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Nachruf

Zum Tod des Fotografen: Er hat sich nie verstellt. Erinnerungen an Peter Lindbergh

Im Alter von 74 Jahren ist Peter Lindbergh verstorben. Unser Autor kannte ihn gut - und erinnert sich an die gemeinsame Zeit.

Von Jochen Siemens

Peter Lindbergh

Zuerst ist mir das mit Marilyn Monroe wieder eingefallen. Und dann, wie gut er Vogelgezwitscher nachmachen konnte. Und dann noch, wie wir einmal an einem Abend in New York waren, es war die Halloween-Nacht, und auf der Straße liefen sie alle als Monster, Geist, Alien oder sonstwie verkleidet herum, und Peter Lindbergh kaufte uns beiden zwei Monster-Gummimasken und wir gingen Steaks essen, saßen da also mit herausbaumelnden Gummiaugen und grünen Kratern im Gesicht und aßen.

Ein paar Stunden vorher hatte Lindbergh am Strand von Long Island noch für den stern ein damals gerade berühmt werdendes Model, das Gisele Bündchen hieß, fotografiert, und weil ein kühler Wind wehte, hatte irgendjemand Gisele eine dicke, grob gestrickte helle Jacke geliehen, und sie sah einen Moment aus wie Marilyn Monroe auf einen ihrer letzten Fotos, und Lindbergh sagte das zu Gisele Bündchen, die sich freute und dann fragte: "Wie wer?" Ich glaube, genau in der Sekunde machte Lindbergh sein Foto.

Peter Lindbergh suchte den Moment der Ehrlichkeit

Denn das war der Moment, den er immer suchte. Den Moment der Ehrlichkeit, den Moment des wahren Gesichtes. Und eine Gisele Bündchen, die fragt, wer Marilyn Monroe war, kann nicht wahrer gucken. So war das auch später einmal in Paris, eine alte Fabrikhalle und fünfzehn junge russische Models, manche erst seit ein paar Tagen im Westen, neue Gesichter für die Modewelt, manche von ihnen machte später große Karrieren. Aber an diesem Morgen saßen sie schüchtern da, kannten diesen Lindbergh nicht und verstanden kein Wort, das gesprochen wurde. Und als Lindbergh dann hinter seiner Kamera stand wie ein ulkiger Bär und es mit "smile!" versuchte, verstanden sie es als Befehl und lächelten kurz, verklemmt oder gar nicht.

Und dann fing er an, hinter der Kamera zu tänzeln, flötete, gurrte und zwitscherte wie fünf verschiedene Vögel, und das kannten die Mädchen aus Russland überhaupt nicht und bekamen sich nicht mehr ein vor Lachen. Und Lindbergh tänzelte und zwitscherte weiter und fotografierte dabei und es wurden wieder Bilder wahrer Gesichter.

Zum Tod des Fotografen: Wahrhaftigkeit statt Perfektion - die Kunst des Peter Lindbergh
Uma Thurman, New York, 2016

Uma Thurman, New York, 2016

 

Das muss man alles erzählt oder erlebt haben, um zu ahnen, dass die Welt der Bilder ohne Peter Lindbergh eine andere sein wird. Eine, an Wahrhaftigkeit ärmere, was in der Welt der Mode wie ein Widerspruch klingt, denn Mode kennt eigentlich keine Wahrhaftigkeit, sondern nur die Verkleidung. Und ein Gesicht, auch ein prominentes, ein Star-Gesicht, sollte für das Kleid, die Uhr und sonstwas werben, es sollte die Hülle prominent machen, nichts weiter.

Lindbergh hat sich nie verstellt

Aber Peter Lindbergh hatte das nur am Rande oder auch gar nicht interessiert und er drehte das Gesetz mit seiner List um: Das Kleid oder die Uhr oder das Parfum machten das Gesicht noch prominenter, als es schon war und verschwanden beinahe dahinter und darunter. Weil Lindbergh bei wirklich jedem Bild, das er machte, eine Wahrhaftigkeit, Nähe, ja, einen Charakter zeigte, der unendlich viel mehr erzählte, als es ein Armani-Kleid oder eine Breitling-Uhr je könnten. 

