Die Medienkolumne Yvonne Catterfeld - festgefahren im Klischee


Ihre Beziehung zu Wayne Carpendale, der künftig als neuer Landarzt das ZDF-Publikum beglücken wird, ist nicht mehr. Aber auch beruflich steckt die inzwischen brünette Erfurterin in einer Krise. Der angestrebte Image-Wandel macht das Elend erst recht deutlich.
Von Bernd Gäbler

Die Zeit ist reif. Yvonne Catterfeld strebt nach ihrer frühen Gesangskarriere als schmachtende Diseuse keuscher Liebeslieder mit ernster Absicht der Schauspielerei zu. Ursprünglich ist sie ja auch einer TV-Serie entsprungen - im RTL-Dauerbrenner "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" spielte sie bis 2005 die Rolle der Julia Blum. Unter all jenen jugendlichen Hupfdohlen mit ähnlich gelagerten Karriere-Starts schien sie - einige gewandte Auftritte in Talk-Shows legten das nahe - keineswegs die blödeste zu sein. Dass sich etwas ändern müsse, spürte sie wohl schon länger. Sie färbte ihre Haare von blond auf braun, überwarf sich mit dem alten Management und brachte neue Platten auf den Markt. Von Stund' an wollte sie ernst genommen werden. Das ist verständlich für eine bald 28-jährige, gut ausgebildete junge Frau.

Wenn Liebe doch so einfach wär'. Am Dienstagabend nun ist ein erstes Produkt dieser angeblichen Besinnung zu besichtigen. Der Familiensender Sat.1 strahlt um 20.15 Uhr einen Film aus, den Wohlmeinende so annoncieren: "Die Freunde von Pilcher und Co. werden's mögen." Yvonne Catterfeld schmückt allerdings auch das Zeitschriftencover dieser Wohlmeinenden. Der Film ist nicht einfach eine der handelsüblichen Schmonzetten - nein, er schafft es, selbst deren Niveau noch einmal um Längen zu unterbieten.

Es sträubt sich schon alles, will man nur den Plot erzählen. Die Drehbuchautoren müssen sich bei diesem Auftragsjob entweder gebogen haben vor Lachen oder sie waren völlig bekifft. Katrina Lang, jene Figur, die Yvonne Catterfeld kongenial verkörpert, ist ein adrettes Mädchen, das irgendwo an einem mecklenburgischen Provinzbahnhof freundlich Fahrkarten verkauft und jeden Morgen pünktlich auf denselben Bahnsteig geht, um ein Schild hochzurecken gegen die geplante Bahnhofschließung, denn in jenem donnernd vorbeirauschenden ICE sitze der Bahnchef, wird gemunkelt.

Selbstverständlich ist das brave Kind ein Waisenkind. Und ganz einsam. Und findet nicht den Richtigen. Denn die Dorfburschen sind zwar nett, vermögen die im Herzen Edle aber nicht zu befeuern. Jäh, wie es der Zufall und das klemmende Drehbuch so will, wird sie in den Stammsitz der steinreichen Hamburger Reedersfamilie Berger (auch die Namen sind vermutlich nach vorgängigem Quotentest erdichtet worden) gerufen. Hier nun wird sie aufgrund bisher unbekannter Verwandtschaftsverhältnisse Erbin und folglich sofort in allerlei Intrigen verstrickt. Und da sind zwei hübsche Söhne, mit denen sie bedeutungsvoll Blicke tauschen kann. Die Lösung soll noch nicht verraten werden, schon aber die Qualität des Spiels.

Yvonne, Schauspielerin wider Willen?

Am Anfang des Films muss Yvonne spielen, wie ein müdes Mädchen aufwacht, nach dem Wecker tastet, erst in falscher Richtung, dann in den Kaktus fasst, endlich das Geklingel stoppt. Sie macht es genauso wie man es im Schülertheater machen würde. Keine Regisseurin hat ihr verraten, dass es so nicht geht. Das Signal: Achtung, jetzt spielen, darf der Zuschauer eben nicht spüren. Aber so ist es immer. Ob sie betont munter durch die Provinz radelt, traurig auf das Foto der verstorbenen Eltern schaut, oder eben - was das schlimmste ist - Verliebtheit spielt. Das geht nämlich stets allein mit einem Blick. Das strahlt das Auge oder verengt sich sehnsüchtig.

