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Musikfernsehen im Internet: Die Erben von Kavka und Kuttner

Die Zeiten, als MTV und Co. in der Musikszene den Ton angaben, sind längst vorbei. Heute dominieren amerikanische Datingshows und Klingeltonwerbung die einstigen Musikhochburgen - Fans gucken ihre Musikclips längst woanders.

Von Carolin Neumann

Früher war Musikfernsehen noch anders: Auf MTV und Viva huldigten Markus Kavka ("MTV Spin"), Charlotte Roche ("Fast Forward", Viva) und Sarah Kuttner (Viva, später MTV) der Musik abseits des Mainstream. Nach und nach wurden deren Sendungen abgesetzt. Einzig Kavka durfte bleiben und sorgt seither alleine für das letzte bisschen musikalischen Anspruch bei MTV.

Wo früher Musiksendungen liefen, spielten die Sender auf einmal vor allem amerikanische Datingshows wie "Dismissed" oder "Date my mom". Mit dem neuen Programm, das eine noch jüngere Zielgruppe vor der Glotze fesseln sollte, stießen die einstigen Musikkanäle die Fans vor den Kopf. Also suchten die verlassenen Musikliebhaber ihr Glück im Netz und fanden es etwa bei Youtube oder MySpace. Dort hat sich die verloren geglaubte Musikkultur neu etabliert. Am gängigsten waren lange Zeit sogenannte Video-On-Demand-Angebote, also Seiten wie Youtube, auf denen der Nutzer Clips suchen und in einer Favoritenliste zusammenstellen kann. Doch es geht noch besser: Immer öfter gibt es online auch komplettes Rund-um-die-Uhr-Musikfernsehen wie zu besten MTV-Zeiten.

Indie-Rock statt Schnuffel und Schnappi

BUNCH.TV ist so ein 24-Stunden-Musikprogramm im Internet, die wohl beste Alternative zur lästigen Invasion der Klingelton-Kuscheltiere. Statt Schnappi laufen hier Musiksendungen für jeden Geschmack, mal Reggae, mal Hip Hop oder Indie-Rock. "BUNCH.TV" zeigt "was anderswo nicht zu sehen ist, weil es zu hart, zu schnell, zu laut oder zu leise ist", heißt es dort. Statt der breiten Masse bedient der Livestream jede Nische mit ihrer Musik und darüber hinaus Interviews, Berichten und Kritiken.

Sender-Gründer Stephan Faber war früher bei Viva und Viva2 und wagte sich mit "BUNCH.TV" vor zweieinhalb Jahren in eine Marktnische vor. "Zunächst haben wir alle Programminhalte wild durcheinander gespielt", sagt Faber, "und das richtige 24-Stunden-Programm" gibt es erst seit Sommer 2006." Zum neuen Konzept gehören vor allem die zahlreichen "Camp"-Sendungen wie "Camp Black" für Heavy Metal-Fans oder "Camp Blue" mit elektronischen Beats. In den letzten Jahren konnte "BUNCH.TV" seine Nutzerzahlen so verfünfzigfachen.

Wem bei "BUNCH.TV" die Lust aufs laufende Programm im Livestream vergeht, der kann wie beim echten Fernsehen weiter zappen - nämlich zu seiner eigenen Playlist. Hier können längst vergangene Sendungen oder Clips aus dem Archiv individuell zusammengestellt werden. Die meisten sind kostenlos, nur wenige müssen mit einem sogenannten Bunch Code freigeschaltet werden. Davon gibt es aber für die Registrierung erst einmal 200, die dann eine ganze Weile reichen. Lästige Ladezeiten gibt es an einem gut ausgestatteten Computer nicht. Damit schlägt "BUNCH.TV" Angebote wie Youtube um Längen.

Entfesselter Musikboss

Ebenfalls rund um die Uhr Musik zeigt Motor TV, der Web-Sender des Berliner Labels "Motor Music". Auch hier dominieren kleine Independent- und Alternative-Musiker. Ein besonderes Herz hat der Sender für deutsche Künstler und Newcomer, die ihre Musikvideos sogar selbst im On-Demand-Programm platzieren können. Kein Wunder: "Motor"-Gründer Tim Renner hat als früherer Chef von Universal Deutschland selbst erlebt, wie große Plattenfirmen mit kleinen Künstlern umspringen: "Shareholding is killing music. Die Großkonzerne im Musikbusiness sind heutzutage alle börsennotiert und deshalb denken die Manager sehr kurzfristig. Was nicht sofort gute Ergebnisse bringt, hat keine Chance", sagt Tim Renner. Viel Zeit sich zu entwickeln haben neue Acts also nicht und so bleiben häufig Talente im Quartalspoker auf der Strecke. Nicht so bei "Motor", das ist seine Mission.