Lindbergh wusste genau, wie er das machte, und es war noch nicht einmal ein gespieltes Wissen mit Eitelkeiten. Lindbergh hat sich in seinem Leben nie verstellt. Er war so, kaum im Raum, meist in heller Hose und Jeanshemd, verschwand jede Hierarchie, er verströmte sofort eine Aura von Freundlichkeit und von, sei es noch so kurz, Freundschaft. Hier, vor meiner Kamera, ist nichts zu befürchten. "Wer zu mir kommt, weiß, dass es kein hässliches Bild wird", sagte er einmal. Und sie kamen alle zu ihm. Sie kamen nicht über Agenten oder Manager, nein, wer in Hollywood, New York oder Paris etwas war, hatte die Nummer von "Pieter". Penelope Cruz, Nicole Kidman, Cindy Crawford, die Liga oben also, rief direkt bei ihm an, "Pieter, I need some pictures." 

Ich habe ihn einmal gefragt, ob er ein wenig stolz auf diese Verbindungen wäre und was er sagen würde, wenn Penelope Cruz in dieser Sekunde anrufen würde und alle mithören könnten. Er lächelte und meinte: "Na ja, ich würde nicht sagen, ich rufe zurück. Sonder eher: Oh Penelope, du bist es!" 

Ein 3D-Effekt des Sinnlichen

Zu Lindberghs Einzigartigkeit kam die Einfachheit seiner fotografischen Technik hinzu. Er, der Sohn aus Mannheim, der eigentlich Brodbeck hieß und sich den Künstlernamen Lindbergh beim Blättern in einem Telefonbuch aussuchte, fotografierte in beinahe altmodischer Manier. Ihm reichte ein Strand, ein schwarzer Hintergrund aus Stoff, eine Fabriketage oder einfach nur eine New Yorker Straße. Das war seine Kulissen und weil ihn schon am Kino das "wie haben sie das gemacht" faszinierte, schaffte Lindbergh immer eine Perfektion mit dem Bruch von Perfektion: Scheinwerfer waren zu sehen oder Kabel lagen herum, mit der Unperfektion schaffte er sozusagen einen 3D-Effekt des Sinnlichen.

Fast immer in Schwarz-weiß, alte Fotoschule, die Seele eines Menschen formt ihn, schafft Falten und Haltungen, aber sie färbt ihn nicht. Oder anders gesagt, Farben können lügen, Formen nicht. Was, und da kommt man in das späte Werk Lindberghs, nochmal sein vielleicht größter Triumph wurde, war seine große Kunst, Schönheit vom Alter zu entkoppeln.

In seinem Buch "Untitled 116" und im Pirelli Kalender 2017 zeigt er Frauengesichter, von Pina Bausch über Jeanne Moreau oder Julia Roberts oder Jennifer Lopez als Momente eines Lebens und eines Schaffens, das, egal ob in der Jugend oder im Alter, die Schönheit des Charakters wie in einer Skulptur festhält. "Peter hat mich als Einziger so gezeigt wie ich bin", sagte einmal Linda Evangelista über ihren Entdecker Lindbergh, "was beängstigend für mich war: Es war unglaublich hart, Ich zu sein."

Peter Lindberg hat bis kurz vor seinem Tod noch gearbeitet, eine Reihe seiner letzten Fotos waren Helene Fischer für die deutsche "Vogue" und zuletzt stand Uma Thurman vor seiner Kamera. Der Verlust für die Welt der Fotografie ist kaum zu beschreiben. Die Fotografie, an dessen erstem Gesetz, wahrhaftig zu sein, mit immer mehr Manipulation, Filtern und Photoshop-Trug gezerrt wird, hat einen ihrer größten wahren Meister verloren. 

Hier können Sie zwei stern Fotografie Ausgaben von Peter Lindbergh bestellen:

stern Fotografie Nr. 47 (2007)

stern Fotografie Nr. 29 (2002)