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Deutscher Fernsehpreis Ein Jahr nach dem Reich-Ranicki-Eklat


Ein Jahr ist es her, dass Marcel Reich-Ranicki den Deutschen Fernsehpreis ablehnte und eine Qualitätsdebatte um das deutsche Fernsehen entfachte. Am Wochenende wird der Preis wieder verliehen. Hat Reich-Ranickis Kritik etwas genützt? Eine ernüchternde Bestandsaufnahme.
Von Katharina Miklis

Es gab da diese Vorahnung. Als Marcel Reich-Ranicki im vergangenen Jahr beim Deutschen Fernsehpreis seinen Ehrenpreis ablehnte, gegen die Gala-Veranstaltung und das deutsche Fernsehprogramm wetterte, kurz: die ganze TV-Branche in Frage stellte, ließ sich diese dabei filmen, wie sie eifrig Beifall klatschte. Bereits da war klar: Es würde nicht besser werden. Dass es sogar noch schlechter werden konnte, ahnte man nicht.

Viel ist im Jahr nach dem Ranicki-Eklat diskutiert worden. Über die Arroganz der Elite, die Verdummung der Dummen und darüber, wie es denn nun steht um die Qualität des Fernsehens in Deutschland. Reich-Ranicki bekam nach seinem Wutausbruch beim Fernsehpreis eine halbstündige Sendung im ZDF, in der er mit Thomas Gottschalk über Brecht reden durfte, und die Öffentlich-Rechtlichen bekamen ihr Feigenblatt. Ein Jahr danach ist alles wie gehabt, als hätte es die Wut des alten Mannes nie gegeben. Der Fernsehpreis, der am Samstag in Köln vergeben wird, wartet mit gewohnter Belanglosigkeit auf. Die Ferres ist wieder dabei. "Wetten dass..?", "Schlag den Raab"... Als wäre nichts geschehen.

Das Schöne am Deutschen Fernsehpreis, der in diesem Jahr von Sat1 ausgerichtet wird, ist, dass man an ihm alljährlich sieht, wie es um das deutsche Fernsehen steht. Und man sieht: Es steckt in der Krise. Die Branche ist verunsichert, mutlos und ohne Selbstbewusstsein. Die Nominierungen sprechen für sich. In der Kategorie "Beste Unterhaltungssendung/Moderation"sind "Wetten dass..?", "Schlag den Raab" und "Willkommen bei Mario Barth" nominiert. Altbewährtes an Stelle von neuen Formaten. Das Schlimme ist: Es gibt auch gar keine Alternativen. Kaum ein Fernsehjahr war so fad wie 2009. So steckt man Thomas Gottschalk mit Mario Barth in eine Kategorie und wenigstens alle Sender sind glücklich. Wer letztlich den Preis bekommt, scheint zweitrangig. Hauptsache die Branche hat wieder einen Grund zu feiern.

Als bester Schauspieler in einer Hauptrolle ist neben Josef Hader ("Ein halbes Leben") und Axel Milberg ("Tatort: Borowski und die heile Welt") Matthias Schweighöfer für seine Rolle als Marcel Reich-Ranicki in "Mein Leben" nominiert. Ist das der Versuch der Jury, sich mit dem großen Literaturkritiker zu versöhnen?

Gottschalk: Proporzdenken und Eitelkeiten

"Ein Bündnis für mehr Qualität im Programm - so verstehen ARD, ZDF, Sat1 und RTL den Deutschen Fernsehpreis", sagte Gerhard Zeiler, ehemaliger Geschäftsführer RTL Television, 1999 bei der ersten Ausgabe des Fernsehpreises. Aber wenn man sich alljährlich die Nominierungen anschaut, muss man sich schon fragen: Geht es hier wirklich um Qualität? Klar, sind auch Perlen dabei. Kategorien wie "Beste Reality-Sendung" oder "Bester Fernsehcoach", die sich die Jury von Jahr zu Jahr neu ausdenkt, um fragwürdigen TV-Trends hinterherzuhecheln, stellen die Ernsthaftigkeit der Veranstaltung jedoch immer wieder in Frage, schmälern die Relevanz und sind nicht zuletzt eine Unverschämtheit gegenüber den anderen Nominierten. Ein klares Profil lässt sich beim Fernsehpreis seit Jahren nicht erkennen.

Thomas Gottschalk kennt das Problem des Deutschen Fernsehpreises. "Natürlich sind solche Events auch hochpolitische Nummern, von Proporzdenken geprägt, von Eitelkeiten dominiert", bemerkte er im letzten Jahr. Anders kann man sich die Nominierungen in mancher Kategorie auch nicht erklären. Bezeichnend sind sie im Genre "Beste Serie": Da wäre die äußerst schwache RTL-Serie "Lasko - Die Faust Gottes" und, noch schlimmer: "Der Lehrer", ebenfalls RTL. Wie es so eine Produktion, die bereits zwei Jahre im Giftschrank des Senders lag und vor kurzem mit schlechten Quoten und noch schlechteren Kritiken versendet wurde, zum Deutschen Fernsehpreis schafft, ist fraglich. Der Bayerische Rundfunk darf sich über die Nominierung der Serie "Franzi" freuen. Sind das wirklich die drei besten Serien, die das deutsche Fernsehen zu bieten hat? In Zeiten, in denen sich ARD und ZDF um Jörg Pilawa streiten, darf man wohl keine Innovationen erwarten.

"Es war alles so unglaublich langweilig", schimpfte der Literaturkritiker vor einem Jahr. "Und zwischendurch immer wieder Köche, nichts als Köche. Es war schrecklich." Einer dieser "TV-Köche" bekommt in diesem Jahr den Ehrenpreis, den Marcel Reich-Ranicki im letzten Jahr ablehnte: Alfred Biolek. Es ist nicht davon auszugehen, dass auch bei ihm die Emotionen überkochen. Es dürfte eine harmlose, belanglose Veranstaltung werden. Alles wie gehabt. War was?


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