VG-Wort Pixel

Anne Will Bautzen-Diskussion: Je später der Abend, desto mehr rutscht das Thema aus der Hand

Runde bei Anne Will
Runde bei Anne Will: Die Diskutanten hätten gut daran getan, sich selbst gleich wieder auszuladen
© Screenshot/ARD
"Anne Will" in der Schlechtwetterfront: Ihre Talkshow bringt mal wieder nichts Erhellendes. Auf der Agenda: Ursachenforschung zur jüngsten Eskalation in Bautzen. Irgendwann blieb die Erkenntnis: Abschalten oder abschalten - was hilft sonst?
Von Sylvie-Sophie Schindler

Zu gratulieren ist denen, die es nach dem "Tatort" noch rechtzeitig geschafft haben, den Sender zu wechseln oder die Glotze ganz auszuschalten. "Ist das Satire?", schrieb ein User im Internetforum zum gestrigen ARD-Talk von Anne Will. "Null Punkte", urteilte der nächste. Wieder ein anderer empörte sich: "Da gehören echt Nerven dazu, wenn man diese Sendung bis zuletzt durchhalten will." Oder anders gesagt, mit Wettertief "Theresia" begann das Wochenende, mit TV-Tief "Anne" endete es. Schwindliger noch als bei einer Karussellfahrt auf dem Oktoberfest konnte einem da beim Zuhören werden, denn die Debatte drehte und drehte sich und drehte sich im Kreise. Erkenntnisgewinn: keiner.

Bürgermeister auf Liste der Verdächtigen

Die Diskutanten hätten gut daran getan, sich selbst gleich wieder auszuladen, denn ob sie allesamt überhaupt Lust hatten, dabei zu sein, blieb fraglich. "Eskalation in Bautzen - was steckt dahinter?", so das Thema. Zumindest einer scherte aus und legte sich argumentativ so richtig ins Zeug: Der Oberbürgermeister der rund 40.000-Einwohner- Stadt, Alexander Ahrens. Kein Wunder wohl. Hier sprach jemand mit großer Realitätsnähe. Einer, der wesentlich mehr weiß über Bautzen als in welchem Bundesland es liegt. Allerdings stand er bei Anne Will von Anfang an auf der Liste der Verdächtigen. "Stehen Sie unter der Fuchtel der Rechtsextremen?", argwöhnte die Moderatorin. "Wie kommen Sie da drauf?", fragte Ahrens zurück. Der Parteilose wehrte sich im Laufe der Sendung wiederholt gegen den Vorwurf, Bautzen sei ein "rechtes Nest". Das könne allein schon deshalb nicht sein, "denn sonst wäre ein linker Vogel wie ich nicht gewählt worden."

Ahrens räumte jedoch ein, das "Fehlverhalten der Flüchtlinge" falsch eingeschätzt zu haben. Er habe nicht erwartet, dass es so schnell zu einer solchen Eskalation kommen würde. Eine Aussage, die dann doch überraschte. Wer die Fakten kennt, weiß: Die Gewalt zwischen 80 Rechten und 20 minderjährigen Flüchtlingen in der Nacht zu Donnerstag war der Höhepunkt monatelanger Auseinandersetzungen in der Stadt. Bereits 72 Mal musste die Polizei seit dem Frühjahr zu Einsätzen auf dem Kornmarkt, von den Hiesigen "Platte" genannt, anrücken. Ahrens, einst im Berliner Bezirk Neukölln beheimatet und "ganz Anderes" gewohnt, habe die bisherigen Vorfälle lediglich als "Ruhestörung" gewertet.

Anne Will fällt auf: Was ist mit den Rechten?

Michael Kretschmer aber, Generalsekretär des CDU-Landesverbandes Sachsens, machte keinen Hehl daraus, er hatte es kommen sehen. Die Situation habe sich seit Wochen abgezeichnet, die Stadt sei dennoch "etwas überfordert" gewesen. Seine Parole für die Zukunft: "Mit aller Härte reagieren." Man dürfe die minderjährigen Flüchtlinge nicht gleichsetzen mit "wohlbehüteten deutschen Jugendlichen", sie kämen aus einer ganz anderen Lebenssituation. "Probleme mit Flüchtlingen müssen benannt werden", so Kretschmer weiter. Er warnte zudem davor, die gesamte sächsische Polizei unter Verdacht zu stellen.

Dass Kretschmer ausschließlich von Problemen mit Flüchtlingen sprach, fiel denn auch Will auf. Sie hakte wiederholt ein: "Aber es gibt doch auch Probleme mit den Rechten." Politikwissenschaftler Hans-Gerd Jaschke warf Kretschmer ebenfalls Einseitigkeit vor: "Sie können doch nicht einfach in Gut und Böse einteilen." Es habe sich um eine Interaktion gehandelt und demnach seien beide Parteien verantwortlich zu machen. Der Publizist Jakob Augstein, der sich ungewohnt selten einbrachte, aber gewohnt mit einem Kugelschreiber in der Hand gestikulierte, schlug sich indes, auch nicht überraschend, auf die andere Seite. Die Ausgangssperre und das Alkoholverbot, womit die Flüchtlinge abgestraft wurden, hätten genauso gut über die Rechtsextremen verhängt werden können. Augstein sprach deutlich von einem "kläglichen Versagen" und einem "Führungsproblem der sächsischen Polizei".

Hat das Land Sachsen zu lange weggeschaut, wenn es um rechte Gewalt ging? Beziehungsweise hat Gesamtdeutschland nach dem Mauerfall überhaupt schon richtig hingeschaut? Augstein erinnerte beispielsweise an Hoyerswerda und sprach von den "Pogromen der 90er-Jahre". Manuela Schwesig machte deutlich, dass die sächsische Landesregierung das Thema nicht ernst genug genommen, sondern jahrelang unter Teppich gekehrt habe. Die Bundesfamilienministerin

befand, dass man endlich sagen müsse, dass es bundesweit ein Problem mit Rechtsextremismus gäbe. Man dürfe das nicht nur "dem Osten" in die Schuhe schieben. Jaschke streifte kurz den Gedanken, ob es unter Polizisten womöglich auch Rechtsextreme gäbe, um gleich einzuräumen: "Das wäre ein eigenes Thema für eine nächste Sendung."

Kann oder muss man mit Rechten sprechen?

Je später der Abend, desto mehr rutschte das Thema aus der Hand. Die Ursachenforschung blieb an der obersten Oberfläche und bereits die Begrifflichkeiten im Diffusen. Immer seltsamer dann die Fragen. Will, als spräche sie über Außerirdische, wollte wissen: "Kann man mit Rechtsextremen reden?" Dazu der Bürgermeister: "Man muss mit denen reden." Hingegen die Bundesfamilienministerin: "Ich suche nicht den Dialog mit rechtsextremen Gewalttätern." Die Tatsache, dass es in Bautzen dringend einen Jugendclub braucht, einen Ort der Begegnung, den auch minderjährige Flüchtlinge aufsuchen können, insofern auch hilfreich in Sachen Gewaltprävention, inspirierte die Moderatorin schließlich zu der Überlegung: "Jugendclub oder abschieben, was hilft mehr?" Zurückgefragt: "Abschalten oder abschalten, was hilft sonst?"


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker