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Das Fernsehgericht tagt: "Sternstunde ihres Lebens": Frau Berben und die Frauenrechte

Iris Berben kämpft in "Sternstunde ihres Lebens" als eine der Mütter des Grundgesetzes für die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Gut macht sie das in diesem behäbigen, aber sehenswerten Film.

Von "Judge" Kester Schlenz

Elisabeth Selbert (Iris Berben) telefoniert mit ihrem kranken Mann

Elisabeth Selbert (Iris Berben) telefoniert mit ihrem kranken Mann

Bonn 1948. Der Parlamentarische Rat arbeitet das Grundgesetz der zukünftigen Bundesrepublik Deutschland aus. Für die Abgeordnete und Juristin Elisabeth Selbert (Iris Berben) ist ein Satz zentral: "Männer und Frauen sind gleichberechtigt." Leidenschaftlich kämpft sie dafür, dass dieser Satz Verfassungsrang erhält. Aber es scheint fast unmöglich. Selbert muss erkennen, dass die führenden, männlichen Köpfe des jungen deutschen Staates offenbar noch nicht soweit sind, die Gleichheit von Mann und Frau grundsätzlich anzuerkennen.

Selbst die CDU-Frauen im Parlamentarischen Rat wollen ihr nicht folgen, und auch den einen oder anderen Herren aus der SPD muss sie erst noch überzeugen, ihr Vorhaben auch wirklich entscheiden mitzutragen. Sogar ihre Sekretärin Irma (Anna Maria Mühe) steht Selberts Plänen zunächst skeptisch gegenüber. Zu ungewöhnlich erscheint es der jungen Frau, dass sie Männern in jeder Hinsicht auf Augenhöhe begegnen soll.

Am Ende fällt die Macho-Bastion

Mühe sorgt für die Emotionen in diesem historischen Kammerspiel. Iris Berben gibt - ganz Grande Dame des deutschen Films - mit Bravour die Kämpferische, Entschlossene, während Mühe erst durch die Affäre mit einem bigotten Abgeordneten zu feministischen Grundeinsichten gelangt. Schließlich realisiert das ungleiche Duo gemeinsam eine landesweite Kampagne für den Gleichberechtigungssatz. Das Echo ist gewaltig. Am Ende fällt die Macho-Bastion und der Satz "Männer und Frauen sind gleichberechtigt" wird im neuen Grundgesetz unter Artikel 3, Absatz 2 aufgenommen. Es ist der Beginn eines langen Kampfes um echte Gleichberechtigung im Lande.

Iris Berben, Anna Maria Mühe und viele andere (u.a. Lena Stolze, Maja Schöne, Max von Thun und Eleonore Weisgerber) machen ihre Sache gut. Das Drehbuch schrieb Ulla Ziemann, Regie führte souverän Erica von Moeller. Und auch wenn das Ganze manchmal etwas behäbig daher kommt - viel actionreicher kann man einen Kampf um Sätze in Sitzungssälen und Hinterzimmern wohl kaum erzählen. Und man staunt schon, wie rückständig und unnachgiebig patriarchalisch der deutsche Mainstream in den späten 40ern noch dachte. Die Frauen durften zwar im Krieg das Land am Laufen halten - gleiche Rechte wollte man ihnen aber nach dem Zusammenbruch des Nazi-Reiches noch lange nicht zugestehen.

Und Selberts Sieg war nur der Anfang. Es dauerte Jahrzehnte, bis Artikel 3,2 des Grundgesetzes auch bis in das Bürgerliche Gesetzbuch und den deutschen Alltag hinein wirkte. Noch bis 1958 konnte ein Ehemann ohne die Zustimmung seiner Frau ihr Arbeitsverhältnis kündigen. Und erst 1977 durften Frauen in unserem Land ohne Erlaubnis ihres Gatten berufstätig sein. Diese Tatsachen sollten all diejenigen nicht vergessen, die heute immer so locker-flockig über Feminismus und Frauen wie Alice Schwarzer oder Elisabeth Selbert witzeln. Wir alle - nicht nur die Frauen - haben ihnen viel zu verdanken.

Das Urteil: Gut abgehangenes Schulfernsehen. Hier kann man was lernen, wird aber dennoch auch gut unterhalten. Und man wundert sich, wie schwer sich die alten Knacker damals taten, den Frauen die grundsätzlichsten Rechte zuzusprechen. Besonders die von der CDU. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.

"Sternstunde ihres Lebens", ARD, 21. Mai, 20.15 Uhr