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Tokio Hotel: "Wer die Kacke findet, ist selber Kacke!"

Kreisch, kreisch, in-Ohnmacht-fall - es ist nicht einfach, die Faszination der Schüler-Rockband Tokio Hotel zu begreifen. Ein Blick hinter die Teenie-Front.

Von Andrea Ritter

Es ist bloß Magdeburg, aber es fühlt sich an wie Bürgerkrieg. Draußen ballert Radio RTL stumpfe Bässe in den milchigen Winter, drinnen laufen verkabelte Männer rum, tragen Schwarz und gucken ernst. "Schön, dass Sie meine Einsatzpläne übernommen haben", sagt einer in sein Handy. Dann sagt er noch etwas von "verdeckten Ermittlern" und "Ausschreitungen". Das klingt nach Großeinsatz und Gefahr und passt irgendwie ganz gut in die Magdeburger Stadthalle - ein martialischer Backsteinbau, eine Trutzburg gegen das, was draußen wartet: mehr als 4000 kleine Mädchen mit Erdbeer-Lipgloss und Hüfthosen. Die Fans von Tokio Hotel. Ein Sicherheitsrisiko.

Magdeburg ist ein Heimspiel für Tokio Hotel - die Band kommt von hier. Das bedeutet: noch mehr Mädchen, die behaupten, die beste Schulfreundin der Jungs zu sein, und die sich mit viel "bitte, bitte" in die Halle schleichen wollen. "Hundert besoffene Punker sind mir lieber als zehn von denen da", sagt ein Ordner. "Alle minderjährig und voll von 'ne Rolle. Da musste Augen haben wie 'n Luchs. Sonst: Teufels Küche." Er schiebt eine Gardine zur Seite und guckt aus dem Fenster. Hätte er besser nicht getan. Denn sobald sich an einem der Hallenfenster etwas bewegt, geht es draußen wieder los: Sie schreien. Erst einzeln, dann alle zusammen. Könnte ja sein, dass sich - hiiiiihhhh! - einer von der Band sehen lässt.

Der Auftritt ist das vorletzte Konzert der "Schrei Tour 2005", die am 4. Februar direkt in die "Schrei Tour 2006" übergeht. Noch nie hat ein Name besser gepasst: Sie haben in Köln geschrien, in Wien, in München und in Leipzig, Tausende Mädchen am Rand der Besinnungslosigkeit in jeder Stadt. Eine Fan-Gemeinde, die besondere Sicherheitsmaßnahmen braucht: Damit sich die inbrünstigen jungen Damen nicht gegenseitig zerquetschen, werden vor der Bühne drei extrabreite Abstandsgräben eingerichtet und Sicherheits- und Rettungspersonal verdoppelt. Sämtliche Zigarettenautomaten müssen abgeklebt werden. Es herrscht striktes Alkoholverbot. Sonst: Teufels Küche.

Helfer verteilen Früchtetee an die bibbernden Mädels. Manche stehen schon seit zehn Uhr morgens vor der Tür. Das Konzert beginnt abends um halb acht. Manche sind nur zum Kreischen gekommen. Karten gibt es längst nicht mehr. Warum? Blöde Frage. "Weil, die sind sooo süß! Die sind das Beste, was es gibt", fiept Julika, 15, aus Kassel.

Jungs treten auf, Mädchen kreischen - das war schon bei den Beatles so. Dass eine so junge deutsche Band ein solches Kreisch-Inferno auslöst, hat es allerdings seit den 80er Jahren und "The Teens" nicht mehr gegeben. Die Tokio-Hotel-Frontzwillinge Tom (Gitarre) und Bill (Gesang) Kaulitz sind im vergangenen September 16 geworden, Gustav (Drums) ist 17, Georg (Bass) immerhin schon 18. Viele ihrer Fans sind allerdings gerade erst dem Schnappi-Alter entwachsen und werden von ihren Müttern an der Hand gehalten. Das mag für Außenstehende so absurd wirken wie der schwarze Haarbalken im Gesicht von Sänger Bill, ist wirtschaftlich gesehen aber plausibel: Neben Metal-Fans sind Mädchen zwischen 10 und 16 Jahren die wohl treueste aller Zielgruppen der Musikindustrie.

Mit Tokio Hotel hat die Plattenfirma Universal Music das richtige Produkt zur richtigen Zeit gefunden - ein bisschen wild und trotzdem kuschelig. Der Erfolg: gewaltig. Von null auf Platz eins die erste Single "Durch den Monsun" im vergangenen August, das Album "Schrei" bereits dreimal vergoldet. Es gab einen "Bambi", den "Echo", den "Comet".

"Schra-hei! Bis du du selbst bist", brüllen die Mädchen draußen den Refrain der Hit-Single "Schrei". Dazu recken sie die Arme in die Luft und machen das Teufelszeichen. Sieht lustig aus, aber Vorsicht: Tokio-Hotel-Fans sind Spott gewohnt und schlagen zurück, wenn jemand die, nun ja, musikalische Qualität ihrer Idole bezweifelt. "Wer die kacke findet, ist selber kacke", sagt Linda, 14. "Kacken-scheiß-kacke", ergänzt Caro, 15, und ihre Freundin Laureen, 15, erläutert: "Wir finden alle scheiße, die die scheiße finden. Und die, die die scheiße finden, finden uns scheiße." So ist das.