Auch Verlegenheit ist im Repertoire. Denn wahre Liebe ist im tiefsten Innern immer aseptisch keusch, fällt vom Himmel und gilt nur jenem einen, den die Vorsehung auserwählt hat. Ob sich dessen Herz auch öffnen wird? Alles ist aufgesetzt, alles ist falsch. Warum nur hat keiner Yvonne Catterfeld davor bewahrt? Zumal sie das alles schon in 65 Folgen der vorzeitig beendeten Vorabend-Telenovela "Sophie - Braut wider Willen" durchexerziert hat - allerdings in umgekehrter sozialer Perspektive (reiche Tochter verliebt sich in armen Hansel). Wer sich freiwillig in Stagnation begibt, kommt darin um. Aus Kitsch im Quadrat ist kein Honig für eine künstlerische Entwicklung zu saugen.

Aura.

Der frühere RTL-Juror Thomas Stein hatte sie entdeckt. Als KIV und Vivienne war sie schon aufgetreten. Dieter Bohlen nahm sie unter die Fittiche und überließ ihr das Lied "Für Dich", das ursprünglich für eine der Erstplazierten des RTL-Wettbewerbs "Deutschland sucht den Superstar" vorgesehen war. Es katapultierte sie an die Spitze aller Hitlisten. Nichts die Jungs lechzten nach dieser neuen blonden Schönen, die Mädchen identifizierten sich mit ihrer gehauchten Liebessehnsucht. Das Management beeilte sich zu betonen, dass Yvonne Catterfeld an der Musikhochschule Leipzig gut ausgebildet worden sei. Dies zu beurteilen fiel immer schwer, da Yvonne Catterfeld vor allem hauchte, trällerte, juchzte und schluchzte.

Aber sicher war sie fleißig, ehrgeizig, pflichtbewusst und diszipliniert. Und stets von jener glattgebügelten Schönheit, die mit Sex nie in Berührung kommt. Auch deswegen durfte sie lange nicht erwachsen werden. Auch deswegen konnte die Boulevard-Presse ihr hämisch die unkeuschen Tanzbewegungen unter die Nase reiben, die ihr damaliger Freund Wayne Carpendale mit seiner Tanzlehrerin in einer entsprechenden RTL-Sendung vollführte. Will Yvonne Catterfeld sich retten, muss sie endlich ihre Menschwerdung einleiten und das Kitschkorsett energisch sprengen.

Bum

. Gerade dreht sie ihren ersten Kinofilm, ist zu hören, ausgerechnet mit Atze Schröder als unfreiwilligem U-Boot-Kommandanten im Zweiten Weltkrieg. Na, das wird was werden! Nora Tschirner, die mit "Sternenfänger" im ARD-Vorabend begann, hat längst in wunderbaren Kinofilmen gespielt. Selbst Jeanette Biedermann spielt schon im "Tatort" mit und Alexandra Neldel, das massenkompatible Sat.1-Gesicht par excellence, hat zwischendurch in ambitionierten Filmprojekten wie "Sie haben Knut" mitgewirkt. Felicitas Woll, einst nur "Lolle", ist gereift; Jessica Schwarz eine große Schauspielerin geworden. Können sie ihre Altersgenossin nicht einmal beraten? Natürlich müsste Yvonne Catterfeld bereit sein zu lernen. Wie wäre es einmal mit einem guten Regisseur? Mit einem Risiko? Denn immerhin gibt es das auch - ganz wenige Momente, in denen Yvonne Catterfeld in Spuren an Romy Schneider erinnert. Jetzt allerdings müsste sie begreifen, dass nicht die Fassade entscheidet, sondern Leidenschaft.


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