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TV-Kritik

"Anne Will" zum Kohleausstieg: "Die Menschen wollen überleben" - Hofreiter schürt die Klimaangst

Der Kohleausstieg soll 50 Milliarden Euro kosten. Wer aber bezahlt das? Werden die Strompreise immer weiter steigen? Welche Szenarien drohen außerdem? Anton Hofreiter befürchtete bei "Anne Will" jedenfalls das Schlimmste.

Von Sylvie-Sophie Schindler

TV-Kritik: Anne Will

Bei "Anne Will" ging es am Sonntagabend um die Klimawende und was diese so mit sich bringt

Nicht nur Arthur Schopenhauer hat eine Lebensweisheit nach der anderen rausgehauen. Nun ist auch Anton Hofreiter in die Liga der Philosophen aufgestiegen. "Ich glaub, die Menschen wollen am Ende überleben“, gab er sich am Sonntagabend bei "Anne Will“ tiefsinnig. Doch der Grünenpolitiker hatte auch ein bisschen Nostradamus drauf und weissagte die Apokalypse. "Wer 10, 20 Jahre alt ist, hat zu Recht Angst." Denn: seien die Jungen erstmal alt, dann werde "die Welt so schrecklich sein“. Panik aber müsse man nicht haben. Aber vielleicht, so die Anmerkung der Autorin, jede Menge Kerzen vorrätig. So wie die Rentnerin, die im Einspieler gezeigt wurde: Weil sie sich den Strom nicht mehr leisten kann, beleuchtet sie ihre Räume nun nachts mit Kerzenlicht. Ein Szenario, das immer mehr Menschen droht? Denn: Die Strompreise steigen jährlich. Wird das so weitergehen? Und erst recht, weil die Energiewende ja irgendwie bezahlt werden muss?

Mit Anton Hofreiter, der in Sachen Kohleausstieg und erneuerbare Energien den "wüsten Zickzackkurs der Bundesregierung“ beklagte, saßen mit in der Runde: Umweltaktivistin Antje Grothus, Marie-Luise Wolff, Präsidentin des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft, Reiner Haseloff (CDU), Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt und Sebastian Lachmann, Industriekaufmann beim Energieunternehmen LEAG in Cottbus. Thema der Sendung: Klimaschutz und Kohleausstieg – werden die Milliarden richtig investiert?

"Wir sind von Studien und Zahlen überfrachtet"

Doch wer hat hier überhaupt den Durchblick? Sebastian Lachmann sprach aus, was wohl viele so empfinden: "Wir sind von Studien und Zahlen überfrachtet.“ Was man aber sicher sagen könne, denn die neuen Technologien würden schließlich ihr Geld kosten: "Der Strompreis wird weiter steigen.“ Na, bitte, dann wäre das mit dem Kerzenvorrat wohl doch keine schlechte Idee. Und warme Decken sollte man wohl besser auch bereithalten. Aber vielleicht kommt ja noch wer, der auch mal gute Nachrichten hat.

Für den Kohleausstieg will die Bundesregierung 50 Milliarden in die Hand nehmen. Die damit verbundenen Ziele würden erreicht, so Frohbotschafter Haseloff. Von wegen, wetterte hingegen Umweltaktivistin Grothus, die sowieso dem "Klimabraten“ nicht traut. In Bezug auf dem vor einem Jahr ausgehandelten Kompromiss sprach sie von "Skandal“ und "Kungelrunden“. Haseloff setzte dagegen: "Wir sollten diesen Kompromiss nicht kaputtreden. Guckt nach Frankreich was da los ist, da ist eine Gesellschaft, die nicht mehr konsensorientiert ist“. Die "Kungelrunden“ wies er empört von sich: "Das ist unsere Arbeitszeit, unser Job“.

Schreckensszenario folgt Schreckensszenario

Von einer "Beerdigungsveranstaltung“ sprach hingegen Marie-Luise Wolff  – und meinte damit die Talkshow. Ihr missfiel, dass dauernd vom Ausstieg die Rede sei. Stattdessen müsse man viel mehr über den Einstieg reden: "Wenn wir abbauen, bauen wir auch auf.“ Die Lücke von Kern- und Kohleenergie müsse durch die Erneuerbaren geschlossen werden.120 Kraftwerke würden schließlich sterben. Und es müsse alles innerhalb von 15 Jahren ersetzt werden, "damit es nicht kalt wird und das Licht ausgeht.“ Schon wieder: Schreckensszenario Kerzenbeleuchtung.

Ein anderes Schreckensszenario: eine Landschaft aus Windrädern. Dagegen verwehrt sich der Süden des Landes bisher erfolgreich. Und lässt sich vom Osten versorgen, wo, wie Haseloff klagte, "ein Windrad neben dem anderen steht“. Das sei nicht länger hinnehmbar: "Der Süden muss auch was tun.“ Auch der CDU-Politiker verwies auf die Kosten der Klimawende. "Jeder der, glaubt, sie wäre kostenneutral, der irrt sich.“

Umweltaktivistin sieht gesellschaftlichen Frieden gefährdet

Und wer denkt an die Menschen, die vom Abschalten der Kraftwerke betroffen sind? Wer gibt ihnen Perspektive? Umweltaktivistin Grothus warnt eindringlich: "Der gesellschaftliche Frieden ist gefährdet.“ Schon jetzt gäbe es verlassene Orte, Menschen, die alles verloren hätten. Auch CDU-Politiker Haseloff ist sich mit LEAG-Mitarbeiter Lachmann sorgen sich um eine "Destabilisierung unserer Gesellschaft“.

Während die Talkgäste weiter in Theorien schwelgten, sorgte sich im Internetforum zur Sendung Nadine um ihre Zukunft: "Ich werde dieses Jahr neunzehn und ich finde, wir haben eine lebenswerte Zukunft verdient.“ Es dürfte wohl niemand erwartet haben, dass die nach einer Sendung am Sonntagabend garantiert werden kann. Und: kann sie es je?