Die erbitterte Süß-versus-scheiße-Diskussion ist der zweite Bestandteil des Phänomens Tokio Hotel. "Inszenierung", "Marketing-Hype" und "Retortenband" schimpfen erwachsenere Musikhörer über den Erfolg der Band. Und vergessen, dass früher auch nicht alles besser war: Bei populärer Musik ging es schon immer um Künstlichkeit und Inszenierung - selbst bei Punkrockern wie Malcolm McLarens Sex Pistols.

Das Erfolgsrezept hinter Tokio Hotel ist einfach: Erstens singen sie deutsch und schwimmen damit auf der perfekten Welle von Gruppen wie Juli oder Silbermond. Zweitens können Tokio Hotel im Gegensatz zu gecasteten Tanzformationen tatsächlich Musik machen und haben als Band so etwas wie eine "Geschichte". Und weil Casting mit Tanzen langsam "out" ist und Authentizität mit Gitarren "in", sorgt das Management dafür, dass die frühe Beschäftigung der Jungs mit Musik und coolem Auftreten regelmäßig Thema in der "Bravo" ist. Da ist Schlagzeuger Gustav mit elf beim Trommeln zu sehen oder der 13-jährige Bill Kaulitz mit Piercings. "Devilish" hieß ihre Band damals, und Konzerte gab es auch schon.

Vor zwei Jahren,

kurz nachdem sich Bill Kaulitz bei der Sat-1-Sendung "Star Search" beteiligt hatte, erkannte ein Produzenten-Team aus Hamburg das Potenzial - und formte Tokio Hotel: eine Band, die aussieht wie eine Mischung aus Green Day und Bambi und klingt wie Nicoles "Ein bisschen Frieden" auf Grunge.

Wenn man den - hiiiiihhhh - Backstage-Bereich von Tokio Hotel betritt, erscheint die ganze Aufregung ohnehin seltsam. Für "Deutschlands Rockband des Jahres" (Bravo) gibt es Kinderriegel und Milky Way, Kakao und naturtrüben Apfelsaft. Der Star, also der Bill, also der mit der Haarsträhne, möchte aber lieber ein Marmeladenbrötchen, und sofort eilt eine Bandbetreuerin los und schmiert es ihm. Sechs Stunden vor Auftrittsbeginn sieht Bill schon genauso aus wie auf der Bühne. Motorrad-Lederjacke, hängende Jeans, schwarzer Nagellack, schwarz umrandete Augen, getuschte Wimpern, gepudertes Näschen. Eine märchenhafte Gothic-Elfe. Großartig. Wie lange braucht er dafür? "Ach, nur 'ne halbe Stunde", sagt er mit dem gleichen Handgelenkschwung, mit dem Friseure eine "echt praktische Frisur" anpreisen.

Und wie fühlt sich das an, wenn man von so vielen Mädchen angehimmelt wird? Bill reißt die Augen auf und schwärmt: "Unsere Fans sind so wahnsinnig lieb. Das ist ganz toll." Bruder Tom ist etwas direkter. "Total geil. Aber hier sind gar nicht so viele. Normalerweise zelten die vor der Tür." Ah ja. Und wie geht ihr damit um? Die rufen doch sogar, dass sie ein Kind von euch wollen? Schüler Tom kennt sich aus mit den Ritualen des Rock-Business: "Das sagt man halt so, als Fan. Die Mädchen sind uns aber schon früher hinterhergelaufen. Da waren wir noch nicht berühmt." Wie, früher? Mit zwölf? "Nee, mit zehn."

Vielleicht liegt es an ihrer Freundschaft, dass die Jungs all dem Wirbel um sie herum mit einer gespenstischen Souveränität begegnen. Vielleicht müssen sie sich dafür auch gar nicht anstrengen, weil die Welt um sie herum eine Kinderwelt sein will. All die Promoter, Betreuer und Manager mit ihren Turnschuhen und schräg gegelten Frisuren: Tokio Hotel Backstage ist ein bisschen wie betreutes Wohnen in einer Jugend-WG.

Der einzige Erwachsene

ist Seki, der Security-Chef. Der Herbergsvater, der alles im Griff haben muss, die kreischende Masse draußen und zwei zappelige Mädchen drinnen. "Denkt daran, was ich euch gesagt habe", erinnert er Sandy und Madeleine. "Nicht schreien. Einfach weiteratmen." Sandy und Madeleine sind die glücklichen Gewinnerinnen des heutigen "Meet and Greet" von Viva. Gleich werden sie durch eine Tür gehen. Und Tokio Hotel gegenüberstehen. Bei so viel Glück kann man schon mal komplett verstummen. Oder hyperventilieren. Hat Seki alles schon erlebt. Doch Sandy und Madeleine stellen sich ganz gut an. Freundliches Händeschütteln, wo kommt ihr her, wie war die Fahrt, ach, ihr seid mit den Eltern hier, mögen die auch die Musik? Es gibt einen Kuschelbär für Bill und ein Handy-Foto für alle. Dann werden die Mädels wieder rausgeschoben und den Jungs 45 Minuten Ruhe verordnet.

Und wenn das mit dem Erfolg mal vorbei ist? Den Jungs von Tokio Hotel ist das egal. Sie feiern die Party ihres Lebens, für ein Jahr frei von Schule und Eltern. Später wollen sie Abitur machen, vielleicht studieren. Über alles andere denken wohl nur Erwachsene nach.

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