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Neue Musik aus Island: Das sind die Erben von Björk

In punkto Kaufkraft, Bildung und Lebenserwartung übertreffen die Isländer die ganze Welt. Auch aus popkultureller Sicht ist das nordische Minivolk eine Größe. Viel zu lange haben die viel versprechenden Bands im Verborgenen geschlummert: Jetzt startet das Land der Elfen eine regelrechte Musikoffensive.

Von Verena Stöckigt

Auch wenn die Isländer das Internet "Weltverflechtung" nennen, in ihre Gemeinderäte Geister-Beauftragte wählen und das Telefonbuch nach Vornamen sortieren - man sollte sich davor hüten, diese Spleens belustigt zu kommentieren. Die rund 316.000 Bewohner der Vulkaninsel leben mit ihren Eigenarten weit besser als Japaner, Franzosen, Amerikaner, Italiener und Deutsche zusammen. Doch nicht nur mit körperlicher Fitness und Smartheit können die Insulaner glänzen, auch in popkultureller Hinsicht können sie mit ihrer Evolution zufrieden sein.

Neben Björk haben sich inzwischen Sigur Rós als feste Größe in der internationalen Poplandschaft etabliert und unverbrauchte Geheimtipps lauern im Verborgenen. Das soll sich jetzt ändern, denn die Isländer starten eine regelrechte Musikoffensive. Neben Sigur Rós veröffentlichen zwei jenseits des nördlichen Polarkreis noch unbekannte, aber nicht minder begabte Künstler neue Alben: Mugison und Ólafur Arnalds. Der eine spannt vor Tourneen ein komplettes Dorf zum CD-Pressen ein. Der andere wird mit 20 Jahren bereits von Belgiens Vorzeige-Designer Dries van Noten mit einer Komposition beauftragt.

Sigur Rós - Sprachkurs auf MySpace

Doch beginnen wir mit den augenblicklich noch berühmteren Kollegen: Sigur Rós. Das Vierergespann gehört zu den talentiertesten, elegantesten, aber auch kompromisslosesten Bands der Gegenwart. Einen Auftritt in der Talkshow von David Letterman lehnte sie ab, weil sie ihren mit Streichern und Bläsern verzierten Postrock nicht auf die fernsehtauglichen drei Minuten kürzen wollten.

Mit Journalisten reden die Isländer generell nicht gerne - zu oft müssen sie die Frage nach der Korrespondenz von Musik und Natur beantworten. Dabei haben Sigur Rós das Klischee des kauzigen Musikers, der seine Songs im Einklang mit der Natur komponiert, entscheidend mitgeprägt. Im letzten Jahr veröffentlichten sie die DVD "Heima", die als Hommage an Islands nebelverhangenen Bergketten, glitzernden Wasserfällen und dampfenden Geysiren interpretiert werden darf.

Im Juni 2008 legt das Quartett der Welt sein fünftes Masterpiece zu Füßen. Das Werk, das zunächst nur als Download angeboten wurde, spielten Sigur Rós mit einem 67-köpfigen Sinfonieorchester unter anderem in einem umgebauten Schwimmbad ein. Wie die Vorgänger-Werke ist es wieder mit einem unaussprechlichen Titel, "Með suð í eyrum við spilum endalaust" ("Mit einem Surren im Ohr spielen wir endlos weiter") gesegnet. Für die korrekte Aussprache hinterlegte die Band diesmal allerdings einen kleinen Phonetik-Kurs auf ihrem MySpace-Profil.

"Elfen sind Bullshit!"

Während Sigur Rós mit Millionen verkaufter Tonträger und einem MTV Video Music Award auf dem Regal längst im Mainstream angekommen sind, zählt der 20-jährige Ólafur Arnalds noch zu den Geheimtipps Nordeuropas. Auch wenn sein Äußeres und seine kammerorchestralen Arrangements etwas von elfengleicher Zartheit haben, für Ólafur Arnalds "ist das ganze Elfen-Ding Bullshit." Er glaubt stattdessen lieber an Geister. Das wird den Isländern sozusagen in die Wiege gelegt, wie er im Interview mit stern.de erklärte.

Genau wie Sigur Rós stammt Arnalds aus Mosfellsbaer, einem Vorort von Reykjavik. Der Multi-Instrumentalist tobte sich in zwei Hardcore-Projekten aus, bevor er durch Filme wie "The Green Mile" und "A Beautiful Mind" seine Liebe zur Klassik entdeckte und den Seminaren in Schlagzeug- und Jazztheorie an der Kunstakademie noch "Klassische Komposition" hinzufügte. Bevor Arnalds den ersten Soundtrack schreiben konnte und sein Debüt ("Eulogy For Evolution") vergriffen war, bat ihn Stardesigner Dries van Noten um die musikalische Begleitung einer Fashionshow in Paris. Seitdem geht es bei dem jungen Isländer und seinem kleinen Kammerorchester rund. Die Tour zu seiner neuen EP "Variations of Static" führte ihn gerade bis nach New York, im August begleitet er Sigur Rós durch Deutschland.

Die Vor- und Nachteile vom Leben im Minivolk

Wenn Mugison zu einer Tournee aufbricht, gerät das ganze Dorf in Bewegung. Es müssen CDs produziert werden! Egal ob Kinder, Hausfrauen oder Senioren, alle müssen ran. Im Schichtdienst werden Booklets gefaltet, Songtexte eingetütet, CDs gepresst und wenn die Gemeinde ihren Mugison dann nach Deutschland verabschiedet, dürfen sich die Freunde des bärtigen Blues-Bruders über ein handgefertigtes Exemplar des mittlerweile dritten Albums "Mugiboogie" freuen.

Das ist keine liebenswerte Marotte, die "Do-It-Yourself"-Methode gehört in Island zum Musiker-Alltag. Bei gerade mal 316.000 Einwohnern, lohnt sich die Suche nach einer Plattenfirma meist nicht, denn allzu viele Exemplare müssen nicht gepresst werden, um in die Verkaufscharts einzuziehen. Doch die geringe Zahl an Einwohnern gereicht nicht immer zum eigenen Vorteil. "Man sollte andere Bands nach Möglichkeit nicht kopieren. Die Chance, sie eines Tages beim Bäcker um die Ecke zu treffen, ist einfach zu groß", rät Mugison, der mit seinem Vater - einem ambitionierten Karaoke-Sänger - ein eigenes Plattenlabel betreibt. Mit "Mugiboogie" im Rucksack muss der 32-Jährige Plagiatblamagen nicht fürchten: trotz Reminiszenzen an Trent Reznor, Tom Waits und Beck Hansen bleiben seine Songs Unikate.