HOME

Stern Logo DSDS - Deutschland sucht den Superstar

DSDS: Siebte Mottoshow: Der Kleinste fliegt raus

Keine falschen Telefonnummern, keine Skandale. Die siebte Mottoshow war vor allem eines: lang. Also mussten die Zuschauer selbst für Aufregung sorgen - und wählten prompt den Falschen raus.

Von Mark Stöhr

Was macht wohl Marco Schreyl am Tag nach einer Show? Vielleicht fährt er raus ins Grüne und reinigt seine Ohren mit den Frühlingsliedern der Meisen und Kleiber. Oder er legt sich in die Badewanne und schmettert mit vollem Stimmeinsatz seine Lieblingssongs, bis die Finger schrumpelig sind und die Nachbarn von unten gegen die Decke bollern.

Vielleicht aber kommt er auch gar nicht erst aus dem Bett heraus. Wie Migräneattacken drücken ihn die schlimmen Erinnerungen an den vorherigen Abend immer wieder zurück ins Kissen. Der peinliche King Kong-Auftritt von Dieter Bohlen, das Teleshopping-Grinsen von Marco Angelini, das Poolbillard-Dekolleté von Fernanda Brandao. Vor allem aber: die vielen verhunzten Versionen wirklicher Perlen der Popgeschichte. Und Schreyl wird sich vielleicht seinen Satz noch einmal sagen hören, der ihn nun am meisten quält: "Schöner kann die Woche nicht mehr werden."

An #link;www.stern.de/thema/dsds;DSDS# ist Vieles schlimm. Am schlimmsten ist aber der Gesang. Und davon gab es reichlich in der siebten Mottoshow. Fünfzehn Auftritte mussten durchgepeitscht werden. Schwerstarbeit für die Bühnenbildner und Tänzerinnen, die bemüht waren, um die Darbietungen der fünf Kandidaten herum noch halbwegs sendefähiges Material zu produzieren. Schwerstarbeit auch für all jene Zuschauer im Studio und vor dem Fernseher, die sich für Musik interessieren.

Öde Show, langweilige Kandidaten

Es gibt in der aktuellen "Superstar"-Staffel nicht viel, was vom Wettbewerbskern ablenkt. Keine Knastkarrieren der Kandidaten, keine Klo-Koksereien, keine Katerschädel. RTL checkte die Bewerber vorher im Nacktscanner minutiös auf dunkle Flecken in ihrer Biografie und hat nun den Salat. Die angebliche Liaison zwischen Sarah und Pietro ist ein Langweiler, der entzogene Führerschein von Ardian unter Skandal-Gesichtspunkten eine Lachnummer. Selbst die Plaudereien des Österreichers Marco unter der Woche, der der Jury Befangenheit unterstellte, hatten das Aufregerpotential einer Staumeldung.

Die Kandidaten haben nur sich und die Bühne. Eine Kombination, wie gemacht für einschlafende Füße. Die Jury erfindet daher laufend Labels, die sie den Nachwuchssängern anheftet. Eine Art Warencode zur besseren Wiedererkennung. Ganz hoch im Kurs zur Zeit: der "Pietro-Style". Auch gestern wieder war er in aller Munde. Nur, was soll das sein? Die Beschreibung eines Teenagers, der sich mit dem Sprechen und Texte-Merken gleichermaßen schwertut und von allen behandelt wird wie ein dressierter Schimpanse? Oder bezeichnet er eine bestimmte Art zu singen, bei der jeder Ton noch einen Japser und Schluchzer übergebraten bekommt?

Pietro ist der Liebling der Jury

Patrick Nuo fand Pietro Lombardi winselnde Parodie von Kris Allens "To Make You Feel My Love" "traumhaft". Vielleicht war der Schweizer auch nur kurz eingenickt, Ebenfalls Bestnoten für ihre Gesangsleistung kassierte Sarah Engels. Der Jurypräsident krittelte lediglich an ihrer Bühnenpräsenz herum: "Du bist 18 und stehst da wie eine Bügelstation." Ein treffendes Bild für drei Auftritte mit viel Stimme und ohne einen Hauch von Sex-Appeal.

Und Marco Angelini und Ardian Bujupi? Die bekamen wie gewohnt ihr Fett ab. Bohlen über Angelini, den Alpen-Alptraum aus Graz, nach "Hollywood Hills" von Sunrise Avenue: "Würde ich dich erkennen, wenn ich dich im Radio höre? Würde ich nicht." Bohlen über Bujupi, den Provinz-Playboy aus Heidelberg, nach "(I Just) Died In Your Arms Tonight" von Cutting Crew: "Das war Käse, verlatscht, verzogen, mit krassen falschen Tönen." Und doch qualifizierten sich beide fürs Viertelfinale. Eine ziemliche Sensation.

Sebastian Wurth muss gehen

Wie so oft ereignete sich der einzige Pulsschlag der Show kurz nach Mitternacht bei der Bekanntgabe der Zuschauerentscheidung. Dass es Sebastian Wurth erwischte, den abermals mit Abstand souveränsten und glamourösesten Kandidaten des Abends, machte selbst Bohlen baff. War das Programm des 16-Jährigen, der sich "very british" präsentierte, zu anspruchsvoll für seine Fangemeinde? Hatte nur die Bundesgemeinschaft der Solariumsgebräunten und Ganzkörperrasierten zum Telefon gegriffen? Oder war das Jugendschutzgesetz schuld, das Wurth nach 22 Uhr keine Auftritte mehr auf der Bühne erlaubte und ihm so die Möglichkeit nahm, bis zum Ende in vollem Maße für sich zu werben?

Auch Marco Schreyl brauchte einen Moment, um sich zu fassen. Dann sagte er seinen einzigen ruhigen und präzisen Satz in der ganzen Show: "Damit hat niemand gerechnet." Wenn das mal kein böses Erwachen gibt.