte. Genie allein genügt nicht, wusste er, es muss gehegt und gepflegt und in die richtige Richtung gelenkt werden. Leopold Mozart, Sohn eines Augsburger Buchhändlers, war Wolfgangs Manager, Coach, sein Marketingstratege, PR-Agent und Chefdisponent.

"Gib alles, und du kannst alles erreichen", hieß seine Durchhalteparole. Leopold bringt Wolfgang, der nie eine Schule besuchte, Schreiben, Rechnen und Sprachen, sogar Latein, bei und sorgt für seine Allgemeinbildung. Die langen Reisen plant er wie ein Profistratege. Arbeitet Reiserouten aus, vermerkt Poststationen und Wechselkurse, legt eine genaue Liste möglicher Förderer an. Sorgt für ausreichend Kreditbriefe in der Reisekasse und für Empfehlungsschreiben, ohne die in der Fremde nichts geht. Bringt seine Kinder an die bedeutendsten Höfe, steigt mit ihnen im ersten Haus am Platz ab, sodass man ihre Ankunft bemerkt. Hält Kontakt zur lokalen Presse, sorgt dafür, dass bei den Auftritten auch Fachleute zugegen sind, denkt an Ruhepausen und Spaziergänge. Für den jungen Mozart kommt denn auch "nach Gott gleich der Papa".

Klar, dass damit irgendwann Schluss sein muss. 1777 reist Wolfgang erstmals ohne den Vater. Die Wunderkindzeit ist vorbei, die Reise des 21-Jährigen soll zu einer festen Anstellung an einem Fürstenhof führen. Doch statt "Ruhm, Ehre und Geld" zu erwerben, gerät Wolfgang, den nur die Mutter begleitet, in einen Freiheitsrausch. Es steigen in ihm, endlich und um ein paar Jahre verspätet, mächtig die Säfte. Statt artig an einem Hof vorzuspielen, vergnügt er sich erst in Augsburg mit seiner Cousine, dem "Bäsle", dann verliebt er sich in Mannheim unsterblich in eine 16-jährige Hübsche mit schöner Stimme, die Aloysia heißt. Als der besorgte Vater in Salzburg es schließlich erfährt, tobt er: "Fort mit Dir nach Paris! Und das bald, setze dich großen Leuten an die Seite - aut Caesar aut nihil!"

Ein letztes Mal gehorcht der Sohn. Aber über der Paris-Reise steht ein Unstern. Mozart findet zwar Arbeit, aber keine Anstellung. Eine Organistenstelle in Versailles schlägt er aus. Die Mutter stirbt, das Warten auf den Sohn in kalten, feuchten Gasthofzimmern hat ihre Gesundheit ruiniert. Widerstrebend, nach wochenlangen Verzögerungen und einer Abfuhr von Aloysia, kehrt Mozart mit 23 todunglücklich ins verhasste Salzburg zurück: Vater Leopold hat ihm eine Stelle als Organist im Dienst von Erzbischof Colloredo besorgt.

Irgendwann muss es knallen. Colloredo will seinen unzuverlässigen Angestellten disziplinieren und zitiert ihn zu sich nach Wien. Aber Mozart ist viel zu stolz und nach seinen Star-Tourneen durch Europa zu selbstbewusst, um devot zu buckeln und an der Tafel des Erzbischofs neben dem Küchenpersonal zu sitzen. Er reicht seine Kündigung ein - und wird mit einem Tritt in den Hintern ins Freie befördert. Mozart ist tief gekränkt - und jauchzt über die neue Freiheit: "ich versichere sie daß hier ein Herrlicher ort ist", schreibt er aus Wien, "und für mein Metier der beste Ort von der Welt."

Es wird bald noch einmal krachen. Als Mozart seinem Vater schreibt: "Die Natur spricht in mir so laut, wie in Jedem anderen, und vielleicht läuter als in Manchem großen, starken limmel", so soll das den Vater von der Dringlichkeit einer Eheschließung überzeugen. Leopold ist entsetzt. Denn Constanze, die 19-jährige Braut und Aloysias Schwester, ist eine der vier Töchter der liederlichen, dem Alkohol verfallenen Cäcilia Weber, die den Wolfgang, das Herzerl, schon in Mannheim skrupellos ausnahm. Der Vater spürt, wie der Sohn ihm entgleitet. Er fühlt sich um seine jahrelangen Anstrengungen betrogen, um all seine Hoffnungen und hochfliegenden Pläne.

An Constanze, seinem "liebsten besten Weibchen", wird Mozart zärtlich hängen bis zuletzt. Er wird auch Groupies und allerlei Liebschaften haben: "Wenn ich alle heyrathen müsste, mit denen ich gespasst habe, so müsste ich leicht 200 Frauen haben", sagte er einmal. Er ist schnell entflammbar - für Klavierschülerinnen und schöne Sängerinnen wie Nancy Storace. Mit der Frau des Logenbruders Hofdemel hat er eine stadtbekannte Affäre. Am Tag nach seinem Tod fand man Magdalena mit Schnittwunden im Gesicht, Hofdemel hatte sich die Kehle durchtrennt.

Mozart liebt viel.

Aber sein Herz und Begehren wird immer seiner "stanzi-marini" gehören: "richte dein liebes schönes nest recht sauber her, denn mein bübderl verdient es in der That", schreibt er 1789 aus Berlin an Constanze. Er hängt ganz von ihr ab, und ihr Einfluss ist unheilvoll: Sie entfremdet ihn dem Vater und der Schwester und verbiegt seine Karriere. Sie stürzt den Liebessüchtigen ins Unglück, indem sie sich ihm entzieht. Macht ihn zeitweilig lethargisch, arbeitsunfähig, lässt ihn verkommen. Aber künstlerisch entzündet ihre Gleichgültigkeit Mozarts Fantasie ungeheuer. Es gibt wohl keinen anderen Komponisten, der sich in den Höhen und Tiefen, in den Abgründen und Seligkeiten der Liebe und der Leidenschaft so auskannte wie er.

Als er starb - und es war weder Salieri noch der Süßmayr oder der Hofdemel, sondern eine Streptokokken-Infektion, verbunden mit falschen Aderlässen -, da probten sie mit den Freunden am Krankenbett noch bis zuletzt sein "Requiem". Mozart sang das Alto. Beim Lacrymosa begann er zu weinen.

Als er tot war, schien die Welt einen Moment lang innezuhalten. Bis sie begriff: Dieser dämonische Kobold mit dem liebebedürftigen Herzen, der sich am Ende so traurig davongemacht hatte, war eines der größten Wunder der Menschheit.

print