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Musikmesse Popkomm: Nackte Mädels als Keyboardständer

Mike Oldfield im traditionsreichen Teldex-Studio, Knorkator mit nackten Frauen als Keyboardständer oder die neuen Tokio Hotel: Während der Popkomm in Berlin treten an vier Abenden 450 Bands vor Fans, Fachbesuchern aus aller Welt und Presse auf. Wie Künstler die Gelegenheit nutzen, sich oder ihre neuen Werke zu präsentieren.

Von Kathrin Buchner

Man muss schon zweimal hingucken: Sind die tatsächlich echt oder sind es Schaufensterpuppen, so unbeweglich halten sie das Instrument. Nein, sie bewegen sich doch. Nackte Frauen, kniend, die Keyboards tragen. Die Berliner Rock-Krawall-Musik-Comedy-Truppe Knorkator mit Faible für rasierte Köpfe und Ganzkörper ködern das Publikum mit Mafia-Methoden: nackte Frauen als Keyboard- Ständer und Papiergeld, das sie ins Publikum werfen. Obendrein gibt es auch noch Freidrinks für alle geladenen Gäste der offiziellen Popkomm-Eröffnungsparty in der Kulturbrauerei.

Nach Brasilien, Spanien und Frankreich ist in diesem Jahr das Gastland der Popkomm - kein Scherz - Deutschland. Den Fokus auf den eigenen Markt lenken, lautet die Devise. Und deswegen wird auf der offiziellen Eröffnungsparty alles aufgeboten, was die deutsche Musiklandschaft zu bieten hat: neben besagten Knorkator treten die NuMetal-Newcomer Nevada Tan auf, Schauspielerin und Sängerin Jasmin Tabatabai, die Chanson-Sängerin Annett Louisian und die MyVideo-Casting Show-Gewinner Schimpanzen mit knackigem HipHop.

Cinema Bizarre im Japan-Look à la Tokio Hotel

Die schillernden Köpfe gehen der deutschen Musikszene garantiert nicht aus. Die neuen Tokio Hotels stehen schon bereit. Tatort Pan Am Lounge im Eden Hochhaus gegenüber des Berliner Zoos. 60er Jahre Retro-Style, Nierentische, Landschaftstapeten, Empfangsdamen im Cinema Bizarre sind fünf Jungs, die viel Wert auf Styling legen. Einer sieht aus wie eine junge Kopie von Marilyn Manson mit langen schwarzen Haaren, weißgeschminktem Gesicht und rotem Lippenstift. Die andern haben bunte Strähnen am Kopf, weiße Felljacken, spitze schwarze Schuhe. Angelehnt an die japanische Stilrichtung des Visual Kei, was so viel bedeutet wie "viel Wert auf sein Äußeres legen". Angelehnt an Figuren wie sie in japanischen Manga-Comics zu sehen sind. In Deutschland berühmt geworden durch Tokio Hotel, weswegen sich die fünf Jungs von Cinema Bizarre auch nachsagen lassen müssen, eine billige Kopie davon zu sein. Zwischen 17 und 22 Jahre sind sie alt, stammen aus allen Ecken der Republik, haben sich bei einer Games Convention kennengelernt, über Jahre hinweg übers Internet Kontakt gehalten und eine Band aufgebaut. Mittlerweile wohnen fast alle in einen WG in Berlin Friedrichshain. Über Foren und MySpace haben sie schon viele Fans gewonnen. Am Montag erscheint die erste Single. Erste Tendenz: Top-Ten-Einstieg.

Nicht nur Youngster, auch "Oldies" präsentieren diese Tage ihre neuen Werke: Wie ein Prophet breitet er die Arme über das Mischpult, das so breit ist wie zwei Pianos nebeneinander. Mike Oldfield, 53, stellt einer Handvoll Journalisten seine neue CD vor. "Music of the Spheres". In den Teldex-Studios in Berlin Lichterfelde wurde früher berühmte Orchester für die Plattenfirmen Telefunken und Teldec Classic aufgenommen. Während in der Küche seine schwangere Frau und sein dreijähriger Sohn Malbücher ausfüllen, erzählt Oldfield wie er in monatelanger Feinarbeit die verschiedenen Tonspuren zu einem stimmigen Ganzen verbunden hat, wie er einen exzellenten Pianisten gesucht hat und Lang Lang gefunden hat, wie er einst zufällig in Leonard Bernstein gerannt ist und wie schwer es ihm fällt, Titel für seine Kompositionen zu finden. Ob die Aufnahmen jemals wieder so gut klingen wie aus den riesigen Studioboxen, ist zweifelhaft. Schade eigentlich, trotzdem sehr hörenswert, wer Klassik mag.

Billy Bragg ist Loverman

"I don' t want to change the world, I'm just looking for New England" - mit diesem hymnenartigen Song wetterte er vor vielen Jahren gegen Thatcher und ihren erzkonservativen Regierungsstil. Billy Bragg steht wie kaum ein anderer für Popmusik, die politisch ist, für einen Künstler, der sich nie korrumpieren lassen hat. Eine Kultfigur. Nur mit Gitarre steht er auf der Bühne des Kesselhauses der Kulturbrauerei und sagt als erstes: "Ich bin nicht nur ein politischer Musiker, sondern auch ein Loverman". Und rockt los mit rauem Timbre mit Songs, die nicht nur in de Kopf, sondern auch in die Hüften gehen. Respekt!

Am schönsten ist es ja immer auf solchen Musikfestivals, wenn man auf unerwartet freudige Überraschungen trifft. Bands, die einem mit fantastischem Sound aufhören lassen. Absynthe Minded sind fünf Jungs aus Belgien. Neben Schlagzeug, Gitarren und Keyboard spielen sie Kontrabass und Geige auf der Bühne. Small Faces meets Apocalyptica. Psychedelisch angehauchter Sound mit einem Schuss Klezmer. Treibend, wild und mitreißend .- ein absoluter Geheimtipp!