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TV-Kritik

"Anne Will": Jerusalem-Konflikt: Warum dieser Historiker Trumps Entscheidung lobt

Bei Anne Will wurde Donald Trumps Jerusalem-Entscheidung diskutiert. Da kann man einer Meinung sein, muss man aber nicht. Am Ende ging es wie immer darum, dass der US-Präsident schwer einzuschätzen sei. 

von Andrea Zschocher

Historiker bei "Anne Will": "70 Jahre Fehlschlag einer Politik sind doch kein Grund für eine Fortsetzung"

"Was Sie nicht alles wissen, Herr Wolffsohn", entfuhr es Anne Will, als Historiker Michael Wolffsohn in dem Talk zur Frage nach der Außenpolitik von Donald Trump wiederholt zu weitschweifigen Ausführungen ansetzte. Das Problem dabei: Weitschweifige Antworten sind nicht immer inhaltsreich. An diesem Abend kreisten alle Gäste über der Frage: Wie entwickelt sich der Nahost-Konflikt? Denn nach Trumps Verkündung Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, ist fraglich, wie sich das auf den Konflikt auswirken wird.

Trumps Vorgänger im Amt hatten dank des "Jerusalem Embassy Act" die Frage nach der Hauptstadt immer wieder verschoben. Das Gesetz sieht vor, dass die USA Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkennen und ihre Botschaft auch dort ihren Sitz hat. Weil Bill Clinton, um die Friedensgespräche 1995 nicht zu gefährden, aber diesen Schritt nicht ging, sahen sich auch die folgenden US-Präsidenten nicht zu einer Entscheidung gedrängt. Die Umsetzung des Gesetzes wurde alle sechs Monate per Unterschrift ausgesetzt, die aktuelle Sicherheitslage gäbe keine andere Lösung her. An der Sicherheitslage hatte sich eigentlich nichts geändert, als Trump letzte Woche verkündete, dass er nun sein Wahlversprechen einlösen und Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkennen würde. Trumps Entscheidung: Lächerlich oder mutig?

"Anne Will": Historiker Wolffsohn begrüßt den Trump-Vorstoß

Als "ridiculous", lächerlich, bezeichnete Schriftstellerin Irene Dische diese Entscheidung. Bereits die Vorgabe für ein Botschaftsgebäude, das neben einer gewissen Größe auch weitere Auflagen erfüllen muss, würde dafür sorgen, dass es keine Botschaft in Jerusalem geben wird. Aber, so Dische, es war "die perfekte Gelegenheit bei seinen Wählern zu punkten." Wer nicht wirklich punkten konnte, war die Schriftstellerin selbst. Statt inhaltlich etwas zur Diskussion beizutragen, zog sie sich zurück. Nach knapp 30 Minuten schwieg Dische ganz.

Ganz anders Michael Wolffsohn, der nicht müde wurde sein Wissen als Historiker zur Schau zu stellen und aufzuzeigen, dass es im Prinzip ja keine Lösung für den Nahost-Konflikt gäbe. Mit einem Seitenhieb auf Will, die ihm "verboten" hätte für sein Buch zu werben, ließ er sich schließlich auf die Aussage festnageln, dass die "Zwei-Staaten-Lösung nicht praktikabel" sei. Israel und Palästina, so Wolffsohn, könnten unter keinen Umständen zum Frieden gezwungen werden, daher begrüße der den Vorstoß Trumps.

Historiker bei "Anne Will": "70 Jahre Fehlschlag einer Politik sind doch kein Grund für eine Fortsetzung"


Özdemir: Zwei-Staaten-Lösung macht Israel sicher

Wohin das aber führen soll oder was nach dem Vorstoß kommt, um den Konflikt zu lösen, das blieb offen. Mehr würde der geneigte Leser dann in seinem Buch finden, für das er ja bei Anne Will nicht werben durfte. Es ist ja durchaus bezeichnend, wenn von einer Politiksendung vor allem im Gedächtnis bleibt, dass ein Historiker versuchte sein Buch zu bewerben.

Auf Lösungen fokussiert war Grünen-Chef Cem Özdemir, der mehrfach darauf hinwies, dass die Zwei-Staaten-Lösung Israel sicher machen könnte. Für ihn war aber klar: "Am Ende eines Friedensprozesses kann eine Botschaft in Jerusalem stehen". Für den Moment aber, da war er sich mit dem luxemburgischen Außenminister Jean Asselborn einig, sollte keine Nation Trumps Beispiel folgen.

"70 Jahre falsche Politik sind kein Grund sie fortzuführen"

Für beide Politiker war bei allen Ausführungen der "Flickenteppich" rund um Jerusalem das Hauptproblem. Selbstverständlich seien die Siedler Teil des Konfliktes. Aber so zu tun, als sei dies das einzige Problem in Israel wäre doch etwas sehr kurz gedacht.

Woraufhin der Historiker wieder ins Rennen kam, der nicht müde wurde darauf zu verweisen, dass niemand Israel und Palästina zum Frieden zwingen kann. Wolffsohn sprach sich gegen eine Weiterführung der Bemühungen nach dem jetzigen Muster aus, denn "70 Jahre Fehlschlag einer Politik sind doch kein Grund für eine Fortsetzung". Deswegen sei die Anerkennung von Jerusalem als Hauptstadt eine Idee, Bewegung und neue Sichtweisen zu präsentieren. Wie aber diese Bewegung letztlich endet, ob Frieden einkehren wird oder sich die angespannte Lage weiter verschärft, das wusste auch der Historiker nicht zu beantworten.


Ein Willy Brandt-Zitat zu dessen Ostpolitik streute er dennoch ein. "Wer die Realität überwinden will, muss sie zuerst anerkennen"", sagte er, woraufhin sich Anne Will zur eingangs erwähnten Aussage hinreißen ließ. Bei "Anne Will" wurde also einmal mehr deutlich, dass Trump unberechenbar bleibt und die Auswirkungen seines Handelns im Weltgeschehen nicht absehbar sind. Wird seine Entscheidung für Israel den Nahost-Konflikt verschärfen, wie es im Moment erscheint, oder werden Gespräche in Gang gesetzt?