Abgesehen von Wortbits wie "Künstler erklären die Welt" ist der "Motor TV"-Livestream im Grunde nur bebildertes Radio, was jedoch nicht bedeutet, dass die Macher es nicht besser können. Vielmehr ist genau dieser Minimalismus das Motto des Senders: "Das Ganze ohne viel Gequatsche und Getue", heißt es auf der Homepage. Übersichtlich, kompakt und natürlich gleich per Download-Funktion mit dem hauseigenen Musikvertrieb verbunden, ein multimediales Netzwerk eben. Nach eigenen Angaben zählt "Motor TV" 100.000 Klicks pro Monat und damit mehr als die Hälfte aller Klicks der "Motor"-Welt.

Musik vom Balkon

Das Kulturmagazin BalconyTV besticht nicht mit Masse, sondern mit einer ausgefallenen Idee: Hier quetschen sich auch schon mal fünf oder sechs Mann plus Instrumente auf den kleinen Balkon, der als Bühne fungiert. Angefangen hat das Ganze vor zwei Jahren in Dublin, wo drei junge Iren ihren Balkon in ein Freiluftstudio verwandelten. Kein dreiviertel Jahr nach Sendestart wurde "BalconyTV" Dublin bereits mit dem Irish Digital Media Award in der Kategorie "Best Music Website" ausgezeichnet. Die Expansion war nur eine Frage der Zeit und so kam "BalconyTV" als erstes auf die Reeperbahn in Hamburg, weitere Balkonstudios in aller Welt sind auch schon in Planung.

Jeden Tag gibt es bei "BalconyTV" einen neuen Clip. Nach nicht mal zwei Jahren sind es insgesamt schon über 1000, die täglich bis zu 8000 Klicks zählen. Obwohl sich offiziell auch "Puppenspieler, Komiker und Flohdompteure" bewerben dürfen, sind die meisten Balkongäste dann doch Musiker. Neben vielen lokalen Künstlern waren in Hamburg auch schon Größen wie die Brit-Popper von "Ash" zu Besuch. Im September feiert "BalconyTV" sein Einjähriges und will sich jetzt vermehrt an namenhaftere Musiker heranwagen. Kleine Acts sollen aber weiter im Fokus stehen: "Wir wollen ja Aufmerksamkeit gerade für die bieten, die sie noch nicht haben. Denen hilft es aber natürlich, wenn wir mal Fettes Brot oder so bei uns hätten", sagt Johanna Leuschen, die "BalconyTV" importiert hat. Die meisten Kontakte werden über MySpace geknüpft - also auch hier ein Herz für Plattenvertrag-lose mit Potenzial.

Versammlung des Pop-Olymp im Netz

Solche Nischen bietet das Internet wahrlich genügend. Doch auch wer lieber Mainstream-Musik à la Rihanna oder Ich+Ich hört, wird im Web fündig. Spätestens seit immer mehr Musiker ihren verstaubten Plattenfirmen den Rücken zukehren wie etwa Popgöttin Madonna letztes Jahr, suchen auch die Major-Labels ihren individuellen Weg ins Internet.

Sony BMG bietet zum Beispiel in der Musicbox sein gesamtes Repertoire zum Reinhören, Anschauen und Runterladen an. Da findet sich neben Klassikern von Johnny Cash bis Marianne Rosenberg auch alles, was das "Deutschland sucht den Superstar"-Casting je hervorgebracht hat. Mitstreiter Universal Music geht sogar noch einen Schritt weiter. Das Unternehmen startete im April einen eigenen Web TV-Sender. Urban.TV ist dem Titel entsprechend eher in der urbanen Ecke anzusiedeln und spielt ununterbrochen HipHop, R'n'B und Soul von Universal-Stars wie Kanye West und Mary J. Blige. Von "BUNCH.TV" bis "Musicbox": im Internet findet jeder sein Pläsierchen. MTV spielt vornehmlich zwischen Mitternacht und dem frühen Vormittag noch Musikvideos. Da klingt ein ausgedehnter Schlaf doch wesentlich verlockender, als für eine kleine Dosis Musik die Nächte vor der Glotze zu fristen. Dem World Wide Web sei's gedankt.