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Interview

Kabarettist: "Selbst Schuld": Das sagt Serdar Somuncu zum Fall Özil

Der Kabarettist Serdar Somuncu spricht im stern über die Fehler, die in der Angelegenheit Özil gemacht wurden - und erkärt, weshalb er selbst den türkischen Pass abgegeben hat.

Serdar Somuncu

Der Kabarettist Serdar Somuncu hat 1992 seinen türkischen Pass abgegeben und die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen.

Herr Somuncu, Mesut Özil hat offenbar den türkischen Präsidenten als Trauzeugen zu seiner Hochzeit eingeladen.
Da kann ich nur sagen: Selbst Schuld. Ich glaube, dass das Geklüngel mit den Mächtigen sich auch rächen kann. Wenn Mesut Özil jetzt wirklich glaubt, dass Erdoğan ihn begünstigt oder sein Kumpel ist, dann dauert es nicht mehr lange, bis er mal was sagt, was Erdoğan nicht in den Kram passt. Und dann möchte er ihn ganz sicher nicht mehr als Trauzeugen haben. 

Im Sommer letzten Jahres hat Mesut Özil seinen Rücktritt aus der deutschen Nationalmannschaft bekannt gegeben. Ist seine Hochzeit und wen er dazu einlädt nicht Privatsache?
Das finde ich nicht. Özil ist immer noch deutscher Staatsbürger und eine Symbolfigur. Es geht um die Frage, ob sich in Deutschland lebende Türken mehr mit der deutschen Nationalität identifizieren oder mit der türkischen. Mesut Özil wird immer mehr zu einem Paradebeispiel dafür, wie diese Doppelexistenz, die inzwischen viele Türken in Deutschland führen, zum Normalzustand wird. Er hat keine Scheu davor, das offen zur Schau zu tragen. Ich finde das sehr schade, weil das Angebot in Deutschland, Teil der Gesellschaft zu werden und sich zu integrieren, ein sehr großes und gutes ist. Wer das ausschlägt wie Özil und stattdessen die Nähe zu jemanden wie Erdoğan sucht, der in seinem Land diktatorische Strukturen errichtet, dem kann man leider nicht mehr helfen. 

Mesut Özil sagt, es würden zwei Herzen in seiner Brust schlagen. Ein deutsches und ein türkisches. Haben Sie Verständnis für diese bi-nationale Zerrissenheit?
Ich habe dafür großes Verständnis, aber ich verstehe nicht, warum man dann solche symbolische Akte vollziehen muss. Ist ja okay, wenn jemand sagt: Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich Deutscher oder Türke bin. Aber dann treffe ich mich nicht mit Angela Merkel noch mit dem türkischen Präsidenten. Weil er sich somit ja faktisch entschieden hat. 

Sie selbst haben 1992 ihren türkischen Pass abgegeben und die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen.
Ja, weil ich die Frage leid war, ob ich jetzt Türke oder Deutscher bin. Ich wollte eine Klarheit für mich haben, um mich auch bewusst auf das Leben in Deutschland einzulassen. 

Mesut Özil sagt: "Wenn ich gut spielte, war ich ein Deutscher. Wenn ich schlecht spielte, war ich wieder der Türke." Hat er Recht?
Ja, das kenne ich aus eigener Erfahrung. Wenn ich mit einem Auftritt für einen Skandal sorgte, hieß es oft: Ich solle dahin gehen, wo ich herkomme. Doch damit kann ich leben. Das muss ich aushalten. Es wird ja nichts dadurch besser, wenn ich mich nicht entschiede, wozu ich gehören will und ich mir dann aussuche, was ich bin, je nachdem, wie es gerade passt. 

Wie kommt es, dass viele Deutsch-Türken Erdoğan nicht als das sehen, was er ist: ein Autokrat, der einen unrechtmäßigen Krieg gegen die Kurden führt, ein Despot, der die Pressefreiheit einschränkt und jeden Reporter, der nicht seiner Meinung ist, ins Gefängnis steckt. 

Erdoğan hat ganz bewusst die türkische Gemeinschaft in Deutschland gespalten. Er handelt nach dem Motto: Entweder ihr seid für oder gegen mich. Özil ist dafür ein gutes Beispiel. Der hat sich auf seine Seite geschlagen. Aber viele Türken stehen jetzt zwischen Tür und Angel. Sie wissen nicht, in welche Richtung sie weiterlaufen sollen. Ich würde mir wünschen, dass die Debatte um Erdoğan weniger hysterisch, sondern sachlich geführt wird. Denn dann kann man nur zu einem Ergebnis kommen: Erdoğan ist nicht der Heilsbringer, als der er sich präsentiert, sondern ein Autokrat, der jeden zum Schweigen bringt, der etwas gegen ihn sagt. 

Der Agent von Mesut Özil, Erkut Söğüt, der in Hannover aufwuchs und heute in London lebt, sagt: "Wer in Deutschland dazu gehören will, der muss sich assimilieren, so werden wie die Deutschen. Polen können und andere können das, aber Türken nicht, weil wir eine andere Kultur und Religion haben."
Wenn dieser Satz von Thilo Sarrazin stammen würde, dann würde er sich wahrscheinlich darüber aufregen. So sagt er es selbst und will andere damit aufregen. Das halte ich für eine plumpe Provokation. Wir sind in Deutschland doch inzwischen viel weiter. Aber hinter solchen Sätzen stecken oft auch Kränkungen, denn beide Seiten haben Fehler gemacht. Helmut Kohl zum Beispiel, der nach den Anschlägen in Solingen und Mölln seinen Besuch verweigerte. Oder die Terrortaten der NSU. Bevor man auf die NSU kam, hat man die Täter erst einmal unter den Migranten gesucht. Das hat viele türkische Menschen verletzt  und sie in eine Isolation getrieben. Erdoğan nutzt diese Situation geschickt aus.  

Gibt es im Rückblick einen Schuldigen im Zerwürfnis zwischen Özil und Deutschland?
Es wurden auf allen Seiten Fehler gemacht. Ich empfand es naiv und dumm von ihm, sich als Nationalspieler mit dem türkischen Präsidenten ablichten zu lassen. Auch wenn man bedenken muss, dass für einen Erdoğan-treuen Türken so ein Treffen einer Audienz beim Papst gleicht. Aber ich glaube Mesut Özil bis heute nicht, dass er nicht ahnte, dass so ein Bild auch eine hochbrisante politische Dimension hat. Aber es wird da immer auch mit zweierlei Maß gemessen, denn auch andere Sportler wie Boris Becker oder Lothar Matthäus haben sich schon mit afrikanischen Diktatoren oder Putin ablichten lassen. Da war der Aufschrei jedoch ziemlich gering.

Was lief im Fall von Özil schief?
Nach der verpatzten WM war die Stimmung in Deutschland extrem aufgeheizt. Da kam der hysterischen Öffentlichkeit einer wie Özil, der sich kurz vor der WM mit Erdoğan getroffen hatte, als Sündenbock für die Pleite gerade Recht. Aber auch der DFB hat sich damals auch nicht mit Ruhm bekleckert. Die haben nachgetreten, obwohl man jahrelang fair und erfolgreich zusammen gearbeitet hatte. Die haben sich nicht vom Sponsor Mercedes distanziert, obwohl der damals in einen Abgasskandal verwickelt war, und haben gleichzeitig Özil zur Symbolfigur der WM-Pleite gemacht. Wir können nur eins aus dem Fall Özil lernen: mit der Integration sind wir noch lange nicht am Ende. 

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